Ein wenig Leben

Ein Buch, das ich so sehr gern mögen möchte

Worum es geht

Copyright: Hanser Berlin / Datei entstammt den vom Verlag zur Verfügung gestellten Materialien zum Buch (buchhandel.hanser.de)

Der Lebensweg von 4 Freunden, begleitet über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten vom College bis in die späten Lebensjahre hinein.

Der Fokus liegt auf der Vergangenheit einer der vier Hauptpersonen. Und die Auswirkungen seiner Kindheits-/Jugenderlebnisse auf sein restliches Leben – in physischer und psychischer Hinsicht.

Was ich erwartet habe

Zum ersten Mal fiel mir das Buch auf Instagram auf. Im Sommer 2016 wurde es durch meist amerikanische Bookstagramer und auch Booktuber dann sehr gehyped und oft fotografiert/besprochen. Zu dem Zeitpunkt befand ich mich mitten im Donna Tartt Fieber und stufte „A little life“ handlungs- und schreibtechnisch auch so ein (ohne mich wirklich mit dem Inhalt befasst zu haben, um Spoiler zu vermeiden).

Natürlich konnte ich nicht widerstehen und bestellte das englische Taschenbuch. Und natürlich schaffte ich ungefähr 5 Seiten, bis mich meine Sprachkenntnisse verließen. Lesen wollte ich es dennoch, und wartete brav auf die deutsche Veröffentlichung.

Der Werbeaufwand wurde hierzulande hochgefahren vom Hanser Verlag. Webseite, Leseevents und die Jutebeutel mit den Namen der vier Hauptcharaktere drauf, Instagram auch hierzulande und und und. Dadurch erwartete ich: Geschichte über Freundschaft von vier (schwulen?) Typen. In einem literarischen Stil, der (hoffentlich) an den von Frau Tartt herankommt.

Was ich bekommen habe

Kurz gesagt – nichts bzw. kaum etwas von dem, was ich erwartet hatte. Auf das ganze Buch hin betrachtet. Auf den ersten 200 Seiten kam es an meine Vorstellung noch heran. Die 4 Hauptpersonen werden nach und nach vorgestellt, eingeführt und als Freundesgruppe beschrieben. Mit guter Dynamik untereinander, einem schönen „New York Gefühl“ und angedeuteten Problemen, welche nie ganz aufgelöst wurden (Spannungsaufbau vorhanden).

Dann verlagerte sich der Fokus auf eine der Personen (Jude), die fortan zur absoluten Hauptperson wurde. Später rückte eine weitere Person der 4er Gruppe wieder mehr ins Geschehen. Die anderen beiden tauchen immer mal wieder auf, sehr am Rande und größtenteils unwichtig.

Wie ich es fand

Das kann ich nur sehr schwer beantworten. Für die vielen Seiten habe ich 3 Wochen benötigt. Nur sehr langsam kam ich voran. Das ist den oft überlangen Schachtelsätzen geschuldet, die absolut kleinteilig jeden Gedanken und jede Gefühlsregung sezieren. Das meine ich nicht negativ – es machte das Lesen nur anstrengend. Ich konnte es definitiv nicht einfach so weglesen.

Da ich kein Psychologiestundent bin und auch nicht sehr empathisch, war ich mit der Thematik teilweise überfordert. Die Verhaltensmuster und Entscheidungen von Jude erschienen mir nicht logisch. Sicher ist das Krankheitsbild genau so, und sicher liegt all das in seiner Vergangenheit begründet. Für mich als „Außenstehender“ ohne weiteres Wissen darüber war vieles befremdlich.

Ein amerikanischer Booktuber bezeichnete das Buch als „torture porn“ – immer noch eine Schippe mehr Leid, Drama, Krankheit obendrauf. Seltsamerweise fand ich das gar nicht so schlimm wie befürchtet. Und unrealistisch kam es mir auch nicht vor. Das Geschehen zieht sich über viele Jahre und wirkt durch die Buchform sehr konzentriert. Denkbar ist fast alles. Lediglich einige Details des jugendlichen Leidensweges waren mir zu viel und extrem übertrieben (seltsame Zufälle). Die Autorin hat laut ihren Aussagen jedoch bewusst dramatisiert, um Grenzen auszuloten. Das ist ihr gelungen. Pauschal zu sagen, dass mir das Buch nicht gefallen hat, funktioniert nicht. 960 Seiten hätte ich ansonsten nicht durchgezogen.

Aber: Es hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Zu sehr ist es auf die Krankheitsgeschichte konzentriert, zu wenig auf die Freundschaftsgeschichte, zu wenig auf New York. Nicht immer ist es schön formuliert. Die Passagen aus der Sicht eines anderen Erzählers wirken seltsam deplatziert und falsch, wie nachträglich eingefügt. Es hat mich nur sehr selten getroffen oder wirklich ernsthaft berührt. Leider verstehe ich nicht ganz, warum. Ich möchte es mögen und es wieder lesen wollen und sagen, dass es zu meinen Top-Büchern ever gehört. Ist jedoch nicht so.

Es war eine Erfahrung; sehr intensiv und anders als die meisten anderen Bücher davor. Das Buch wird seinen Platz in meinem Regal behalten. Sogar empfehlen würde ich es  – wenn ich das Gefühl habe, jemand kommt dafür in Frage und kommt damit klar.

 

www.ein-wenig-leben.de

Hanya Yanagihara
Ein wenig Leben
Roman
Übersetzt von Stephan Kleiner

960 Seiten
ISBN : 978-3-446-25471-8
€ 28,00 (D)
€ 28,80 (A)
CHF 36,90 (CH) Unverbindliche Preisempfehlung

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