Sibylle Berg – Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Frau Berg kenne ich aus Ihrer Spiegel Kolumne, eines ihrer Bücher hatte ich bisher nicht gelesen. In einem Bücherschrank meiner Nachbarschaft konnte ich dieses Werk ergattern – perfekt zum Antesten.

Ich war etwas skeptisch und wollte in meiner Büropause nur mal eben anlesen. Ein Zweitbuch für nebenbei. Daraus wurde dann schnell mein Hauptbuch, denn nach zwei Seiten hatte die Autorin mich komplett eingefangen.

Die Geschichte handelt vom Ehepaar Chloe und Rasmus, kinderlos, seit 20 Jahren verheiratet. Mal aus ihrer, mal aus seiner Perspektive sinnieren die beiden darüber, was sie noch erwarten von ihrem gemeinsamen Leben und wie das Älter-werden sie und die Beziehung verändert. Schnell wird klar: Jeder ist gelangweilt, genervt, sexuell frustriert und nicht mehr völlig ehrlich dem Anderen gegenüber.

Zu Beginn der Geschichte befinden sich die beiden auf einem Auslandsaufenthalt. Rasmus ist Theaterregisseur (recht erfolglos) und betreut eine Jugendgruppe von einheimischen Kindern. Chloe begleitet ihn und ist gelangweilt von Umgebung und Tatenlosigkeit. Während er durch die exotische Pampa eiert und nicht wirklich etwas zustande bekommt, setzt Chloe ihre bisher nur als Gedanken vorhandenen Ausbruchsversuche in die Tat um und bändelt mit einem Masseur an. Irgendwie landen Rasmus und seine Frau dennoch gemeinsam wieder in Deutschland. Als der Urlaubsflirt dort auftaucht, brechen die Eheprobleme endgültig auf.

Oi. Nach dem letzten Zuklappen des Buches musste ich zunächst verschnaufen. Es ist sehr schnell und scheuchte mich fast überdreht durch die Seiten. Dabei ließ es sich nicht einfach weglesen, vielmehr musste ich jeden Satz genauestens aufnehmen und teilweise auch öfter lesen. Bergs Sprache ist genial; absolut auf dem Punkt, dreckig und ausschließlich für Erwachsene. In dieser Geschichte geht es absolut überwiegend um Sex innerhalb einer Beziehung. Es wird über ihn sinniert und er wird detailliert beschrieben. Das mag vielleicht nicht jeder mögen. Ich empfand es als sehr aufschlussreich und schmerzhaft ehrlich. Eine komplette Sezierung.

Die beiden Hauptcharaktere sind dabei nicht wirklich sympathisch. Vielleicht soll das so, vielleicht ist das auch so, wenn man eine Figur so sehr aufschneidet und offenbart. Als Leser bemerkt man schnell: Das Paar redet nicht miteinander und schlittert dadurch immer weiter in Schwierigkeiten. Diese Erkenntnis erfährt man sicher auch durch jeden drittklassigen Beziehungsratgeber. Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass das schleichende Drama dort so unterhaltsam beschrieben und genüsslich zelebriert wird.

Viel mehr verraten kann ich nicht. Das Ende ist absolut böse und war (zumindest für mich) unvorhersehbar überraschend. Sehr passend zum gesamten Buch.

Es hat mir außerordentlich gut gefallen; selten las ich so eine, für mich perfekte, Sprache. Kein unnötiges Geschwafel, meist kalt und hart, durchbrochen von stillen und emotionalen Momenten.

Von der Autorin möchte ich alles lesen künftig. Damit werde ich mir Zeit lassen. Denn einfach sind ihre weiteren Werke sicher nicht. Aber absolut notwendig.

 

  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (11. November 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342314534X
  • ISBN-13: 978-3423145343

Gelesen vom 10.01. – 20.01.