Abir Mukherjee – Ein angesehener Mann

Was ich erwartet habe

Einen Roman mit Krimihandlung in einem historischen Umfeld, aus dem ich bisher nichts las. Schon länger hatte ich jedoch vor, etwas aus dem Umfeld der britischen Kolonien/Indien zu lesen. Da das Buch momentan in aller Munde ist, habe ich es als Rezensionsexemplar angefordert und freundlicherweise erhalten.

Worum es geht

Der britische Kriegsrückkehrer Sam Wyndham hat in seiner Heimat nichts mehr, was ihn dort hält. Er nimmt das Angebot seines Vorgesetzten an, sich nach Kalkutta versetzen zu lassen – mitten in eine durch Besetzung der britischen Kolonialmacht zerrissene Gesellschaft. Das Land wurde einige Jahre zuvor verwaltungstechnisch geteilt. Es regt sich Widerstand.

Schon kurz nach seiner Ankunft muss Wyndham ermitteln; ein britischer Regierungsbeamter wurde in einem Stadtteil ermordet, in dem sich fast nur Einheimische aufhalten. Gemeinsam mit einem indischen und einem urbritischen Kollegen macht er sich an die Arbeit.

Dazu kommen Schwierigkeiten persönlicher Natur, mit denen der Protagonist sich herumplagen muss. Und – natürlich – eine für ihn interessante Frau.

Wie ich es fand

Bei dem Roman handelt es sich um den Erstling des Autors, was man ihm über weite Strecken auch anmerkt. Er schreibt solide. Jedoch völlig ohne sprachliche Ausgefeiltheit oder Überraschungen. Irgendwie habe ich alles schon mal so oder ähnlich in anderen Titeln gelesen, mir fehlte das Alleinstellungsmerkmal und das Besondere.

Dabei ist das Setting ist neben den ganzen Schweden + U.S.A. Thrillerreihen mal etwas Neues. Nur leider nutzt Mukherjee es nicht vollständig aus. Nahezu alles, was hier passiert, gibt und gab es schon an anderer Stelle. Abgesehen von den gesellschaftlichen Spannungen, vor deren Hintergrund sich die Krimihandlung entfaltet, wirkte die Geschichte fast beliebig auf mich. Das ist schade; hatte ich mir doch deutlich mehr erhofft. Mit leichten Abwandlungen hätte all das auch in der Gegenwart oder in jeder anderen Stadt spielen können.

Kalkutta wird gut beschrieben. Viele der Orte und die gesamte Stimmung waren greifbar für mich. Mithilfe der eingedruckten Karte kann man den Wegen der Protagonisten gut folgen und alles nachvollziehen. Manchmal hatte ich mir noch mehr Details gewünscht (Unterschiede der einzelnen Stadtteile und Bezirke). Im Großen und Ganzen hat der Autor hier jedoch alles gut herausgearbeitet.

Was die historische Stimmung für mich jedoch nahezu kaputt machte, war die zu moderne Sprache der Personen. Nicht, dass ich 1919 in Kalkutta gewesen wäre und wüsste, wie dort gesprochen wurde. Dass es exakt wie heute gewesen sein soll, kann ich mir jedoch nicht vorstellen….das ist doppelt schade, da so die an sich gute und stimmungsvolle Beschreibung der Stadt nicht zur Geltung kommt. Einige Dialoge wirken dadurch fast lächerlich.

Die Charaktere bleiben seltsam blass und haben kaum Tiefe. Ich fand fast keinen wirklich interessant. Das übliche Personal in solchen Geschichten (Ermittler mit traumatischer Vergangenheit / geheimnisvolle Frau auf die er steht / arroganter Wirtschaftsboss und so weiter). Nur der Inder Banerjee, der nach und nach mehr Raum in der Handlung erhält, ist interessant.

Sams private Probleme haben keine Auswirkungen auf die Geschichte und wirken zu konstruiert, fast so, als sollte es dadurch interessanter wirken. Vielleicht werden sie im nächsten Teil wichtiger.

Es fehlt definitiv ein Glossar, um einige unbekannte Begriffe zu erklären. Viele davon konnte ich mir selbst zusammenreimen. Einige blieben für mich das ganze Buch hindurch nicht logisch ableitbar und wären ohne weitere Recherche unerklärlich. Das ist schade, da das Buch an sich sehr sorgfältig und schön gestaltet ist.

Zusammengefasst bleibt für mich ein solider Erstling mit Mängeln, die mich nicht auf den (sicher kommenden) zweiten Teil hinfiebern lassen. Die an sich schöne Kulisse wurde durch die moderne Sprache zu sehr verwässert. Vielleicht wird dieses in Zukunft besser. Vielleicht war es aber auch genau so gewollt, um mehr Leser anzusprechen und nicht von einem zu historisch wirkenden Roman abzuschrecken.

Zu empfehlen für Leser, die noch nicht viele Krimis gelesen haben und ihre ersten Schritte in diesem und im Bereich von historischen Büchern wagen.

 

Gut

Nicht so gut

  • das Setting an sich – für mich neu
  • Beschreibung der gesellschaftlichen Spannungen
  • Kalkutta gut beschrieben
  • Banerjee – der einzig interessante Charakter
  • Klischee olé – fast keine besonderen Charaktere, fast alle flach
  • einige Längen
  • Sprache für einen historischen Roman zu modern
  • der eigentliche Fall ist zu bieder

Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Jens Plassmann
Originaltitel: A Rising Man
Originalverlag: Harvill Secker
Taschenbuch, Klappenbroschur, 512 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-42173-8
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen: 10.07.2017

Leseprobe

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