Der kleine Freund

My Girl

Was ich erwartet habe

Nach „Die geheime Geschichte“ und „Der Distelfink“ sehr sehr viel, in Theorie. Zuvor hatte ich gehört, dass dieser Roman nicht an die anderen beiden herankommen würde.

Daher war ich skeptisch und gleichzeitig gespannt. Um immer noch einen Roman der Autorin ungelesen vor mir zu haben, habe ich ihn lange im Regal belassen. Jetzt musste es endlich sein. Selbstverständlich lag meine Motivation auch darin, alle Werke einer Autorin einmal gelesen zu haben.

Wobei es noch eine Kurzgeschichte gibt („Die Strumpfbandnatter“). Ob ich diese noch lesen/hören werden, kann ich nicht einschätzen. Brennendes Interesse besteht momentan nicht daran.

Worum es geht

Eine Familie in den amerikanischen Südstaaten, irgendwann in den 70ern. Vor zwölf Jahren ist der damals neunjährige Sohn der Cleves umgekommen (an einem Seil, an einem Baum). Seine jetzt knapp 13 Jahre alte Schwester Harriett beschließt, den Auslöser des nie aufgeklärten Vorfalles ausfindig zu machen. Eine weitere Familie aus einer anderen sozialen Schicht kommt ins Spiel. Es wird viel erzählt. Über Alltägliches, Harriets Großmutter, Mutter, die Tanten. Ihren Kumpel Hely. Kleine und große Dramen.

Was ich bekommen habe

Das, was der Klappentext beschreibt, ist nicht wirklich zwischen den Buchdeckeln zu finden. Vermarktet als literarischer „Krimi“, handelt es sich eher um ein Familien- bzw. Gesellschaftsportrait.

Sehr ausführlich beschreibt Donna Tartt das Leben inmitten des Familiengeflechts. Meistens geschieht dieses aus Sicht der jungen Harriett. Teilweise schwenkt die Perspektive um – auf die Schwester, die Großmutter, Hely und Mitglieder der anderen Familie. Immer wieder religiöse Einschübe und seitenweise….Schlangen. Schlangenjagd, Schlangenbeschreibungen, Schlangenbefreiungen.

Ich war nie in den Südstaaten und habe wahrscheinlich einen romantisch verklärten Blick darauf – hier werden sie sehr ausführlich so beschrieben, wie sie wohl wirklich sind. Heiß, wirtschaftlich nicht überall gut aufgestellt und mit erschreckend rassistischen Ansichten von Teilen der Bevölkerung.

Wie ich es fand

Überwiegend langweilig, langatmig und nichtssagend. Ich liebe ihre anderen Romane und könnte/werde sie immer wieder lesen. Aufgrund der eher negativen Stimmen war ich wirklich skeptisch. Diese Stimmen haben meiner Meinung nach Recht.

Mir ist 765 Seiten lang nicht klar geworden, was Donna Tartt ausdrücken wollte. Krimi? Ziel nicht erfüllt. Der „Ermittlungsanteil“ ist mikroskopisch klein und dient nur als Auslöser für die eigentlichen Geschehnisse. Harriet beschließt aufgrund einer einzigen Aussage, wer der Täter gewesen sein muss, und jagt ihm fortan hinterher.

Das ist jedoch so langatmig ge- und beschrieben, dass sie kapitelweise den Fokus darauf verliert. Dabei bleibt sie seltsam unnahbar beschrieben und blass. Eine Mischung zwischen Pippi Langstrumpf, Vada aus den „My Girl“ Filmen und einer Mini Lisbeth Salander. Sie ist zwölf, handelt jedoch abwechselnd wie eine 25 und eine siebenjährige.

Ihr Freund Hely Hull trotte(l)t leicht tumb hinter ihr her, wie der My-Girl-Thomas-J. Welche Funktion er in der Geschichte hat, erschloss sich mir ebenfalls nicht…außer Harriet zu bewundern und ihr bei Schlangen-Aktionen zu helfen, passiert nicht viel mit ihm.

Die immer wieder eingestreuten Episoden der rüstigen Tanten wirkten zu gewollt. Pseudo-lustige Geschichten über verschrobene Damen, die zu nichts führten als einem etwas vorhersehbar tragischen Storytwist.

Beschreibung der Gesellschaft? Es werden drei Seiten gezeigt, die dafür nicht ausreichen. Oberschicht (die Cleves, zumindest ehemals), Unterschicht (die „White-Trash“ Familie Ratliff) und das Hauspersonal. Und der Rassismus. Er ist da und wird beschrieben…oberflächlich.

Abbildung entstammt der offiziellen Seite des Verlags

Ganze Handlungen werden nur angerissen und nicht zu Ende geführt, das Buch endet quasi mittendrin. Damit habe ich generell keine Schwierigkeiten. Hier habe ich mir jedoch einige Antworten und Erklärungen gewünscht. Vergebens. Wie sie daran angebliche elf Jahre schreiben konnte, ist schon eine Hausnummer.

Nicht alles ist „schlecht“, das nicht…ja, sie kann auch hier Stimmungen kreieren und ich wollte, egal wie langatmig es war, wissen, wie es weitergeht. Teilweise gab es auch etwas wie Handlung. Die ist nur so dünn und belanglos (oder ich habe sie nicht verstanden), dass ich das Buch schon bald wieder vergessen haben werde. Sehr schade.

Dankbar bin ich dafür, dass es Donna Tartts zweiter Roman war: Wäre es der erste – ich hätte sie nicht weiter gelesen. Wäre es der aktuelle – ich würde nichts mehr von ihr lesen wollen. So verbleibt eine Art Ausrutscher für mich. Der typisch schwierige, zweite Roman. Nach einem großartigen Erstling gescheitert an meinen Erwartungen. Der Rausch hat sich nicht wiederholt.

Ich fand positiv

  • Südstaatenstimmung – nicht kitschig verklärt, sondern so, wie es wohl sein wird. Donna Tartt ist dort aufgewachsen und kennt sich dementsprechend aus in der Gegend
  • Stimmung, die mich an andere Bücher/Filme erinnert – Stephen Kings „Es“ + „Stand by me“, My Girl
  • Es ist von Donna Tartt, verdammt

Ich fand nicht so positiv

  • Handlung zu locker und unbefriedigend – in einen Roman verpackt wirkt belanglos und langweilig, was in der Realität so denkbar wäre
  • Charaktere durchweg blass und unnahbar
  • Die Geschichte ist viel zu lang

 

 

Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt
Originaltitel: The Little Friend
Originalverlag: Alfred A. Knopf

Taschenbuch, Klappenbroschur, 800 Seiten, 12,5 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-442-48058-6

€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Goldmann

Erschienen: 16.12.2013

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