Ali Smith – Beides sein

Auf die Autorin wurde ich durch die – meiner Meinung nach – wunderschönen Cover ihrer beiden Bücher „Autumn“ und „Winter“ aufmerksam. Falls diese jemals hier veröffentlicht werden sollten, wollte ich vorbereitet sein und bereits etwas von ihr gelesen haben. „Beides sein“ erhielt ich als von mir angefragtes, kostenloses Leseexemplar über den Verlag – vielen Dank dafür.

Das Buch besteht aus zwei unterschiedlichen Geschichten, welche an unterschiedlichen Orten und zu völlig unterschiedlichen Zeiten spielen. Es sind verschiedene Versionen des Buches in Umlauf. In diesen variiert die Reihenfolge der Erzählungen.

Mal beginnt es mit der Geschichte

eins: In der britischen Gegenwart hat George die Mutter verloren und versucht, diese Trauer zu bewältigen. Man begleitet George bei Erinnerungen, Beobachtungen und Gedankengängen und der Entdeckung eines italienischen Freskos aus der Renaissance – verbunden damit bei aufkeimendem Interesse an Kunst. Weitere Themen dieses Handlungsstranges sind die Freundschaft zu einer Klassenkameradin und das Recherchieren zu einer angeblichen früheren Überwachung der Mutter.

oder auch zwei:  der italienische Maler Francesco del Cossa sinniert über sein Schaffen, dessen Wert und Beachtung. Sein reales Leben fand 500 Jahre vor dem von George statt. Aus dem Purgatorium heraus beobachtet er nun George (aus Handlung eins) und teilt seine Beobachtungen darüber mit. Parallel geht es um seinen Werdegang zum Hofmaler hin und seinen Wechsel/Umgang mit den Geschlechtern.

An diesem Buch bin ich gescheitert. Denn das Lesen fiel mir ungewohnt schwer, ich fand kaum Zugang und konnte keine wirkliche Handlung erkennen. Fast alles spielt sich über die Gedanken und Beobachtungen der Figuren ab. Generell habe ich selten Schwierigkeiten mit einem dünnen Plot – hier bin ich fast verzweifelt. Smith schreibt sehr zerfasert und ungeordnet. Sie kann definitiv mit Sprache umgehen und ich war von dem Kunstgriff begeistert, wie sie innerhalb eines Satzes! einen Wechsel der Handlungszeit beschreibt. Nur leider konnte ich allzu oft nicht folgen. Sie reißt so viele Themen an, dass die ca. 160 Seiten je Geschichte etwas überladen und unfertig auf mich wirkten. Die Gedanken springen munter hin und her, bekommen dabei jedoch selten Boden zu fassen.

Interessant ist das Spiel mit dem Geschlecht. Denn Smith schreibt so, dass man manchmal nicht eindeutig erkennen kann, ob der gerade beschriebene Charakter weiblich oder männlich ist. Doch statt sich darauf zu konzentrieren, wird auch dieses nur hin und wieder thematisiert und für meine Begriffe nicht ausgiebig genutzt.

Vielleicht fehlte mir auch eine intensivere Bindung zu den Protagonisten. Aufgrund der zurückhaltenden realen Handlung gibt es wenige Chancen auf für eine Annäherung. Emotionale Momente kam für mich kaum vor. Stattdessen beschreibt die Autorin Gedankenströme. Virginia Woolf habe ich bisher nicht gelesen – so stelle ich mir ihre Werke auch vor. Was mich beunruhigt. Da ich irgendwann definitiv etwas von ihr lesen möchte.

Ratlos bleibe ich zurück. Denn dass ich solche Schwierigkeiten mit einem Text habe, passiert mir sehr selten und verunsichert mich ziemlich. Immer wieder habe ich, bis zum Ende, den Zugang gesucht. Leider habe ich ihn überhaupt nicht gefunden.

Vielleicht kann ich zum dem Buch sagen, würde ich vor ihm stehen: „Entschuldige Schatz, es lag nicht an dir, ich hatte Migräne.“ Dabei würde ich im Hinterkopf, nur zu mir selbst, allerdings leise sagen: „Wir passen einfach nicht zusammen“.

  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (12. März 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442716004
  • ISBN-13: 978-3442716005
  • Originaltitel: How to Be Both

gelesen vom 16.04. – 24.04.