Robert Menasse – Die Hauptstadt

Ein Mord ist geschehen in Brüssel, ein Schwein läuft frei herum. Und damit ist nicht der Täter gemeint, sondern ein wirkliches Schwein. Während es über die Straßen und Plätze der Stadt rennt, wird es von vielen Passanten gesehen. Unter anderem, nach und nach, auch von allen Protagonisten des Buches. So wirkt die Flucht des Tieres wie ein Startschuss der Geschichte: Hier beginnt er, der Gewinnerroman des Buchpreises 2017.

Bisher habe ich mich kaum bis gar nicht mit den Long- und Shortlists von Preisen auseinander gesetzt. Für mich ist es egal, ob ein fiktives Werk mit einer Ehrung ausgezeichnet wird. Es ändert nichts am Werk. Zumal es bei dem Preis nur um eine Anhäufung übereinstimmender subjektiver Meinungen geht. Das vermeintlich Ultimative kann nur eine Illusion sein, da eben auch viele andere Meinungen bestehen und diese ebenso natürlich gültig sind.

Trotzdem war ich gespannt auf „Die Hauptstadt“, denn es erschien mir doch als sehr präsent und beliebt in den von mir genutzten Medien und ragte heraus. Also bat ich den Suhrkamp Verlag um ein Leseexemplar, welches ich erhalten habe. Vielen Dank dafür!

Ein Schwein also. Wofür genau es in dem Buch steht, kann ich gar nicht sagen. Es lässt sich als Metapher für vieles nutzen; für die Wähler, die EU Beamten, für den Menschen an sich. Darauf habe ich mich mit mir geeinigt.

Natürlich ist das Tier nur eine Randerscheinung und stellt nicht die eigentliche Handlung dar (obwohl es andauernd wieder vorkommt, dieses und auch andere Schweine). Die Geschichte an sich befasst sich mit viel mehr Themen, als ich vor der Lektüre gedacht hatte. Um nicht zu viel zu verraten, kann ich die einzelnen nur anreißen:

Die EU bzw. die Europäische Kommission hat ein Imageproblem, ihr Ansehen soll aufpoliert werden. Dafür wird nach Lösungen gesucht. Im Kulturbereich (geleitet von einer griechischen, sehr karrierefixierten Kommissarin) wird an Ideen gearbeitet. Als der Mitarbeiter Martin Susmann zur jährlichen Gedenkveranstaltung nach Auschwitz reist, hat er ausgerechnet dort die rettende Eingebung.

Weitere Handlungsfäden befassen sich
-mit einem älteren Professor, der in Brüssel an einem Think-Tank zu Verbesserungsmöglichkeiten der EU teilnimmt
-mit dem Bruder von Martin Susmann, der als Vorsitzender einer österreichischen Handelsvereinigung an einer Handlungsbeziehung zu China, betreffend Schweinefleisch, arbeitet
-einem Holocaustüberlebenden, der sein selbstbestimmtes Leben in Brüssel verlässt, um in ein Altersheim umzuziehen
-den eingangs erwähnten Mord samt Täter, ermittelndem Polizeikommissar und daraus resultierende Verwicklungen
-dem bürokratischen Verwaltungsapparat

Wirklich herausragend finde ich den Schreibstil von Menasse. Klare und kühle Sätze, ganz ohne Schnörkel und unnötigen Ballast, erinnerte er mich streckenweise an Mankell. Bei all seinen Beobachtungen der Geschehnisse schwingt eine ständige Melancholie mit. Die Grundstimmung ist sachlich/bedrückt und wird durch sarkastische Einschübe gebrochen. Das Buch war für mich sehr gut lesbar. Sämtliche Vorurteile von mir in Bezug auf verkopfte Künstlerwerke waren falsch.  Es ist gut zugänglich und stellt vor keine großen Hürden. Allein die verschiedenen Einrichtungen der EU fand ich teilweise verwirrend. Was, je mehr ich darüber nachdenke, wahrscheinlich auch genauso sein soll.

Immer wieder beschreibt der Autor die absurden Gedankengänge und Entscheidungsfindungsprozesse der Beamten. Dadurch wurde manches meiner Klischees bedient und bestätigt. Trotzdem geht es der Geschichte nach meinem Empfinden nicht darum, sich darüber lustig zu machen. Sondern generelle Pro- und Kontrapunkte für das gesamte EU-Konstrukt aufzuzeigen und zu beleuchten. Dies gelingt durch die vielen Protagonisten mit ihren jeweils eigenen Bezügen und Hintergründen fantastisch gut. Besonders der immer verzweifeltere Professor, der nicht ernst genommen wird, obwohl er die wirklich dringlichen Probleme der EU benennt und Lösungen anbietet, hat mich überzeugt.

Wahrscheinlich spricht durch ihn noch stärker als bei den anderen Figuren die Stimme (und eigene Meinung) des Autors. Was mich absolut nicht störte. Denn seine Meinung darf Menasse wie jeder andere EU Bürger klar äußern, nicht wahr? 😉 Seine Gedankengänge haben mich überrascht, da ich so noch nie über das Gefüge in Brüssel nachgedacht habe. Um mich dann zustimmend zurückzulassen. Auch sein Fazit möchte ich hier nicht spoilern – nur so viel: Meiner Meinung nach sind seine Schlüsse richtig, die er aus den aktuellen Bewegungen innerhalb der Union zieht.  Wahrscheinlich werden sie nicht umgesetzt werden, bevor es zu spät ist. 

Neben meiner Begeisterung habe mich auch einige Umstände nicht ganz überzeugt. Die Handlung um den Mord ist hier das größte Manko. Sie leitet die Geschichte ein, baut die beteiligten Charaktere gut und spannend auf, begleitet die Figuren eine Zeit lang – und wird dann fallen gelassen. Menasse beendet die Thematik sehr plump und ohne Ergebnis. Dadurch wirkt der Teil sehr gewollt und wie Füllmaterial. Dies fand ich sehr schade, denn der dauerhaft traurige Kommissar erinnerte mich durchgängig an von mir heiß geliebte Helden skandinavischer Fließbandkrimis. Vielleicht habe ich die Notwendigkeit dieses Subplots einfach nur nicht verstanden; er erschloss sich mir nicht. So schade, denn hier wäre mehr drin gewesen. 

Gegen Ende gibt es weniger Handlung als noch zu Beginn, stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf die verschiedenen Theorien zu Sinn und Unsinn der EU. Einige Stränge werden durch Zufälle beendet, was auf mich manchmal unelegant wirkte. 

Dennoch bin ich, von diesen unnötigen Einschränkungen abgesehen, sehr begeistert von diesem Buch. Zugegebenermaßen hatte ich vor der Lektüre etwas Respekt („Oh, ein Buchpreisträger, hoffentlich verstehe ich es überhaupt…“). Diese war unbegründet. „Die Hauptstadt“ ist sehr zugänglich, herrlich sarkastisch/böse/nachdenklich und kurzweilig geschrieben. In Zukunft werde ich mehr auf die nominierten Titel achten, diese Erkenntnis nehme ich mit. 


D: 24,00 €  / A: 24,70 € CH: 34,50 sFr
Erschienen: 11.09.2017 
Gebunden, 459 Seiten
ISBN: 978-3-518-42758-3

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gelesen vom 20.04. – 29.04.