Anne Jacobs – Die Tuchvilla

Ab und an möchte ich etwas lesen, was einfach nur erzählt und nicht zu viel vom Leser erwartet; pure Unterhaltung statt zu komplexer Gedankengänge. Die Mischung macht es. Es war wieder an der Zeit, daher habe ich dieses Buch als Rezensionsexemplar angefragt und freundlicherweise erhalten. Vielen Dank dafür. Denn in den Regalen, Videobesprechungen und anderen Medien lief es mir seit einiger Zeit konstant über den Weg. Die vermehrte Beschreibung „Es ist wie Downton Abbey“ köderte mich, da ich die Serie sehr mag.

„Die Tuchvilla“ ist im Augsburg des Jahres 1913 angesiedelt und erzählt eine klassische Geschichte von „gehobenen Herrschaften“ und ihrem Personal. Aus dem örtlichen Waisenhaus stammend, ist die junge Marie das neue Küchenmädchen in der imposanten Villa der Fabrikantenfamile Melzer. Sie wird nicht wirklich von den anderen Hausangestellten akzeptiert und eckt mit ihrer isolierten Art an. Von einer der Töchter des Hauses wird Marie als Freundin und Zofe erkoren und dadurch bei den anderen nicht beliebter. Parallel erforscht sie ihre eigene Herkunft. Weitere Handlungsstränge im Buch drehen sich um die Liebeleien und Streitigkeiten der Melzertöchter, die Karriere des Melzersohnes und auch immer wieder um kleine Reibereien zwischen den Bediensteten. Als die künstlerisch veranlagte Katharina Melzer mit ihrem Angebeteten nach Paris türmt, überschlagen sich die Ereignisse diesseits und jenseits des Eiffelturmes.

Meine Erwartungen in Richtung einer leichten, einfachen Geschichte wurden auf jeden Fall erfüllt. Trotz der 700 Seiten ließ sich das Buch sehr schnell und fluffig lesen. So klischeehaft es auch klingen mag, für mich war es perfekt zum Abschalten am Abend. Ich habe komplett das erhalten, was ich im Sinn hatte.

Nun könnte ich aufhören zu schreiben. Doch dann würde ich Punkte unerwähnt belassen, die ich nicht ganz gelungen fand. Denn auch, wenn es sich hier um reine Unterhaltungslektüre handelt, muss sich die Geschichte einen Vergleich mit andere aus dem Genre gefallen lassen. Finde ich zumindest. Und hier fällt sie gegenüber anderen Werken etwas zurück. Ich habe nicht übermäßig viele vergleichbare Bücher gelesen bisher, einige waren es jedoch.

Zum einen empfand ich „Die Tuchvilla“ als deutlich zu lang. Für meinen Geschmack hätte Jacobs hier locker 200 Seiten kürzen können. Denn die Handlung wirkt etwas verwässert durch die Menge an Seiten.

Die Bezeichnung „Historischer Roman“ passt für mich nur eingeschränkt. Die Epoche der Handlung ist eine reine Kulisse ohne großartige Funktion, politische Entwicklungen, das „dem Ersten Weltkrieg Entgegensteuern“, soziale Unterschiede etc. werden nur knapp angerissen und haben keine großartige Relevanz. Wäre nicht vereinzelt vom Kaiser die Rede, könnte sich alles auch zwischen den Weltkriegen abspielen. Oder noch im 19. Jahrhundert, würden nicht vermehrt Automobile genutzt werden.

Die verschiedenen Charaktere agieren mitunter klischeehaft und etwas hölzern. Mir ist bewusst, dass die Autorin keine ausgefeilte Charakterstudie schreiben wollte. Dennoch wäre vielleicht noch ein bisschen mehr Figurenzeichnung möglich gewesen. Eine Bindung zu einer der fiktiven Personen konnte ich nicht aufbauen.

Trotzdem hat mir die Geschichte genau das gegeben, was solche Geschichten eben versprechen. Daher sind die oben genannten Punkte etwas unfair und vielleicht zu anspruchsvoll für dieses Genre – innerhalb von diesem ist es ein sehr angenehmes Buch.

Taschenbuch, Broschur, 704 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-38137-1
€ 10,99 [D] | € 11,30 [A] | CHF 15,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Blanvalet
Erschienen:  15.12.2014

gelesen vom 10.04. – 20.04.2018