Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini

Vor Jahren habe ich den Kurzgeschichtenband „Schuld“ des Autors begonnen, wurde überhaupt nicht warm damit und brach ihn schließlich ab. Jetzt wollte ich es mit einer durchgängigen Geschichte von ihm erneut versuchen und Griff zu dieser.

Der Anwalt Caspar Leinen betreut seinen ersten Fall nach Abschluss des Studiums: Er ist Pflichtverteidiger eines Mannes, der einen Mord verübt hat. Das Opfer ist ein angesehener Manager bei Mercedes. Über das Motiv schweigt sich der Täter aus, stattdessen bekennt er sich direkt schuldig. Leinen bemerkt schnell, dass er auch persönlich in den Fall involviert ist. Trotzdem gibt er ihn nicht ab und beginnt seine Arbeit.

Anders als mit den einzelnen kurzen Erzählungen in „Schuld“ kam ich hier besser zurecht mit der Geschichte. Von Schirach schreibt sehr klar und relativ einfach, wodurch er eine sachliche Stimmung erreicht. Diese durchbricht er mit unerwartet emotionale Momenten, die dadurch natürlich intensiver wirken – ein simples Rezept, welches hier voll aufgeht. Vielleicht passte es auch besser in meine aktuelle Lesestimmung. Kurzum: Ich habe es fast gefressen.

Worauf der Autor aufmerksam machen möchte war mir anfangs nicht direkt klar. Denn hinter der recht klassisch anmutenden Justizerzählung steckt der Hinweis auf einen juristischen Umstand, der dem breiten Publikum nicht bekannt sein dürfte. Kleine Infohappen am Ende liefern dazu noch tiefere Einblicke.

Die Charaktere sind nicht übermäßig tief und intensiv ausgearbeitet. Nur wenige Details werden genannt. Diese sind perfekt gewählt und erklären ihre Handlungen sehr gut. Dennoch hat von Schirach es geschafft, trotz der knappen Worte für mich eine Art Bindung zu den Figuren entstehen zu lassen. Am Ende ließ mich das Geschehen sehr emotional zurück.

Viel mehr kann ich nicht zu dem recht dünnen Buch äußern, ohne dem Neuleser etwas daran zu verderben. Am besten sollte sie/er ohne große Vorabinformationen an den Titel herangehen und ihn wirken lassen. Es lohnt sich sehr. Ich werde definitiv mehr von ihm lesen, wenn nicht sogar alles – auch „Schuld“ soll seine zweite Chance erhalten.

  • Taschenbuch: 208 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (13. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442714990
  • ISBN-13: 978-3442714995

gelesen am 08.04.