Martha Grimes – Inspector Jury schläft außer Haus

Inspector Richard Jury von Scotland Yard wird aufs Land geschickt. Im beschaulichen Long Piddleton wurden zwei Ortsfremde ermordet, jeweils mit Bezug zu einem Pub und relativ grotesk. Er soll ermitteln, es ist kurz vor Weihnachten, die Lage ist unübersichtlich.

Mit dieser klassischen Ausgangslage beginnt der auch klassisch britische Krimi der Amerikanerin Martha Grimes. Viele weitere Teile sollten folgen. Endlich habe ich Band eins der Reihe gelesen und es definitiv nicht bereut.

Die Handlung ist nicht besonders erwähnenswert, was ich nicht negativ meine. Sie bewegt sich in den bekannten Bahnen eines cosy-british Krimis. Dieser könnte ohne Schwierigkeiten an einem Sonntagabend im ZDF laufen (es gibt tatsächlich eine Verfilmung, die jedoch fürchterlich misslungen sein soll). Was dagegen durchaus zu erwähnen ist und mich bis zum Ende dranbleiben ließ, war die gelungene Stimmung in Verbindung mit den toll ausgearbeiteten Charakteren.

Nicht jede Figur ist bis ins kleinste Detail ihrer Biografie erklärt. Der Autorin reichen wenige Worte, um die Charaktere sehr plastisch und lebendig wirken zu lassen. So wird nicht, wie heutzutage üblich, die gesamte Vorgeschichte des Inspectors verarbeitet. Anhand weniger Merkmale beschreibt Grimes ihn trotzdem auf den Punkt genau und lässt ihn eher an seinen Handlungen wachsen. Das gelingt selbst bei den zahlreichen Nebenfiguren. Eine komplette Dorfgemeinschaft wird so lebendig beschrieben, bei der ich stets den Überblick behielt. Was bei mir etwas heißen soll, denn ich steige mental gern mal aus, wenn zu viele Namen auftauchen in einer Geschichte.

Auch die Stimmung mochte ich sehr. In den späten 80ern angesiedelt, ist alles herrlich unaufgeregt und noch nicht von Handy, Internet etc. besiedelt. Langsam geht es zu. Dennoch nicht langweilig. Zwischen langen Dialogszenen beschreibt die Autorin immer wieder Witterung, Licht und Gerüche; gern melancholisch angehaucht. Dieser Band spielt während der Weihnachtstage und fängt diese atmosphärisch perfekt ein. Generell mag ich Schneebeschreibungen, die hier ganz besonders schön sind.

Großartig fand ich den Humor. Das Buch ist so trockenlustig geschrieben, dass ich oftmals laut lachen musste. Sehr britisch-sarkastisch.

Ich habe mein Sammlerherz befriedigt und die ersten elf Bände in der schönen alten rororo-Ausgabe ergattern können. Gemalte Cover statt den etwas langweiligen Fotografien der neueren Auflagen. Im Regal machen sie sich sehr gut. Der Plan ist, sie nach und nach alle zu lesen. Nicht ständig und nicht am Stück, da sich dann vielleicht doch eine Übersättigung bei mir einstellen könnte. Trotzdem auf jeden Fall alle, irgendwann. Ich bin gespannt, ob diese den starken ersten Teil nur nachahmen oder genau so schön sind.

  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag; Auflage: 23 (4. Juni 1987)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499159473
  • ISBN-13: 978-3499159473

gelesen vom 24.03. – 13.04.