Svealena Kutschke – Stadt aus Rauch

Obwohl ich viel über Bücher und das Lesen lese und konsumiere, hörte ich erst Anfang 2018 das erste Mal von „Stadt aus Rauch“ und der Autorin. Dabei stammt sie aus meiner Stadt Lübeck, das Buch spielt hier und es ist, das sei vorweggenommen, sehr sehr gut gelungen.

Den Inhalt zu beschreiben fällt mir schwer, so viel gibt es davon. Daher kann ich nur den Rahmen wiedergeben, in dem sich das Geschehen bewegt und einzelne Themen anreißen, die behandelt werden. Zwischen den Buchdeckeln befinden sich viele Schichten, die nach und nach enthüllt werden, auch ineinander greifen und wieder aufgeschichtet werden.

Auf den ersten Blick also: die Beschreibung mehrere Generationen einer Familie aus Lübeck im Wandel der Zeiten und historischen Gegebenheiten.

Auf den zweiten: die Sicht auf Lübeck und das menschliche Wirken aus der Perspektive des Teufels.

Auf den dritten: die verschiedenen Frauen der Familie, ihr Verhältnis zu den jeweiligen Töchtern (meist nicht vorhanden) und ihre Gabe, eben jenen Teufel sehen zu können.

Auf den vierten Blick: Die Beschreibung des Bösen und die ständige Wiederholung von menschlichen Gräueltaten, das Erstarken von Faschismus und Verblödung.

„…es ist eine Ungerechtigkeit, dass man dir, mein Teufel, das Verderben zuschreibt. Für das Böse ist der Mensch selbst verantwortlich.“

Innerhalb dieser Themen wechseln kapitelweise die Zeitepoche und die Personen, denen man folgt. Anfangs verwirrten mich Namen, da die Abfolge der verschiedenen Zeiten nicht chronologisch erfolgt bzw. weil ich noch keinen Zusammenhang zwischen den Personen herstellen konnte. Hilfreich war hier der Stammbaum, der im Buch eingedruckt ist, und es besserte sich schnell, denn zu viele Charaktere gibt es in der Geschichte  im Endeffekt nicht.

Was für mich, neben den tollen und sich echt anfühlenden Beschreibungen der historischen Gegebenheiten, über allem steht: die Sprache. Svealena Kutschke schreibt so dermaßen kreativ überbordend und ausufernd, wie ich es noch nie zuvor gelesen habe. Bereits das erste Kapitel hat mich völlig umgehauen und stellt so ziemlich das meiste in den Schatten, was ich bisher kannte. Ihre Beschreibungen von realen Dingen, Gefühlen, der übersinnlichen Ebene – alle greift sehr rund ineinander und ergibt Sinn. Zu keinem Zeitpunkt fand ich die Teufels-Passagen fehl am Platz oder seltsam, sie fügen sich wie gemacht dafür ein. Teilweise überschlagen sich die Passagen und drückten mich fast physisch in den Sessel/Stuhl/Leseplatz.

Diese Klasse hält die Autorin nicht das gesamte Buch hindurch. Zur Mitte hin und in Richtung Ende wird die genutzte Sprache manchmal blasser und weniger wild, so als ob eine unterschwellige Müdigkeit mitschwingen würde. Ohne Frage dennoch auf einem hohen Niveau, ich bemerkte nur Unterschiede.

Das Buch ist auch sonst nicht perfekt und hat seine Fehler. So ist nicht alles in Lübeck korrekt beschrieben – Orte sind anders benannt (die Bauwagensiedlung der Punks), falsch benannt (Bäckergrube statt Beckergrube), von einigen Standorten kann man nicht dort hinblicken, wohin es in der Geschichte getan wird. Manchmal befindet sich ein Wald an einer Stelle, wo zum Handlungszeitpunkt bereits Bebauung vorhanden war. Im ersten Moment war ich genervt davon und erwartete von einem Lübeck-Roman einfach mehr. Nun habe ich meinen Frieden damit geschlossen, denn wer weiß…vielleicht steckt Absicht dahinter, vielleicht soll eine andere Perspektive auf die Stadt beschrieben werden oder ein anderer Blick durch fremde Augen. Oder es gibt sogar rechtliche Gründe.

Interessanterweise waren nicht die Frauen der Familie am spannendsten für mich beschrieben, sondern der Werdegang ihre Männer und Väter.  Die Damen ähneln sich sehr, was auch so soll – denn in jede Generation der Frauen trägt weiterhin die Bürden derjenigen davor, es gibt kaum Besserungen/Änderungen:

„Der Teufel, der am Esstisch saß, hatte sich seit über tausend Jahren nicht verändert, seine eisblauen Augen hatten jede Nische dieses Raumes, jedes Haus der Stadt stumpfgerieben. Nichts hatte sich verändert, nur das Mädchen war ein anderes.“

Die Männer dagegen machen jeweils eine Entwicklung durch und verändern sich im Laufe der Zeit. Diese Veränderungen sind nicht immer positiv. So wird ein zu Beginn als sehr sympathisch beschriebener Charakter letztendlich das genaue Gegenteil davon, was ich nicht erwartet hätte.

Ganz ohne Entwicklung auf der weiblichen Seite spielt sich die Handlung nicht ab, denn auch darum geht es im Kern der Handlung: Kann die neueste Generation den Fluch der stetigen Unglücke und verwirrten/unglücklichen Seelen brechen?

Das Buch lässt mich beeindruckt zurück und zu einem kleinen Anteil auch etwas enttäuscht. Denn das Ende gefiel mir nicht. Zu hoch ist für meinen Geschmack der Fokus auf die Lübecker Punkszene und sich wiederholende Beschreibungen von Sauf/Fress/Drogengelagen. Die zuvor so toll ausgearbeiteten Handlung bekam durch diese Passagen immer wieder einen Dämpfer. Die Notwendigkeit der seitenlangen Abhandlungen über die Beziehungsgeflechte innerhalb der Bauwagenkultur hat sich mir nicht erschlossen und leider sehr gelangweilt. Danach wirkt das Ende seltsam gehetzt und unnötig unlogisch an das Buch geklatscht.

So bleibt ein über weite Strecken extrem wuchtig poetisches Werk am Ende leicht angeschlagen zurück, was ich sehr schade finde. Für mich reicht es nicht, um es uneingeschränkt weiterempfehlen zu können. Es reicht allerdings mehr als genug, um die Autorin weiter auf meinem Radar zu haben.

 

EICHBORN
HARDCOVER
672 SEITEN
ALTERSEMPFEHLUNG: AB 16 JAHREN
ISBN: 978-3-8479-0026-9
ERSTERSCHEINUNG: 25.08.2017

gelesen vom 08.03. – 22.03.

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