Alles Licht, das wir nicht sehen

Erstes Buch 2017 direkt perfekt (fast)

Alles Licht das wir nicht sehen von Anthony Doerr / Abbildung entstammt den vom Verlag zur Verfügung gestellten Informationen

Worum es geht

Die beiden Jugendlichen Werner und Marie-Laure, kurz vor und während des 2. Weltkrieges. Es wird erzählt, wie die Charaktere immer weiter aufeinander zusteuern. Sich entwickeln und lernen müssen, mit den Umständen zu leben. Schauplätze sind Deutschland und Frankreich, teilweise auch Russland und Österreich.

Werner kommt mit einem Teil der Hitlerjugend in Berührung. Marie-Laure flüchtet gemeinsam mit ihrem Vater in den französischen Ort Saint Malo, der kurz darauf von den Deutschen besetzt wird.

Ich muss vorgreifen: Es ist einfach wunderschön, dieses Buch.

Was ich erwartet habe

Klassischer Coverkauf. Das Buch stand immer so nett in den Buchhandlungen herum, richtig damit befasst hatte ich mich jedoch nicht. Irgendwann musste es mit. Ich wusste, dass es eine Kriegsgeschichte ist. Ich wusste, dass das Mädchen in der Geschichte blind ist. Mehr war mir nicht bekannt. Es stand zunächst nur im Regal rum, bis ich kurz angelesen habe. Und dann war es um mich geschehen.

Was ich bekommen habe

Diese Sprache! Noch nie habe ich so wunderschöne Formulierungen lesen dürfen; so malerische Bilder in den Kopf gesetzt bekommen. Vor dem Hintergrund, dass das Beschriebene vollkommen schrecklich und grausam ist, ergibt sich eine seltsam faszinierende Mischung. Die Geschichte an sich entwickelt sich langsam, der Fokus liegt auf Beschreibung von Stimmungen, Geräuschen und kleinen Ereignissen. Das große Ganze ergibt sich in winzigen Schritten. Hier ist der Weg wirklich das Ziel. Trotzdem ist es spannend.

Vor allem bekam ich einen – für mich – realistisch wirkenden Einblick in das damalige Leben. So kann es gewesen sein denke ich. Die Stimmung vor und im Krieg. Das zuerst euphorische Volk, das immer stiller und entsetzter die Auswirkungen zu spüren bekommt. Jungs, die zu reinem Kanonenfutter gezüchtet werden. Widerstand, Hunger, Verlust und mittendrin immer wieder ein wenig Licht.

Wie Werner mehr und mehr in die Maschinerie hineingerät und sich seine Ansichten unter der permanenten Gehirnwäsche ändern, ist erschreckend nachvollziehbar dargestellt. Das Aussieben der Schwächeren durch die Nazis bleibt ein permanent präsentes Thema des Buches. Ich war Zeuge, wie die Ideologie sich festsetzt und fruchtet. Nicht mit erhobenem Zeigefinger und belehrend, sondern „realistisch“ und fließend, einfach nebenbei, Tag für Tag.

Das Schlimme daran war für mich, dass ich viele Gedankengänge irgendwann nachvollziehen konnte und sie nicht mehr komplett abwegig erschienen. Das ist für mich der Kern des Ganzen, auf den alles hinausläuft. Zwischen den Buchdeckeln steckt mehr Geschichtsunterricht als in jedem Schulbuch oder in jeder Spiegel TV Reportage. Weil es sich so echt anfühlt und wirklich so gewesen sein kann.

Wie ich es fand

Für mich ist das Buch nahezu perfekt. Von nur sehr wenigen Titeln kann ich sagen, dass ich sie wieder lesen werde. Dieses gehört definitv dazu. Die zweite Hälfte habe ich an einem einzigen Sonntag gelesen, an Aufhören war nicht zu denken.

In anderen Rezensionen habe ich gelesen, dass nicht alles historisch korrekt sein soll. Mir ist das egal. Ob bestimmte Ereignisse in einer anderen Reihenfolge geschehen sind, machte für mich keinen Unterschied. Das Gefühl ist das selbe, und es bleibt. Selten beschäftigt mich eine Geschichte im Nachgang noch länger. Diese wirkt nach. Noch immer. Viele Bilder haben sich eingebrannt. Nach diesem Buch hatte ich Schwierigkeiten, sofort etwas Neues zu lesen. Diese Art von Sprache hat mich umgehauen….genauer kann ich es gar nicht beschreiben. Was Anthony Doerr mit den Worten macht, las ich so noch nicht. Er schreibt blumig, ohne kitschig zu sein und trifft dennoch so punktgenau die Stimmungen….unglaublich.

Einzig das Ende empfand ich als erzählerisch zu lang gezogen. Was mit den Personen geschieht, ist eine Sache –

(mehr handlungsbezogene Gedanken hier: SPOILER)

– das Nachspiel wurde für meinen Geschmack jedoch zu sehr ausgebreitet. 98% der Geschichte konzentrieren sich auf die Hauptpersonen. Zum Ende hin geht es dann um andere Charaktere (welche auch mit allem zu tun haben), was alles unnötig verlängert. Hier hätte ich mir einen knackigeren Ausstieg gewünscht. So ergibt sich ein nicht zu 100%, sondern nur zu 99% rundes Gesamtbild. Vollständig perfekt wäre ja auch langweilig, oder?

 

 

Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence 
Originaltitel: All the Light We Cannot See
Originalverlag: Scribner

Taschenbuch, Broschur, 528 Seiten, 11,8 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-442-74985-0

€ 10,99 [D] | € 11,30 [A] | CHF 15,50* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag:  btb

Erschienen: 11.07.2016

Leseprobe

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