Lize Spit – Und es schmilzt

Worum es geht

Eva fährt in ihre alte Heimat, ein kleines belgisches Dorf mit sehr überschaubarer Einwohnerzahl. Ihr Ziel dort: die Einweihung einer neuen Melkanlage auf dem Hof eines ihrer Kindheits- und Jugendfreunde. Gemeinsam mit ihm (Bauernhofkind) und einem weiteren Jungen (Schlachterkind) verbrachte Eva ihre Freizeit und wuchs mit ihnen auf. Auf der Veranstaltung soll auch an Jan, den Bruder eines der beiden Jungen, gedacht werden. Er kam auf dem elterlichen Hof ums Leben. Eva war neun Jahre lang nicht in dem Ort. Wofür sie gute Gründe hat.

Abwechselnd wird in Rückblicken von den Geschehnissen in der Vergangenheit und Evas gegenwärtigen Fahrt in ihr altes Dorf erzählt. Sie hat einen Plan, der nach und nach enthüllt wird. Dazu gehört ein Eisblock im Kofferraum ihres Wagens.

Wie ich es fand

In Belgien schlug das Buch ein wie eine Bombe. Es stand lange auf diversen Bestsellerlisten, war anfangs vergriffen und sehr in den Medien präsent. Ich kann verstehen, weshalb das so war. Einreihen in diese Begeisterung kann ich mich jedoch nicht. Vielleicht bereue ich sogar, direkt auf diesen Hype aufgesprungen zu sein. Am Erscheinungstag stand ich direkt im Geschäft und trug das Buch stolz nach Hause.

Die Geschichte hat mir leider nicht gefallen. Zu kaum einem Zeitpunkt war ich motiviert, weiterzulesen oder gespannt darauf, wie es weitergehen könnte.

Die Autorin beschreibt sehr detailliert das Aufwachsen von Eva inmitten ihrer Freundesclique, dem Ort und ihrer Familie. Für meinen Geschmack zu detailliert. Durchgängig wartete ich auf das Einsetzen einer Handlung oder zumindest einen roten Faden. Stattdessen empfand ich alles als eine Aneinanderreihung von einzelnen Episoden, die sehr gewollt auf ein bestimmtes Ende hinauslaufen.

Dabei hat es Spit ein wenig übertrieben mit den Ekelszenen. Ich bin da nicht zart besaitet. Vielmehr wirken diese ständig wiederholten Beschreibungen von Menstruation und ihren Auswüchsen sowie pubertierenden Jungs und ihren Spielchen zu gewollt. Sie erinnerten mich teilweise an „Feuchtgebiete“.

Sicher ahnte ich, dass dahinter mehr steckt als nur die puren, kalten Beschreibungen. Da ich jedoch wenig empathisch bin in Bezug auf fiktionale Charaktere und keine psychologische Ausbildung habe, ließen mich die Zeilen oft ratlos oder sogar genervt zurück.

Einige Verhaltensweisen von Eva erschlossen sich mir einfach nicht. Warum tut sie das, was sie tut…weshalb macht sie fast alles mit…was soll das alles? So intensiv das Rumgefummel der Figuren erklärt wird, so vage werden dagegen die familiären Hintergründe beleuchtet. Vielleicht liegt in diesen eine Erklärung von Evas Charakter. Wirklich verstanden habe ich ihn leider nicht.

Das ist schade, denn der Schreibstil hat mir nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut gefallen. Sehr kalt und direkt, oft auf den Punkt genau geschrieben.

Gegen Ende war ich für einige Seiten dann doch total drin. Nach den ganzen (seltsam beschriebenen) Geschehnissen, die mir zu entfernt von mir vorkamen, blitzte endlich so etwas wie Menschlichkeit und Realismus durch. Die Geschwister übernahmen die Initiative und begannen zu lenken – auf vielen hundert Seiten davor war dieses bisher nie der Fall.

Das Ende selbst, also die Auflösung und die letzten Seiten, haben mich weder großartig geschockt oder berührt. Zu dem Zeitpunkt war ich wahrscheinlich zu abgestumpft. Könnte das der ganze Plan gewesen sein? Den Leser so zu betäuben, dass er selbst so kalt reagiert wie die Protagonisten?

Um das Buch als gut zu bezeichnen, reichen mir diese wenigen „schönen“ Seiten am Ende nicht aus. Auch der klare Stil reißt es für mich nicht raus. Stattdessen bleibe ich enttäuscht und verwirrt zurück. Verwirrt, weil ich mit trostlosen und depressiven Themen besser zurechtkomme als mit fröhlichen. Nur mit dieser Geschichte trifft das nicht zu. Enttäuscht, weil ich andere Emotionen erwartet hatte als Langeweile und Ratlosigkeit.

Natürlich ist auch das eine Erfahrung oder ein Erlebnis. Es lässt sich halt nicht alles planen und in Schubladen verstauen. Manchmal fällt etwas raus.

 

Gut

Nicht so gut

  • eindringlicher Stil
  • es wirkt toll übersetzt (kenne das Original nicht)
  • sehr schöne Aufmachung
  • zu langatmig
  • plakativ genutzte Ekel- und Schockmomente
  • was möchte mir das Buch sagen?

 
512 Seiten, gebunden
S. FISCHER
ISBN 978-3-10-397282-5
Originalsprache: Niederländisch
Übersetzer: Helga van Beuningen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*