Margaret Atwood: Der Report der Magd

Was ich erwartet habe

Momentan gibt es, bedingt durch die Hulu-Serie, einen gewissen Hype um dieses Buch. Dieser hat mich natürlich beeinflusst; zumindest ist der Titel dadurch mehr in mein Blickfeld gerückt. Das großartige Cover tat seinen Rest dazu, sodass es nun Zeit für diese Geschichte war.

Zuerst aufmerksam auf das Buch wurde ich im letzten Jahr, durch Booktube Videos einiger Rezensenten. Geschrieben wurde es bereits in den 80ern.

Durch die Videos wusste ich ungefähr, was auf mich zukommt. Details hatte ich vergessen (zum Glück), sodass ich einigermaßen unvoreingenommen und ungespoilert loslegen konnte. Bekannt war mir: Es geht um eine Gesellschaftsform, in der Frauen sehr unterdrückt und ausgenutzt werden.

Worum es geht

In Atwoods alternativer Zeitlinie  haben religiöse Fanatiker die Regierung übernommen und das Leben stramm nach ihren Vorstellungen gestaltet. Ein Teil der U.S.A (oder auch Kanada), vielleicht auch das ganze Land, heißt nun Gilead. Frauen haben verschiedene „Funktionen“ und sind dementsprechend in eine Art Kastensystem einsortiert. In diesem haben sie ihre Funktion zu erfüllen und werden streng kontrolliert. Aus Sicht des Staates: „beschützt“.

Man begleitet die Protagonistin Desfred in ihrem Alltag. Für viele Menschen ganz simple Verrichtungen wie der Gang zum Markt, ein Bad oder das Ankleiden danach bilden den Rahmen für die Handlung. Nebenher erfährt man durch die Beobachtungen und Gedankengänge von Desfred, wie die Gesellschaft in ihrer Lebensumgebung aufgebaut ist und wem welche Rolle zuteilwurde. Sie gewährt Einblicke in ihr altes Leben vor der Neuordnung ihrer Welt, ihre Familie, den Vorgang der Neuausrichtung.

Schleichend und unterschwellig regt sich ein Widerstand in ihr. Und im Rahmen Desfreds begrenzter Möglichkeiten versucht sie, eine oder zumindest ihre persönliche Art von Freiheit und Selbstbestimmung zu erlangen.

Wie ich es fand

Absolut grandios gut! Mein drittes Jahreshighlightbuch habe ich mit diesem definitiv gefunden. Es gehört zusätzlich zu den besten Büchern, die ich bisher in meinem Leben las. Selten kann ich mir vorstellen, eine Geschichte irgendwann noch einmal zu lesen – Der Report der Magd ist ganz klar eine davon. In den Zeilen steckt so vieles, was man erst später erkennt oder zu verstehen glaubt.

Oberflächlich gesehen geschieht nicht viel. Desfred bewegt sich durch ihren Alltag und sinniert über das, was sie sieht und woran sie sich erinnert. Das Erschreckende daran ist, wie sehr sie das Gesellschaftsgefüge, in dem sie leben muss, scheinbar akzeptiert hat. Auflehnung existiert nicht für sie. Wer einen Verlauf wie in Jugenddystopien erwartet (Protagonist/in ist die/der Auserwählte, zuständig für die Befreiung der ganzen Welt und der Vernichtung des bösen Herrschers) – bekommt eben dieses nicht.

Desfreds Art, sich zu wehren, ist zunächst sehr zahm und unentschlossen. Mir schien es sogar so, dass sie sich über weite Teile mit ihrem Dasein abgefunden hat und genauso verharren möchte. Das wird besonders klar, als sich ihr später handfeste Möglichkeiten bieten, ihr Leben zu ändern. Denn sie verzichtet. Eingeschüchtert durch die Schicksale anderer Menschen beschließt sie, dort zu bleiben, wo und wie sie ist. Innerhalb ihrer Situation hat sie sich eingerichtet und Wege gefunden, damit fertig zu werden.

Für mich lebt das Buch von genau diesem Konflikt. Wenn wir so sehr in ein System gepresst werden, dass uns keine realistische Möglichkeit zum Wehren bleibt – ab wann fügen wir uns? Und wenn wir sehen, was mit den Wehrhaften geschieht – wollen wir das genau so erleben? Oder verbleiben wir in unserem Dasein, wie es ist? Wenigstens ein bisschen warm und trocken? Nicht jeder hat genug Mut und Energie, um zu widersprechen. Ist das automatisch ein Anzeichen für Schwäche, oder haben diejenigen nicht auch ein Recht auf diese Lebensart?

Die Handlung ist nie spektakulär und nie auf Effekte gerichtet. Bomben fallen an anderen Orten, Tötungen dienen der Abschreckung, Lenkung und Unterdrückung. Spektakulär hingegen ist die Sprache und sind die Bilder, die Atwood heraufbeschwört. Manchen Satz musste ich mehrfach lesen, weil so viel mehr in ihm steckt als es zuerst schien.

Nach allen langsamen Beschreibungen und der vordergründig dünnen Handlung wirkt das Ende fast hastig und zu schnell präsentiert. Rückschauend betrachtet ist auch das genau so perfekt, wie es ist. Desfred wird (genau wie ich es wurde) überrascht von neuen Möglichkeiten für sie. Entscheidungsmöglichkeiten, die sie bisher nicht kannte.

Natürlich gehört der folgende Satz in jede anständige Besprechung eines Buches mit dystopischen Elementen: „Besonders in Hinblick auf die aktuellen politischen Geschehnisse auf der Welt ist die Geschichte so realistisch!“

Er passt auch hier. Mehr als in anderen Büchern, die ich kenne.

Desfred ist so sehr in ihrem Alltag gefangen, dass sie gar nicht genau weiß, wer der „Gegner“ ist. Aufgrund wahrscheinlich manipulierter Nachrichten ist ihr nicht bekannt, wer hinter der aktuellen Regierung steckt. Ich als Leser, gepolt auf Feindbilder, wartete und wartete auf eine Enthüllung. Um zu wissen, wen es zu bekämpfen galt. Diese Enthüllung erfolgt jedoch nicht. Gemeinsam mit Desfred war ich weiter unwissend. Mich störte das sehr. Sie jedoch nicht mehr wirklich. Sie nahm es so hin. Was dem Buch so eine Wucht verleiht.

Es sind solche Details, die den Schrecken verbreiten. Nicht die Leichen, Essensrationierungen und Militärüberwachungen. Sondern der Umgang der Bevölkerung mit ihrer Situation und der Hinnahme und Resignation. Diese Details sind es, die ich eher mit der Realität verbinden kann. Denn wahrscheinlich würde auch ich zu denen gehören, die sich fügen. Eine heftigere Erkenntnis gab mir bisher keine andere Geschichte. So wird diese noch lange nachwirken und Unbehagen bei mir auslösen.

Chapeau, Frau Atwood.

 

  • € 11,00 [D], € 11,40 [A]
  • Erschienen am 03.04.2017 (in dieser Ausgabe)
  • 416 Seiten, Broschur
  • Übersetzt von: Helga Pfetsch
  • ISBN: 978-3-492-31116-8

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