Deborah Feldman – Unorthodox

Was ich erwartet habe

Etwas völlig Falsches. Aufgrund der wenigen Infos, die ich im Vorwege aufgenommen hatte: Eine Art reißerische „Nicht ohne meine Tochter“ in der jüdischen Version. Da ich völlig ungebildet bin, was den jüdischen Glauben angeht, erhoffte ich mir tiefere Einblicke. Gepaart mit einer spannenden Handlung. Dass es sich um wahre Ereignisse handelt, war mir bekannt. Ich bin mit dieser vorgefertigten Meinung zunächst falsch an das Buch herangegangen.

Worum es geht

Die Autorin beschreibt ihr Aufwachsen inmitten einer streng gläubigen jüdischen „Sekte“, die ghetto-artig isoliert in Williamsburg/New York existiert.

Unorthodox von Deborah Feldman / Bild entstammt der offiziellen Seite des Verlages zum Buch

Die Anhänger empfinden den Holocaust als Strafe Gottes und möchten mit ihrer Lebensart dafür büßen sowie einen weiteren Holocaust verhindern.

Dafür fügen sie sich in ein Leben, das bestimmt wird von strengen Regeln, Entbehrungen und ständiger Angst. Besonders die Frauen werden drastisch unterdrückt und fungieren quasi nur als Haushälterinnen und Gebärmaschinen. Öffentlich dürfen sie sich kaum zeigen; wenn sie sich nach draußen begeben, dann nur sehr verhüllt und zu bestimmten Zeiten. Vorbildliche Damen rasieren sich ihr Haar komplett und tragen Perücken. Und so weiter und so fort – eine Welt voller Regeln.

Die Erzählung setzt ein, als Deborah Feldman 13 Jahre alt ist. Sie wächst bei ihren Großeltern auf (Vater nicht in der Lage für die Erziehung, Mutter aus der Gemeinschaft ausgestiegen) und hat nie ein anderes Leben geführt. Ihr Großvater ist eine Art Gelehrter innerhalb der Gemeinde und absolut überzeugt von seinem Glauben, weiteren Einfluss übt eine energische Tante aus. Je älter die Autorin wird, desto rebellischer wird sie und versucht im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sich kleine Freiräume zu erobern. Während sie den üblichen Lebensverlauf einer Frau innerhalb ihrer Gemeinde „abarbeitet“, summieren sich Ereignisse und Erkenntnisse, die später zu einer Abkehr von dem Glauben und seinem Reglement führen.

Wie ich es fand

Ich habe das Buch vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen – vielen Dank dafür.

Zugegebenermaßen anfangs schwierig. Statt der von mir erwarteten Enthüllungen aus dem Inneren einer seltsamen Sekte, beschreibt Feldman einfach ihr Leben. Familienverhältnisse werden erklärt, Tagesabläufe und die vielen vielen Feste innerhalb der jüdischen Gemeinde ausgebreitet. Der Schreibstil ist dabei stets klar und sehr konzentriert beschreibend. Ein Stil, der mir mehr liegt als zu blümerante Ausführungen anderer Autoren. Dennoch fand ich viele Seiten lang keinen Zugang. Erst als die kleine Deborah eine größere Deborah wird und mehr hinterfragt, wurde es für mich interessanter.

Daraus kann ich keinen Kritikpunkt machen – hatte ich schlicht etwas Anderes erwartet. So reißerisch wie ich dachte, war es einfach nicht.

Umso eindrucksvoller wird der weitere Verlauf der Geschichte von ihr erzählt: Welche Erniedrigungen eine angehende Braut und schließlich zwangsverheiratete Frau in dieser Glaubensrichtung ertragen muss. Wie die Gemeinschaft reagiert, wenn die neu gegründete Familie nicht so funktioniert, wie es erwartet wird. Wie Deborah Feldman beginnt, sich langsam innerlich und dann auch äußerlich zu wehren.

Es handelt sich um eine breit erzählte Entwicklungsgeschichte. Als ich das endlich erkannte, konnte ich mich völlig darauf einlassen. Es fiel mir schwer, das Buch beiseite zu legen. Während ich für das erste Drittel recht lang benötigte, folgten die beiden weiteren innerhalb kürzester Zeit und ließen mich kaum los. Auch jetzt habe ich Feldmans Erlebnisse noch nicht ganz verarbeitet.

Man kann keine vernünftige Bewertung eines biografischen Romanes vornehmen. Wer bin ich, dass ich reale Ereignisse in eine enge Schublade aus Sternen oder positiv/negativ Punkten pressen dürfte?! Der literarische Rahmen gefiel mir sehr gut – Sprache auf dem Punkt, Gedankengänge nachvollziehbar beschrieben, garniert mit stimmungsvoller New York Atmosphäre. Der eigentliche Kern jedoch, also das Leben der Autorin, spricht für sich selbst.

Ich danke Deborah Feldman für die oft sehr intimen Einblicke in ihren Werdegang. Er hat mich sehr beeindruckt.

 

Aus dem Englischen von Christian Ruzicska
Originaltitel: Unorthodox
Originalverlag: Simon & SchusterTaschenbuch, Klappenbroschur, 384 Seiten, 12,5 x 18,7 cm, 1 s/w AbbildungISBN: 978-3-442-71534-3
€ 10,00 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: btb
Erschienen im Taschenbuch: 19.06.2017

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