Håkan Nesser: Die Lebenden und Toten von Winsford

Was ich erwartet habe

Bücher von Håkan Nesser sind immer etwas Besonderes für mich. Keine klassischen Krimis, sondern eher Erzählungen mit kriminellen Bestandteilen in der Handlung. Immer geht es um die Charaktere; die Handlung ist „nur“ der Rahmen für deren Entwicklung. Nesser schreibt oft unterschwellig ironisch (in der Kommissar van Veeteren Reihe) und hat teilweise religiöse Motive in seine Geschichten integriert (Kommissar Barbarotti Reihe).

Bei diesem Buch handelt es sich um kein Werk innerhalb einer Reihe, es steht für sich allein. Um nicht zu viel im Vorwege zu erfahren, habe ich den Klappentext nicht gelesen. Vielmehr verließ ich mich voll und ganz auf den Autor. Von ihm habe ich bisher nie etwas Enttäuschendes gelesen. Erwartungshaltung also: Nesser, hoffentlich wie immer.

Worum es geht

Die Schwedin Maria Anderson mietet sich in ein einsames Haus mitten im englischen Exmoor ein. Sie befindet sich nur in Begleitung ihres Hundes, unternimmt Spaziergänge mit ihm durch die Gegend und nimmt langsam Kontakt mit einigen Bewohnern des nahegelegenen Dorfes auf.

In Rückblenden erfährt man Details aus Marias Leben, warum/wie sie nach England gelangte, was sie dort möchte und ob ihre Planung von Erfolg gekrönt sein wird.

Was ich bekommen habe und wie ich es fand

Die Handlung ist sehr ruhig und entfaltet sich erst nach und nach. Sehr viele Beschreibungen der Landschaft und Stimmung werden gebrochen von den Rückblicken (teilweise auch Träumen) der Protagonistin. In der Gegenwartshandlung geschieht nicht viel, oder anders gesagt geschieht es nicht schnell. Erst gegen Ende nimmt die Geschichte an Geschwindigkeit auf. So bleibt man über lange Zeit im Unklaren darüber, worum es denn überhaupt geht. Irgendwann fügen sich die Teile zusammen. Genau daraus zieht das Buch seine Stärke, da es überraschend ist. Ich mag Nessers Stil sehr und war durch die langen Beschreibungen des englischen Landstriches nicht gelangweilt. Im Gegenteil: Jetzt möchte ich dort gern hinfahren.

Einige Elemente der Geschichte wirkten minimal aufgesetzt. So versuchte der Autor, durch hinlänglich bekannte Szenen eine unheimliche Stimmung zu schaffen (unheimliches Kind hinter Fenster eines unheimlichen Hauses, unverhofft knurrender Hund etc.). Diese Passagen wirkten auf mich zu sehr gewollt.

Darin habe ich den einzigen Makel für mich gefunden. Das Buch ist ein typischer Nesser mit all seinen kopflastigen Figuren, teilweise skurrilen Gedankengängen und der etwas überraschenden Auflösung. Die kommt schnell daher. Was nicht schlimm für mich war, denn es geht letztendlich nicht darum, wie es ausgeht. Der Weg dahin war viel spannender.

  • Taschenbuch: 464 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (9. Mai 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442713897
  • ISBN-13: 978-3442713899
  • Originaltitel: Levande och döda i Winsford
  • Aus dem Schwedischen von Paul Berf

 

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