Stephen King + Peter Straub: Das schwarze Haus

Was ich erwartet habe

Nachdem ich durch den Vorgänger (Der Talisman) endlich wieder zu Stephen King geführt wurde, habe ich sehr viel erwartet. Der erste Teil der bisher zweiteiligen Reihe wird für immer zu meinen Favoriten gehören. Dementsprechend gespannt war ich auf die Fortsetzung. Auch, weil ich teilweise kritische Meinungen gehört hatte. Ich beschloss zur Sicherheit, meine Erwartungen daher etwas zurückzuschrauben.

Worum es geht

Der inzwischen erwachsene Jack Sawyer, Protagonist und Held aus Band eins, ist nach einer Polizeikarriere in Los Angeles sesshaft geworden.  Vermögend, wie er durch sein inzwischen vorhandenes Erbe ist, lässt er sich im Ort French Landing nieder und genießt seinen vorgezogenen Ruhestand dort. Dieser erinnert ihn leise an etwas aus seiner Vergangenheit. An was genau weiß er jedoch nicht, denn er hat alle Ereignisse von damals völlig vergessen.

In French Landing werden Kinder entführt und danach tot aufgefunden. Langsam werden es mehr. Die örtliche Polizei bittet Jack um seine Mithilfe. Widerwillig gibt er irgendwann nach. Was zum großen Teil daran liegt, dass der Täter sich mit ihm in Verbindung setzt. Und Jack sich erinnert. Und realisiert, dass die aktuellen Geschehnisse mit der Welt zusammenhängen, die er in “ Der Talisman“ als Jugendlicher bereiste.

So macht er sich an die Arbeit und erfährt, dass es ein viel größeres Ganzes gibt, das hinter allem steckt. Gemeinsam mit seinem besten Freund und der örtlichen Motorradgang macht er sich daran, die Ereignisse zu stoppen.

Was ich bekommen habe

Das hier war die Art King Roman, vor der ich grundsätzlich Respekt habe. Denn es geht sehr sehr, wirklich sehr langsam voran. Die ersten 120 Seiten beschäftigen sich ausschließlich mit Beschreibungen des Ortes und seiner Bewohner. Die eigentliche Handlung wird nur am Rande angedeutet und gerät erst später in den Fokus. Das kann mühselig werden und abschrecken, und bei jedem anderen Buch hätte ich wohl irgendwann abgebrochen. Zum Glück war die Neugierde größer. Nachdem die sehr lange Einleitung geschafft war, betrat endlich Jack die Bühne und die Verbindungen zu Band eins werden greifbarer.

Der Stil und die Erzählart sind schon sehr anders im Vergleich zum Vorgänger. Das Geschehen wird aus einer ungewohnten Vogelperspektive bzw. Draufsicht erzählt, woran ich mich erst gewöhnen musste. Irgendwann fiel es mir nicht mehr auf, oder es fällt nicht mehr besonders ins Gewicht.

Anders als im Vorgänger wird keine Reise beschrieben. Die Handlung beschränkt sich fast ausschließlich auf French Landing und einen kleinen Teil der Territorien. Dementsprechend gut lernt man den Ort und viele seiner Bewohner kennen.

Die Langsamkeit, ich muss sie noch mal erwähnen, fällt dagegen ins Gewicht. In teilweise mikroskopisch kleinen Schritten führen die Autoren die Handlung voran. Das ist nicht direkt langweilig. Nur langwierig. Dementsprechend brauchte ich recht viel Zeit für die Geschichte.

Der Gewaltanteil ist höher als im Talisman, der Horrorfaktor ebenfalls. Die Kindermorde werden teils extrem detailliert beschrieben. Ich behaupte von mir, einiges zu vertragen in dem Genre. In diesem Buch wurde meine Grenze teilweise überschritten (es geht um Kinder, allein das reicht schon). Zusätzlich ist die gesamte Bandbreite von Fäkalien, Insekten und grober Sprache enthalten.

Durch diese Stilmittel schaffen Straub und King regelmäßig ganz besondere Momente. Das passiert, wenn zwischen den langen, dunklen Passagen helle Augenblicke durchscheinen (Jacks erstes Flippen zurück in die Territorien – grandios schön beschrieben / die Interaktion zwischen Jack und seinem besten Freund / generell die Beschreibungen der Landschaft). Diese Momente sind Lohn für so einige Durststrecken und gehören (erneut) zum Besten, was ich bisher lesen durfte.

Die Handlung ist sehr stark mit der Reihe um Kings Dunklen Turm verbunden. Diese habe ich noch nicht gelesen und fühle mich jetzt etwas gespoilert für die Bücher – ob elementare Dinge verraten werden, kann ich noch nicht beurteilen. Vielleicht helfen mir die Verweise auch bei den Geschichten.

Zum Ende der Geschichte hin weicht die Langsamkeit einer gewissen Hektik. Die Ereignisse überschlagen sich etwas und es wirkt, als ob das Buch schnell beendet werden sollte. Mich hat es nicht besonders gestört, da so endlich etwas Fahrt aufkam. Es passt jedoch nicht wirklich zum überwiegenden Tempo. Der Showdown fällt sehr kurz und – für die Protagonisten – sehr einfach aus.

Das offene Ende macht das wieder gut und gewährt den Blick auf einen möglich dritten Band. Dieser wurde noch nicht angekündigt, in einem Interview von Straub jedoch auch nicht kategorisch ausgeschlossen. Ich hoffe sehr darauf…

 

Gut

Nicht so gut

  •  es geht weiter
  • sehr atmosphärisch
  • fantastisch gute Passagen (fast poetische Beschreibungen)
  • sehr sehr langatmig
  • nur sehr kleiner Teil spielt in den Territorien
  • Showdown sehr mau

 

Taschenbuch, Broschur, 848 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-87370-4
€ 10,99 [D] | € 11,30 [A] | CHF 15,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
Verlag: Heyne
Erschienen: 01.04.2004

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