Anthony Doerr – Winklers Traum vom Wasser

Was ich erwartet habe

Doerrs „Alles Licht, das wir nicht sehen“ war mein erstes Buch in 2017 und direkt ein großartiges. Es gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern (die Art von Lieblingen, die für immer bleiben werden). Meines Wissens nach hat der Doerr bisher noch nicht viel veröffentlicht, daher wollte ich mir seine weiteren Werke gut einteilen. Doch schon neun Monate nach dem für mich ersten Doerr musste nun der nächste sein.

Die Erwartungshaltung: dementsprechend hoch. Dieses Buch wurde vor „Alles Licht…“ geschrieben. Daher war ich gespannt, ob seine geniale Art zu formulieren schon hier vorhanden war.

Ich habe das Buch freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen.

Worum es geht

David Winkler hat eine Gabe. In seinen Träumen sieht er die Zukunft voraus, zumindest Teile daraus. Er leidet mehr unter seiner Fähigkeit, als dass sie ihm nützen würde. Als er eine Vorsehung über den Tod seiner eigenen Tochter hat, möchte er das Ereignis verhindern und verlässt seine Familie. Es folgt eine lange Reise; fort von den Angehörigen, vielleicht wieder zurück und letztendlich zu sich selbst. Diese Reise führt ihn durch viele verschiedene Regionen – kalte und sehr warme. Und stets ist das Wasser ein wichtiger Bestandteil.

Wie ich es fand

Die ersten Kapitel empfand ich als unglaublich schön geschrieben. Der Anfang ähnelt „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“.

„Die Eigenschaften flüssigen Wassers sind folgende: Es hält seine Temperatur länger als Luft; es ist haftend und elastisch; es ist ständig in Bewegung. All das sind die Grundlagen der Hydrologie; es sind Dinge, die man wissen sollte, wenn man wissen will, wer man ist.“

Dementsprechend begeistert war ich und direkt hin und weg. Die Freude blieb jedoch nicht durchgängig auf diesem Level. Denn wie immer gilt: Zuviel, auch von guten Dingen, ist schnell zu viel.

Doerr setzt seine tollen Formulierungen derart gehäuft ein, dass man ihnen gegenüber abstumpft. Nahezu jeder Satz ist geschliffen schön. Bei 500 Seiten fiel mir das leider nicht immer auf.

Mit fortlaufender Handlung wird diese leider immer ereignisärmer. Über lange Passagen geschieht nahezu nichts.  Normalerweise lese ich auch solche Geschichten gern, sofern ich denn etwas finde, was sie besonders macht. Dieses Besondere war hier nur oft nicht vorhanden. Die spannende Grundidee wird vom Autor teilweise nicht weiter verfolgt. Der Protagonist trifft unrealistische Entscheidungen und ist dermaßen ängstlich, passiv und verwirrt, dass das Lesen anstrengend wurde. Die schönen Formulierungen gleichen das nicht immer aus.

Meiner bescheidenen Meinung nach hat Doerr sich mit der Themenvielfalt übernommen. Es geht um Familie, Angst, Schuld, Betrug, Vorsehung, sehr viel Natur, Freundschaft…ein wilder Mix, der nie auf den Punkt kommt. Es ist für mich einfach zu viel gewesen, ohne dass eine Richtung erkennbar gewesen wäre.

Natürlich ist dies andererseits eine realistische Beschreibung eines Lebens. In der wirklichen Welt gibt es keinen durchgeplanten, dramaturgisch perfekten Plot mit ausbalanciertem Spannungsverlauf. Stattdessen schlingert jedermann eher durch seine Tage und reagiert auf das, was mit ihm geschieht.

Winklers Traum vom Wasser von Anthony Doerr

Insofern verstehe ich schon, was der Autor beschrieben möchte. In einer fiktionalen Geschichte erwarte ich jedoch vor allem Unterhaltung. Von der ist in dem Buch, für meinen Geschmack, zu wenig vorhanden.

So haben dieses Buch und ich, trotz des tollen Starts, nicht zusammengefunden. Vielleicht kam es zum falschen Zeitpunkt. Vielleicht habe ich nicht alles verstanden. Vielleicht hatte ich zu viel erwartet.

Es ist empfehlenswert für Leser, die komplett in langen Gedankenverläufen zu vielen Themen versinken möchten. Umrahmt von seitenlangen (wunderschönen) Naturbeschreibungen und seltsamen Entscheidungen der Hauptfigur. Ein Buch für graue Herbsttage oder Regentage, zusammen mit Jazzmusik.

Wenn ein weiterer Roman von Anthony Doerr erscheint, werde ich dennoch auch diesen lesen. Dafür ist sein Schreibstil einfach zu schön. Und vielleicht gelingt es ihm dann wieder besser, eine interessante Geschichte zu erzählen.

 

Gut

Nicht so gut

  •  oft wunderschöne Formulierungen
  • Schnee – es geht um Schnee
  • viele Themen (Familie, Natur, Angst)
  • schwieriger Protagonist
  • Längen in der Handlung
  • kein Fokus auf bestimmtes Thema

-Originaltitel: About Grace
-Originalverlag: Scribner
-Taschenbuch, Broschur, 496 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
-ISBN: 978-3-442-73397-2
-€ 11,00 [D] | € 11,40 [A] | CHF 15,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
-Verlag: btb
-Erschienen: 06.04.2010

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