Haruki Murakami-Die Ermordung des Commendatore Band 1

Den Hype um Murakami habe ich nie ganz verstehen können. Vor vielen Jahren habe ich es mit „Hard-boiled Wonderland“ versucht und nach wenigen Seiten verwundert aufgegeben. Da sprang überhaupt kein Funke über. In 2016 las ich dann „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, was mir schon besser gefiel – völlig überzeugen konnte es mich damals jedoch auch nicht.

Die stark anlaufende Werbemaschinerie zu seinem neuen Zweiteiler hat mich dennoch prompt eingefangen, sodass ich das Buch kurz vor dem offiziellen Erscheinungstag in meiner lokalen Buchhandlung erwarb. Vielleicht wollte ich es einfach noch mal mit ihm versuchen. Denn können so viele begeisterte Fans irren? (okay, sehr viele Menschen sind auch von Fitzek begeistert und halten ihn für einen guten Schriftsteller. Oder mögen Shades of Grey. Die Geschmäcker sind bunt…)


Der Protagonist des Buches (sofern ich es nicht überlesen habe, erfährt man seinen Namen nicht) wird nach einigen Jahre Ehe für ihn überraschend von seiner Frau verlassen. Er fährt daraufhin einige Zeit lang ziellos per Auto durch Japan, auf eine Art Selbstfindungsreise. Schließlich kann er auf das Haus eines Freundes bzw. dessen Vaters aufpassen und zieht dort ein. Er selbst sowie eben jener Vater sind Künstler, genauer gesagt Maler. Unser Protagonist fertigt Portraits an, ist recht gut darin und einigermaßen bekannt geworden dadurch.

Langsam lebt er sich ein, nimmt eine Lehrtätigkeit im nahen Ort auf und knüpft Kontakte. Ein Nachbar tritt mit in die Handlung ein und bittet die Hauptfigur, für ihn tätig zu werden. Doch auch seine neue Umgebung selbst nimmt Kontakt zu ihm auf, genauer gesagt das Haus. Oder etwas in dem Haus. Von da an wird die Geschichte mysteriös und die seltsamen Vorkommnisse häufen sich.


Der Prolog ließ mich ratlos zurück. Er las sich wie reine Fantasy oder ein abstraktes Gemälde, was im Nachhinein nicht besser vom Autor gewählt werden konnte. Denn man kann sich auf das Folgende einstellen und schon mal eine Richtung erkennen. Mir als Murakami Neuling hat das sehr geholfen. Der weitere Verlauf ist dann zum Glück etwas greifbarer.

Sehr ruhig und geordnet erzählt die Hauptfigur aus ihrer Sicht das Geschehen. Dabei passiert zunächst nicht viel – er erzählt aus seinem Leben und erklärt die aktuelle Situation. Dennoch war ich trotz der Ruhe (oder gerade deswegen) schnell in der Geschichte. Tatsächlich empfand auch ich wie viele andere in seinen Büchern einen Sog und wollte immer weiterlesen. Was ich kaum erklären kann. Vielleicht lag es an der einfachen, aber nicht simplen Sprache, an dem angenehmen Tempo oder an der langsam steigenden Spannung…

Denn ab einem bestimmten Punkt geht es dann auch etwas schneller voran und die Handlung wird komplexer. Dann gibt es sogar einen Moment oder eine Passage, die ich mehrfach lesen musste. Ein klassischer What-the-fuck-Moment, nach dem alles anders ist. Spätestens ab diesem Punkt wird es abstrakt und teilweise nahezu abgedreht. Doch auch damit verlor mich Murakami nicht. Innerhalb der buch-internen Logik ergab alles Sinn und ich musste weiterhin wissen, was als nächstes passieren würde.

Und genau dieser Sog ist es, der mich Bücher (und speziell dieses) lieben lässt. Die Handlung kann noch so unrealistisch sein – sofern sie in sich stimmig ist und sich treu bleibt, bleibe ich dran.

So war ich am Ende enttäuscht, nun bis zum Erscheinen des abschließenden Bandes im April warten zu müssen. Wie der Autor hier eine Lösung anbieten wird, muss ich dringend erfahren. Einen allzu großen Cliffhanger konnte ich nicht erkennen, da gibt es schlimmere. Das Ende von Band eins empfand ich eher als offen denn als Schockeffekt.

Und auch weitere Bücher von Murakami liegen schon bereit; ich werde/muss mehr von ihm lesen!


Dumont
480 Seiten

Gebunden mit Folienumschlag und Lesebändchen
die erste Auflage hat einen Farbschnitt
Originalverlag: Shinchōsha, Tokio
Originaltitel: Kardanisch goroshi 
Erscheinungstag: 22.01.2018 
ISBN 978-3-8321-9891-6
Übersetzung: Ursula Gräfe 

Gelesen vom 23.01. – 30.01.