Michael Cunningham – Ein wilder Schwan

Dieses Buch habe ich als kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten – herzlichen Dank dafür.

Ich habe es angefragt, da mir Michael Cunningham als Autor von „Die Stunden“ sehr gut gefiel und ich Lust auf Märchen hatte. Mit diesem Titel legt er seine Interpretation von elf verschiedenen und bekannten Märchen vor. Diese verlegt er kurzerhand in die Gegenwart oder in eine zumindest modernere Umgebung, als man sie sich wohl vorstellt in diesem Genre.

Zu jeder Geschichte ist eine schwarz weiße Illustration von Yuko Shimizu enthalten, welche die Handlung, Charaktere daraus oder die Stimmung darstellt. Die Übersetzung wurde von Eva Bonné vorgenommen, die unter vielen anderen Titel auch die von mir sehr gemochte „Schlange von Essex“ ins Deutsche übertrug.

Natürlich ist es schwer, zu jeder der Geschichten ausführlich etwas zu schreiben. Es würde zu viel vorwegnehmen und den Rahmen sprengen. Daher beschränke ich mich auf meine Lesestimmung oder auch mein Grundgefühl bei der Lektüre, um zumindest einen kleinen Einblick und Eindruck geben zu können. Enthalten sind:

Ent.Zaubern (Eine Einleitung)
Ein wilder Schwan (Die wilden Schwäne)
Die verrückte Alte (Hänsel und Gretel)
Gehänselt (Hans und die Bohnenranke)
Vergiftet (Schneewittchen)
Die Affenpfote (ebenso)
Kleiner Mann (Rumpelstilzchen)
Standhaft.Zinn (Der standhafte Zinnsoldat)
Biester (Die Schöne und das Biest)
Ihr Haar (Rapunzel)
Und sie lebten glücklich (scheint wie eine Eigenkreation)

Ein passionierter Märchenleser bin ich nicht, daher auch nicht sehr vertraut mit den Originalen und relativ jungfräulich, was „alte Bilder“ zu den Geschichten im Kopf angeht. Dennoch fiel mir sofort auf – das hier ist anders. Relativ radikal bricht Cunningham mit Klischees und zieht die eh schon düsteren Erzählungen komplett auf die Dunkle Seite. Gewalt, Fetische, immer wieder sexuelle Motivationen und lauter Verwirrte bevölkern das Buch. Wirklich sympathisch erschien mir niemand, jede Figur zeigt eher ihre Schatten- als ihre Sonnenseite.

Und seltsamerweise, obwohl ich es eher düster mag, gefielen mir einige der Stories nicht. Vielleicht hatte ich doch eher eine gemütliche Atmosphäre erwartet als die oft trostlosen Geschehnisse. Sie scheinen in der uns bekannten Gegenwart oder zumindest einer ihr ähnlichen Zeit stattzufinden. Der nostalgische Faktor entfällt also. Nahezu alle Erzählungen haben einen starken sexuellen Anteil, wodurch die Vorlesbarkeit jüngeren Zuhörern gegenüber komplett entfällt.

Das alles soll so und kann von mir nicht als negativ bezeichnet werden. Trotzdem konnte mich nur eine Geschichte richtig einnehmen (Die Affenpfote). Der Schreibstil kam nicht an bei mir, da er sehr salopp und für meinen Geschmack zu umgangssprachlich gehalten ist. Das Erzählte ließ mich meist kalt. Erwartungshaltung und meine Stimmung passten nicht.

Wer den Begriff „moderne Umsetzung“ wörtlicher nimmt und sehr konsequent umgesetzt haben möchte, wird mehr Freude an dem Buch haben. Diese Erwartungen bedient es perfekt.

Durch die schön Gestaltung und Aufmachung wird es dennoch dauerhaft in meinem Regal stehen.

Aus dem Englischen von Eva Bonné 
Originaltitel: A Wild Swan and Other Tales
Originalverlag: Farrar, Straus & Giroux
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 15,0 x 21,0 cm, 24 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-630-87491-3
€ 19,00 [D] | € 19,60 [A] | CHF 25,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Erschienen:  13.11.2017

Gelesen vom 01.01. – 10.01.