Juli Zeh – Leere Herzen

Im Deutschland der Zukunft, irgendwann in den 2020er Jahren, ist die „BBB“, die „Besorgte Bürger Bewegung“, an die Macht gelangt. Die Partei stellt die Kanzlerin und schafft nach und nach demokratische Errungenschaften ab. Die Bevölkerung ist müde und wehrt sich nicht merkenswert gegen das Geschehen. Vielmehr finden sich die meisten Bürger mit der Situation ab, lassen alles schulterzuckend über sich ergehen und mucken nicht auf.

In diesem politischen System hat es sich die Protagonistin Britta einigermaßen bequem gemacht und mit einem Geschäftspartner eine private Praxis für Psychoanalyse und -therapie gegründet. Vordergründig dient diese dazu, potentielle Selbstmörder/innen von ihrem Vorhaben abzuhalten. Wenn einer der Patienten sich jedoch partout nicht abhalten lassen möchte und definitiv aus dem Leben scheiden möchte, hat Britta auch gleich eine Verwendung für diese Person: als käuflicher Selbstmordattentäter. Denn diese sind etwas rar geworden im Land, nachdem die BBB Zucht und Ordnung eingeführt und alles „Unliebsame und für das Volk Bedrohliche“ ausgesperrt hat.

Als dennoch ein Anschlag stattfindet und Britta feststellt, dass die Täter ihrer eigenen Firmenkartei entstammen, wird es brenzlig. Denn die per Algorithmus ermittelte Selbstmordabsicht der beiden Männer war gemessen an anderen Patienten nicht sonderlich hoch. Was bewog sie dann zu der Tat; wer steckt dahinter und vor allem – lässt sich eine Spur zurück zur Praxis von Britta verfolgen?

Zum Glück erzählt Juli Zeh ihre neue Geschichte weitaus gestraffter, als sie es noch in „Unterleuten“ tat. Dadurch war „Leere Herzen“ viel angenehmer und lockerer für mich zu lesen. Ich habe es an einem Wochenende komplett verschlungen. Das passiert mir sehr selten und deutet darauf hin, dass es mir außerordentlich gut gefallen hat. Seine Faszination zieht das Buch aus einem gewissen Unwohlsein, das sich beim Lesen einstellt. Denn so abwegig die beschriebene Gesellschaft auch ist, so absurd die völlig abgeklärten Protagonisten wirken und so fiktiv die Selbstmordtests sind – sind wir in 2018 wirklich so weit von all dem entfernt?

Natürlich möchte Zeh demonstrieren, dass wir es nicht sind und zwischen den Buchdeckeln eine mögliche Version unserer gesellschaftlichen und politischen Zukunft finden. Das tut sie auf ihre (mir mittlerweile gut bekannte) Art manchmal etwas zu plakativ und zu belehrend. Nicht immer geht es sonderlich subtil zu und wirklich offensichtliche Dinge werden wieder und wieder von ihr erklärt, ohne Raum für Interpretationen zu belassen.

Sehr offensichtlich spinnt sie schon heute erstarkende Gesellschaftsprobleme weiter, z.B. sind die Kinder im Buch weitaus abgestumpfter was Gewalt angeht und verstehen dagegen oftmals einfache Fragen oder Aussagen einfach nicht. Die PISA Ergebnisse der BBB-Ära würden mich brennend interessieren.

Und ebenfalls geht es natürlich, aus meiner Sicht sogar als Hauptthema, um die Resignation der Menschen gegenüber der Politik. Was die Politiker beschließen und gravierend verändern, wird höchstens kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Stattdessen: Flucht in private Vergnügungen. Negative Auswirkungen beschreibt Zeh kaum, stattdessen habe ich mich an einigen Stellen sogar selbst ertappt bei Gedanken in Richtung „wenn das alles so funktioniert – wunderbar“. Denn wirklich böse Begriffe wie „Volkshygiene“ etc. fallen sehr selten. Durch ihre isolierte Nutzung wirken sie im Buch natürlich heftiger, man ahnt jedoch, dass sie für die Menschen unter einer BBB Regierung langsam in den täglichen Sprachgebrauch integriert und dadurch normalisiert werden. Aus diesen beiläufig erwähnten Umständen zieht die Geschichte ihren Schrecken.

Die Handlung selbst ist eine relativ klassische Thrillerstory, die mich am Ende erfreulicherweise ratlos zurückließ. Ohne zu spoilern kann ich nicht mehr dazu sagen als: Britta trifft eine Entscheidung, die nicht wirklich nachvollziehbar war für mich. Ihre Motive dafür bleiben ungeklärt. Vielleicht hilft ein erneutes Lesen für ein besseres Verständnis, vielleicht soll man es auch einfach nicht verstehen.

Denn durch diesen Kniff erreicht Juli Zeh zumindest bei mir, dass ich noch immer über das Buch nachdenke. Und etwas besseres kann man sich als Autor doch nicht wünschen. Ein wirklich gutes Buch, das im Kopf bleibt.


Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87523-1
€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 27,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Luchterhand Literaturverlag
Erschienen:  13.11.2017

Gelesen vom 15.02. – 18.02.

Ich habe das Buch als kostenfreies Leseexemplar vom Verlag erhalten – dafür vielen Dank!