alias Grace

 

Wie war es denn nun….damals

Was ich erwartet habe

Ich mag historische Romane. Wenn diese noch auf Tatsachen beruhen, sind sie umso spannender. Ich habe keinen großen Bezug zu Kanada, seiner Geschichte und irgendwelchen Vorkommnissen (außer Anne auf Green Gables ;))

Zudem möchte ich mit den Büchern von Margaret Atwood beginnen; aufgrund der interessanten Geschichte und des Settings erschien mir dieses als ideal.

Bedenken hatte ich auch einige: Zu verkopft? Zu sehr in Gedankenspielereien verpackt?

Worum es geht

Die Autorin mischt Tatsachen und Fiktion in diesem Buch. Das Hausmädchen Grace Marks wurde in 1839 des Mordes an ihrem Vorgesetzten und einer anderen Hausangestellten bezichtigt, für einen der Morde angeklagt und zu Gefängnis verurteilt. Dort verbrachte sie ca. 30 Jahre und wurde schließlich begnadigt.

Die Geschichte erzählt, wie der angehende Psychologe Simon die einsitzende Grace zu den Geschehnissen und ihrem Leben davor befragt. Während man (eher durch Briefwechsel) seine Erlebnisse erfährt, fasst Grace langsam Vertrauen zu ihm und legt ihr Leben dar. Über allem schwebt ständig die große Frage: War sie es, oder war sie unschuldig?

Die Person Grace Marks ist in Kanadas Geschichte berüchtigt, da der Kriminalfall damals die Massen faszinierte. Es gibt einiges, was belegt ist – und einiges, was nicht bekannt ist. Vieles ist verwirrend (so gibt es verschiedene widersprüchliche Geständnisse von Grace).

Was ich bekommen habe

Meine Bedenken waren sehr schnell ausgeräumt. Hier handelt es sich um einen waschechten historischen Roman, samt Art der Sprache, viktorianischem Setting und entsprechenden Thematiken.

Es geht nicht nur um den Kriminalfall; dieser ist ein großer Teil des Gesamtbildes, aber nicht immer völlig im Fokus. Vielmehr werden auch andere Themen angesprochen: Auswanderung, schwierige Familienverhältnisse, das Verhältnis von Ober- und Unterschicht, Entwicklung der Psychologie, die viktorianische Gesellschaft an sich. Dazu eine Portion Frauengefängnis und Entwicklungsroman.

Die Sprache bewegt sich auf einem sehr schönen Niveau und ist der damaligen Art von Formulierungen angepasst. Besonders der Briefwechsel zwischen Simon und seiner Mutter gibt Einblicke in die Umstände der Zeit.

So ist sehr viel enthalten zwischen den Buchdeckeln; mehr als ich erwartet hatte.

Wie ich es fand

Sehr sehr gut, Projekt Atwood ist geglückt. Ich hatte es nicht so „viktorianisch“ erwartet und war daher positiv überrascht über die ausführliche Ausbreitung dieser Epoche. Besonders die Wiedergabe von wirklichen Texten zu dem Fall/der Tat (Lieder, Auszüge aus Geständnissen), gemischt mit belegten Tatsachen und fiktiven Elementen, funktionierte perfekt für mich. So ergibt sich ein Gesamtbild, das sehr passend erscheint.

Teilweise war ich etwas entnervt von der Naivität Graces. Doch realistisch betrachtet – wie soll sie anders gewesen sein, mit einem solchen Werdegang und solcher Herkunft? Auch diese Darstellung hat ihre Berechtigung. In den letzten Kapiteln begegnet man dann einer deutlich gereiften Grace, die fast modern daherkommt. Daher auch das Gefühl einer Entwicklungsromanes.

Relativ wenig erzählt Atwood über den angeblichen Komplizen James McDermott. Er wird nur oberflächlich beschrieben, ich konnte ihn nicht wirklich einordnen. Vielleicht liegt das an nur unzureichenden überlieferten Informationen zu ihm, die die Autorin nicht zu sehr aus eigener Fantasie anreichern wollte. Dennoch fehlte hier gefühlt ein Stückchen.

Sehr intensiv ging es in den letzten Kapiteln dann um Simon und um seine Erlebnisse. Ohne zu spoilern kann ich sagen, dass einige Informationen aus dem Klappentext definitiv nicht korrekt sind; sie sind einfach kein Thema innerhalb der Geschichte. Weshalb sie dennoch genannt werden, kann ich mir nicht erklären. Handelt es sich um pure Werbung, um damit eine Zielgruppe anzusprechen? Oder habe ich das Buch in dem Punkt nicht verstanden?

Es endet langsam und nicht mit einem Knall. Eine große Enthüllung gibt es nicht, viele Fragen bleiben offen. Und nur so kann es auch sein. Alles andere wäre Fiktion, die das Buch automatisch sehr unseriös werden ließe. Die jetzt gewählte Lösung ist gut, wie sie ist.

Als Einstieg in die Bücher der Autorin passte dieses perfekt für mich. Ich werde definitiv mehr von ihr lesen, und auch nicht sehr lange darauf warten.

  • € 12,99 [D], € 13,40 [A]
  • Erschienen am 09.01.2009
  • 624 Seiten, Broschur
  • Übersetzt von: Brigitte Walitzek
  • ISBN: 978-3-8333-0572-6

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