Sarah Perry – Die Schlange von Essex

Was ich erwartet habe

Ich hörte von dem Buch in einem Verlagsnewsletter und kannte es zuvor überhaupt nicht. Die Kurzbeschreibung sprach mich sofort an, denn Setting und historischer Hintergrund sind genau meins. Passend zum anbrechenden Herbst. Daher zögerte nicht an und bat um ein Rezensionexemplar, welches ich freundlicherweise auch vom Verlag erhalten habe.

Worum es geht

Cora Seaborne ist die Gattin eines britischen Politikers, die Mutter eines Sohnes und lebt um 1890 in London. Finanziell gesehen mangelt es ihr an nichts, zwischenmenschlich dagegen schon. Ihr Ehemann ist sehr angesehen, doch hinter verschlossenen Türen scheint er seine Frau zu missachten und zu misshandeln.

Als er verstirbt, nimmt Cora ihr Leben selbst in die Hand und bricht aus den Konventionen der viktorianischen Gesellschaft aus. Schon innerhalb ihrer Ehe hatte sie sich für Naturforscher und Wissenschaft interessiert, genauer gesagt für Ausgrabungen und Funde von prähistorischen Lebewesen. Sie liest sich in die Studien von Darwin und anderen Forschern ein und kann mit dem noch weit vorherrschenden religiösen Weltbild ihrer Umgebung nichts anfangen.

„In den vergangenen Wochen habe ich mehr als ein Mal gedacht, dass die Kluft zwischen dem, was ich sein sollte, und dem, was ich bin, nie größer war.“

Durch Freunde erfährt sie von Vorkommnissen in einem Landstrich in Essex. Dort wollen einige Menschen eine monströse Seeschlange gesehen haben. Es häufen sich seltsame Ereignisse (Menschen ertrinken, Tiere werden gerissen) und der ortsansässige Vikar William Ransome hat alle Hände voll zu tun, den aus seiner Sicht umgreifenden Aberglauben zu bändigen.

Cora reist gemeinsam mit Sohn und einer guten Freundin in den Ort, um private Studien anzustrengen und natürlich auch, um dem Mysterium der „Schlange von Essex“ auf den Grund zu gehen. Obwohl der Pfarrer ein völlig anderes Weltbild hat, freunden die beiden sich an.

Durch einige Nebencharaktere, die alle auf ihre Art mit Cora verbunden sind, erfährt man zudem weitere Details aus der damaligen Zeit (Slums und Wohnungsnot in London, aufkeimender Sozialismus, Entwicklung der Medizin). Die Geschehnisse in Essex schreiten voran, die Schlange kommt (vielleicht) näher, und alle Beteiligten werden tiefer und tiefer hineingezogen und mit ihren ganz persönlichen Herausforderungen konfrontiert.

Wie ich es fand

Wie viele andere Leser auch, mag ich Geschichten aus dem viktorianischen Zeitalter generell sehr. Sie strahlen immer eine gewisse Gemütlichkeit aus und beinhalten dennoch einen Kontrast zu den teilweise harten Lebensumständen damals. Genau diese Bestandteile beinhaltet auch dieses Buch.

Als erstes muss ich den Schreibstil erwähnen. Sarah Perry schreibt genau so, wie ich mir Geschriebenes aus der Zeit unter Queen Victoria vorstelle. Gut lesbar, nicht zu altertümlich, jedoch stets von einem nostalgischen Gefühl umgeben. In vielen Büchern wird der historische Bezug durch eine zu moderne Sprache zerstört. In diesem findet sich nicht ein falsches Wort. Jedes sitzt perfekt und gehört in die Zeit. Fast bedauere ich, dass mein Englisch nicht ausreichend wäre für die Originalversion. Die Übersetzung wirkt extrem gut. Oft las es sich fast wie ein Roman von Dickens oder Stoker.

Die Handlung ist eine Mischung aus Schauerelementen, Gesellschaftsporträt und zwischenmenschlichen Verwicklungen. Anfangs geht es sehr zentriert um Cora und ihre Erlebnisse. Interessant ist hierbei, wie modern sie selbst wirkt. Mit voller Energie und wie selbstverständlich geht sie ihren eigenen Weg. Dabei werden ihr nicht viele Steine in den Weg gelegt, sie tut ungehindert einfach das, was sie möchte. In einem Interview äußerte die Autorin dazu; sie wollte das Bild der viktorianischen Frau geraderichten – weg von der Vorstellung der eingeengten dauerohnmächtigen Dame hin zum resoluten und emanzipierten Freigeist.

