Stephen King + Peter Straub: Der Talisman

Was ich erwartet habe

Stephen King und ich haben eine gemeinsame Vergangenheit. In meiner frühen Jugend auf dem Dorf, ohne die ständige Erreichbarkeit von Büchern und neuen Geschichten, war der Bücherbus der nächstgrößeren Stadtbücherei mein Dealer. In dem engen Gang stieß ich damals auf meinen ersten King. Heute weiß ich gar nicht mehr genau, welches Buch von ihm das erste für mich war (ich glaube Friedhof der Kuscheltiere). Es folgten weitere, womit seine Bücher die ersten Titel mit „erwachsenen“ Themen für mich waren. Ob Stephen King der geeignete Autor dafür ist, einen 11/12-jährigen an Bücher heranzuführen, sei dahingestellt. Sicher habe ich nicht alles verstanden, aber die simplen Grundideen, aus denen er immer wieder etwas Besonderes ausbaute, erkannte ich schon damals.

Es kamen andere Autoren dazu, mit anderen Themen und anderen Schreibstilen. Nach einigen langatmigen King-Büchern (Tommyknockers, Insomnia) verlor ich seinen weiteren Werdegang aus den Augen. Er interessierte mich nicht mehr. Vor einigen Jahren versuchte ich mich aufgrund einer glühenden Empfehlung an „Sara“, kam mit dem ausschweifenden Stil jedoch nicht zurecht und brach ab. Thema erstmal beendet.

Bis…ein gewisser Hype auf Booktube und Instagram entstand. Oder war er immer präsent und fiel mir erst später auf? Im Schatten der Verfilmung der Dunklen Turm Reihe und der Neuverfilmung von ES kochen die King-Themen hoch. Mit ES probierte ich es in 2016 auch, da ich nur den alten Film kenne und das Buch nie gelesen hatte. Sagen wir so: Es pausiert, da ich es nicht wirklich mag/mochte. Zu ausführlich bei zu wenig Handlung. Besonders weit bin ich allerdings noch nicht. Es spukt immer in meinem Hinterkopf herum und allein um es zu bezwingen, möchte ich es nicht fallenlassen.

Der Talisman erschien mir geeigneter, es wieder mit King zu versuchen. Da er nicht der alleinige Autor war, erschien mir eine Chance realistisch, hier einen etwas gestrafften Stil vorzufinden. Von Peter Straub kenne ich kein einziges Buch. Dennoch setzte ich meine ganze Hoffnung in ihn, Stephen etwas in die Schranken zu verweisen. Ich greife jetzt etwas vor: Es ist grandios gelungen.

Worum es geht

Der zwölfjährige Jack Sawyer checkt mit seiner Mutter Lily in einem relativ einsamen Hotel an der amerikanischen Ostküste ein. Sie ist eine ehemalige Schauspielerin, leidlich bekannt geworden durch eine Reihe von B-Movies. Gemeinsam mit ihrem Sohn befindet sie sich auf einer Flucht, vor dem Bruder ihres verstorbenen Mannes. Er hat es auf die Firmenanteile abgesehen, die Lily  bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes verwaltet.

Jack langweilt sich und streift durch den nahegelegenen Freizeitpark, der in den Herbstmonaten, zum Zeitpunkt der Handlung, leer steht. Dort trifft er auf einen Mann, mit dem er sich anfreundet. Ihre gegenseitige Sympathie wirkt fast wie Vorbestimmung… Nachdem Jack eine Art Erscheinung hat, geschieht sehr schnell sehr viel. Er erfährt durch seinen neuen Freund von einer Parallelwelt, in der einige Personen aus unserer Welt Zwillinge haben, Twinner genannt. So ist der Twinner von Jacks Mutter die Königin der Parallelwelt – und dort sterbenskrank.

