Jean-François Parot – Commissaire Le Floch und der Brunnen der Toten

Nachdem mir der erste Band der Reihe gut gefiel, habe ich auch den zweiten als Leseexemplar vom Verlag angefordert und freundlicherweise kostenlos erhalten.

In Frankreich ist die Serie sehr beliebt. Dort sind bereits 14 Teile erschienen und die meisten davon auch in einer TV-Serie umgesetzt worden. Diese ist hierzulande leider noch nicht in Sicht – schauen würde ich sie sofort.

In Band zwei also ist der junge Commissaire nun etwas sicherer in seinem Tun als relativ frischer Polizeimitarbeiter.  Er hat sich bereits vernetzt, Freunde gefunden und mehr Selbstbewusstsein entwickelt. Als ein Sohn des Grafen de Ruissec tot aufgefunden wird (verschlossener Raum, Abschiedsbrief), der ein wichtiges Mitglied des königlichen Hofstaates ist, wird Nicolas auf den Vorfall angesetzt. Er ermittelt und gerät dadurch sehr nah an Versailles und seine Akteure heran, an das Theatermilieu und auch an religiöse Gruppen. Schließlich verbringt er sogar eine Zeit am Hof, um dort für die Sicherheit zu sorgen…

Zweite Teile sind für mich häufig so eine Sache. Oft hechelt er der Premiere hinterher und kopiert Elemente, die dort gut funktioniert hatten. Dadurch wirkt die Fortsetzung vielleicht bemüht und künstlich oder zu sehr gewollt. Diese Klippen umschifft Parot relativ gut. Durch das hohe Tempo und viele Ereignisse kam ich gar nicht dazu, über Ähnlichkeiten zum Vorgänger nachzugrübeln. Sie fielen mir, sofern sie überhaupt vorhanden sind, nicht negativ auf.

Stattdessen hat der Autor eher Elemente reduziert, statt sie immer wieder zu verwenden, was mir dann eher präsent war. Denn anders als im „Geheimnis der Weißmäntel“  litt für meine Begriffe manchmal die Atmosphäre unter Geschwindigkeit und Handlungsdichte. Wo in Teil eins oft entschleunigt ein Blick auf Paris, die Stimmung der Stadt, Gerüche, Geräusche und Menschen geworfen wurde, eilt Nicolas nun von Schauplatz zu Schauplatz, ohne viel Zeit für andere Betrachtungen außerhalb der Geschehnisse zu haben. Sie sind nach wie vor vorhanden, nur eben nicht so ausgeprägt. Das fand ich etwas schade. Dagegen ist der Tempogewinn spürbar vorhanden – der Autor suchte in diesem Band offenbar noch nach dem Mittelweg.

Die Anzahl der handelnden oder zumindest erwähnten Personen ist noch mal deutlich gestiegen, das Namensverzeichnis im Buch macht Sinn. Öfter kam ich durcheinander und konnte nicht direkt zuordnen, um wen es nun genau ging. Das Buch fordert eine einigermaßen konzentrierte Lektüre, für Anfänger im Genre historischer Romane könnte es eine kleine Herausforderung darstellen.

Interessant: Sehr viele der Charaktere basieren auf realen Personen, deren Existenz belegt sind. Sogar ein Teil der Handlung gab es so in Wirklichkeit. Hier bemerkt man deutlich, dass Jean-François Parot auch als Historiker tätig war/ist und definitiv weiß, wovon er schreibt. Aus jeder Seite tropft das Wissen und es macht Spaß mitzudenken, was von den geschriebenen Worten damals real geschehen ist.

Die Beschreibungen der unterschiedlichen Mahlzeiten und deren Zubereitung sind ebenfalls wieder da. Mir sind diese Gerichte zu rustikal und die Begeisterung von Le Floch über sie konnte ich daher nicht teilen. Dennoch tragen auch sie dazu bei, die Zeit (wenn auch ZU anschaulich) detailliert zu rekonstruieren. Igitt.

Die Handlung selbst ist klassisch. Der Commissaire sammelt nach und nach Informationen, die er am Ende zu einem großen Ganzen zusammenfügt und den Involvierten als Lösung präsentiert. Viele Abzweigungen davon gibt es nicht. Station für Station wird abgearbeitet. In kommenden Teilen wünsche ich mir verschlungenere und vielleicht raffiniertere Wege zum Finale; ich bin gespannt, ob Parot in dem Punkt dazulernt. Die Geschichte endete dennoch für mich unerwartet und mysteriös. Ohne zu viel zu verraten kann ich natürlich keine Details nennen, nur so viel: Was klein begann, endet verdammt groß.

Das Buch ist für jeden Leser des ersten Bandes uneingeschränkt zu empfehlen. Es ist auch für jeden Liebhaber von historischen Romanen zu empfehlen, der bereits ein wenig Erfahrung mit dem Genre hat. Mit ein wenig Elan natürlich auch für jeden anderen Leser.

Im Herbst geht es weiter; ich werde dabei bleiben und auch den dritten Fall von Nicolas Le Floch lesen.

Aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn 
Originaltitel: L’Homme au Ventre de Plomb
Originalverlag: JC Lattès
Paperback, Klappenbroschur, 416 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-89667-572-9
€ 17,00 [D] | € 17,50 [A] | CHF 23,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Blessing

gelesen vom 26.03. – 31.03.

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