„Ich möchte meine Gedanken frei umherschweifen lassen und sie nicht in feste Bahnen lenken, die andere für mich angelegt haben und die nur in diese oder jene Richtung führen….“

Da ich kein wirklicher Kenner der viktorianischen Verhältnisse bin, kann ich nicht beurteilen, wie nah sich das Buch an der Realität bewegt. Es hat zumindest geschafft, dass ich von vielen Dingen überrascht war. Nicht nur von Coras scheinbar problemloser Selbstverwirklichung. Sie wird von einigen Mitmenschen als seltsam wahrgenommen, erntet ein paar Sprüche und Spitzen. Ihre Pläne funktionieren ansonsten jedoch reibungslos. Was sicherlich auch mit ihrer finanziellen Unabhängigkeit zusammenhängt. Zu diesem Aspekt werde ich rein interessehalber etwas mehr lesen. Wie war es wirklich? Wie „frei“ konnte man, gerade als Frau, in der damaligen Gesellschaft sein und entscheiden?

Diese wird nach und nach ausführlicher beschrieben, Stadt wie Land. Denn im weiteren Verlauf erzählt die Autorin mehr aus der Sicht von anderen Charakteren, zeitweise rückt Cora ganze Kapitel lang in den Hintergrund. Gegen Ende der Geschichte wird das Spektrum sehr breit und manchmal zu ausführlich. Alles davon ist ohne Frage wichtig, aufgrund der vielen verschiedenen Kleinhandlungen jedoch teilweise ohne klar erkennbares Ziel.

Doch egal, wo man sich innerhalb der Handlung befindet – immer ist sie extrem plastisch beschrieben. Dadurch empfand ich das Buch als sehr spannend. Auch wenn nicht immer besonders viel passiert, wollte ich wissen, wie es weitergeht. Vielleicht könnten Leser, die zu viel Ruhe in Büchern als langweilig wahrnehmen, mit diesem Titel daher nicht glücklich werden. Der Reiz entsteht überwiegend aus den tollen Beschreibungen von Landschaft, den Wetterverhältnissen und den (langen) Dialogen.

Cora und Will haben eine besondere Chemie, die für mich fast spürbar war. Ihre Diskussionen und Streitgespräche haben sie fast wie reale Personen wirken lassen.

„Will, sagte Cora, wie kommt es, dass Sie hier gelandet sind?“

Um dieses schöne Verhältnis der beiden geht es nicht überwiegend (obwohl der Klappentext darauf schließen lässt). Dadurch wird das Thema nicht überstrapaziert. Für mich ein weiterer wichtiger Punkt, denn so wird aus der vielschichtigen Geschichte kein simpler Liebesreigen.

Vielmehr habe ich die Handlung als ultimativen Kampf jedes einzelnen Charakters verstanden. Den Kampf gegen individuelle Ängste, gegen falsche Überzeugungen und unvorhergesehenes im Leben. Wer ihn auf welche Art gewinnt oder nicht, waren für mich der Kern und das Ziel.

Insgesamt haben mich alle positiven Punkte davon überzeugt, dass ich ein weiteres Jahreshighlight gefunden habe. Im englischsprachigen Raum war das Buch nach seinem Erscheinen in aller Munde und bei vielen Booktubern/ Instagramern/ Rezensenten ein großes Thema. Für mich völlig zu Recht. Nur selten fühle ich mich in Büchern so wohl, wie es in diesem der Fall war. Wenn auch hierzulande ein Hype entstehen sollte – völlig zu Recht.

 

Gut

Nicht so gut

  • atmosphärisch geschrieben
  • lebendige Charaktere
  • Schreibstil sehr authentisch
  • erinnert an alte Gruselromane
  • die Handlung verliert an einigen Stellen etwas an Fokus

-Eichborn
-Hardcover

-492 Seiten
-aus dem Englischen von Eva Bonné

-Altersempfehlung: ab 16 Jahren
-ISBN: 978-3-8479-0030-6
-Ersterscheinung: 29.09.2017

 

Eine Antwort auf „Sarah Perry – Die Schlange von Essex“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*