Der Junge besitzt die Fähigkeit zum Wechsel zwischen den Welten. Wenig überraschend ist seine Bestimmung klar: Reise auf die andere Seite, Rettung der Königin und dadurch der gesamten Welt. Hier und da. Denn es gibt viel mehr Verbindungen und Parallelen als anfangs gedacht, in die Jack und seine Familie tief verwoben sind.

Er macht sich auf die Reise (vom äußersten Osten der USA bis in den äußersten Westen), lernt viele neue Freunde und Feinde kennen und wächst nach und nach daran.

Wie ich es fand

Jahreshighlight, Einstieg zurück zu King und zugleich eines der besten Bücher, das ich generell las. Die fast 1000 Seiten habe ich innerhalb von zwei Wochen ausgelesen, was für mich sehr schnell ist.

Nach wenigen Seiten war ich komplett drin. Die Stimmung am Anfang (altes, leeres Hotel im Herbst, mitten am Meer, alter Freizeitpark, auch leer) bringen die Autoren mit einer Wucht rüber, die ich in Büchern lange vermisst hatte.

Das Buch lässt sich nicht viel Zeit zu beginn. Schnell wird die Welt der Handlung kreiert, die Mythologie geschaffen und der Protagonist hineingeworfen. Natürlich weiß ich nicht, ob diese Geschwindigkeit wirklich an der Zusammenarbeit mit Straub liegt oder ob King auch allein so gewirkt hätte. Die Hauptsache ist: Es funktioniert perfekt.

In der Regel finde ich das Thema „Auserwählter geht auf eine Reise, um die Welt zu retten“ so dermaßen breitgetreten, dass ich nichts mehr davon lesen möchte. In der Regel. Der Talisman bestätigt die Ausnahme. Im Fokus steht gar nicht so sehr der weiter Weg oder die Ereignisse dabei; vielmehr sieht man Jack dabei zu, wie er von Station zu Station lernt, erwachsener wird und die zuerst unfreiwillig übertragene Aufgabe annimmt und ausfüllt. Dabei trifft er auf einige der besten Charaktere, die ich in Büchern je erleben durfte. Zu denen ich eine Bindung aufbaute, was mir mit fiktiven Figuren selten passiert.

Es ist trotz des vergleichsweise schnellen Starts ein typischer King (Herrn Straub möchte ich nicht bewusst unterschlagen, nur der Stil ist grundsätzlich…King). Seine bekannten Themen komme alle vor (Alkoholismus, Krankheiten, Verlust, Liebe, religiöser Fanatismus, markige Sprüche, derbe Ausdrücke, urplötzlich stille Momente…alles da. So liegt hier auch eine Reise durch all seine Geschichten vor, nur verpackt in eine weitere Erzählung.

Wenige Makel habe ich für mich gefunden. So verhält sich Jack für sein junges Alter oft so, als wäre er eher 15/16 statt 12. Einige Passagen hätte eine Kürzung vertragen – die Aufenthalte in der Kneipe und dem Heim weisen Längen auf. Das große Finale wird geringfügig zu kleinteilig beschrieben. Inmitten der tollen Sprache und der immer spannenden Handlung fallen diese Punkte kaum merklich ins Gewicht.

Ich bin wieder drin, plane meine King Sammlung aufzubauen und möglichst viel von ihm zu lesen. Die Schuld daran trägt „Der Talisman“; ein Buch, das ich jedem dringend ans Herz lege. Was hier für ein Feuerwerk an Geschehnissen und Emotionen abgebrannt wird, erlebte ich selten zuvor in dieser Form. Nun hoffe ich, dass der zweite Teil (Das schwarze Haus) nur ansatzweise an den ersten reicht, und dass irgendwann der dritte Band erscheint. Es soll sich um eine Trilogie handeln…Daumen drücken.

Taschenbuch, Broschur, 960 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-87760-3
€ 11,99 [D] | € 12,40 [A] | CHF 16,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen: 01.07.2004

Übersetzt von Christel Wiemken

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