Madeline Miller – Das Lied des Achill

Durch das Erscheinen von Circe, dem zweiten Buch der Autorin, wurde ich über Instagram auf sie aufmerksam. Ich lese gern in der Erscheinungsreihenfolge und schaute daher testweise in die Leseprobe des ebooks hinein, die mich direkt überzeugte. Folgerichtig durfte das gesamte Buch, in der elektronischen Version, bei mir einziehen.

„Das Lied des Achill“ ist eine Nacherzählung oder Neuinterpretation der griechischen Heldensage um Achilles. Er ist ein Halbgott (Mutter göttlich, Vater menschlich) und gilt schon in jungen Jahren als zukünftige stärkster Krieger überhaupt. Dies liegt an seiner unglaublichen Geschwindigkeit und seinem Geschick im Umgang mit dem Speer. Die Geschichte wird jedoch nicht aus seiner, sondern aus der Sicht seines Freundes/Begleiters Patroklos erzählt.

Patroklos ist ein Prinz, der aufgrund eines Vergehens von seinem Vater verbannt und am Hof von Achills Vater aufgenommen wird. Dort steigt er schnell zum persönlichen Assistenten von Achilles auf. Die beiden gehen gemeinsam in die Ausbildung (durch den Zentauren Cheiron) und kommen sich dort näher. Doch von dem Halbgott wird erwartet, dass er seine Fähigkeiten auch einsetzt. So wird die Idylle durch den drohenden und schließlich ausbrechenden Krieg um Troja zerstört.

Genretechnisch ist das Buch nicht klar einzuordnen. Es beinhaltet Elemente aus Heldensagen, Jugendbuch, Coming-of-Age, gay romance und Kriegsbeschreibungen. Genau so liest es sich auch – ein Mix aus vielen verschiedenen Teilen, der zu einem großen Ganzen zusammengefügt wurde. Das ist durchaus gelungen, finde ich.

Als erstes fällt der Stil auf. Ganz nach meinem Geschmack, ist er nicht verschnörkelt und abschweifend, sondern sehr klar. Kurze prägnante Sätze ohne unnötige Infos drumherum. Dadurch kam ich sehr gut in einen intensiven Lesefluss, der das gesamte Buch hindurch anhielt. Einige Schlachtszenen waren für meinen Geschmack etwas zu ausführlich beschrieben, was bei der Thematik des Buches jedoch nicht weiter überraschend ist. Es ist Krieg, und dieser wird durch die Autorin beschrieben.

Von der griechischen Sagenwelt habe ich so viel Ahnung wie folgt: gar keine. Mit diesen Vorkenntnissen gewappnet, nahm mich die Autorin sehr gut an die Hand, um ihre Version zu erzählen. Heldensagen für Anfänger quasi. Einzig die Fülle an Namen war für mich verwirrend. Hätte ich mehr Ahnung von den Zusammenhängen, wäre das Vergnügen noch größer gewesen. Teilweise tauchen auf jeder Seite gefühlt fünf neue Krieger/Götter/Helden/Sklaven auf, mit denen ich durcheinander geriet und dadurch einiges nicht verstanden habe an Nebengeschehnissen. Das kann ich der Autorin nicht anlasten. Die Hauptgeschichte ist sehr verständlich und logisch aufgebaut.

Die Geschichte selbst erinnert in der ersten Buchhälfte an jugendliche Lovestories mit schwulen Protagonisten. Die Annäherung von Patroklos und Achill beschreibt Miller so locker und unbeschwert, dass ich ganz eingenommen war davon. Es geht nur am Rande um Themen wie Outing bzw. Reaktionen „der Anderen“; hauptsächlich beschäftigen die Figuren sich mit sich selbst und denken wenig über Außenwirkung nach. Zwischen all den schwermütigen Geschichten, die zu der Thematik kursieren, eine schöne Abwechslung. In der zweiten Hälfte verändert sich Achill charakterlich etwas und die Beziehung der Beiden dadurch auch. Die Handlung geht mehr in Richtung Krieg und anderen Nebenschauplätzen. Die gefiel mir ebenfalls gut, da es so nicht permanent um das Gleiche ging.

Erwähnenswert ist noch der Charakter Thetis, Mutter des Achill und Göttin/Nymphe. Auf zeitgenössische Geschichten übertragen, wäre sie wohl die böse Schwiegermutter mit Hang zum Überprotektionismus des Sohnes. Sie wurde sehr düster, nahezu böse und unheimlich von der Autorin angelegt. Dadurch stach sie für mich klar heraus. Und trotz dieser nicht besonders angenehmen Eigenschaften sorgt sie gegen Ende für eine positive Überraschung. Ein Buch mit ihr als Hauptfigur würde ich blind kaufen.

Wer Lust auf etwas andere Geschichten hat, die sich dennoch mit gängigen Plots vergleichen lassen, findet in diesem Buch die Perfekte Lösung. Kurzweilig, traurig-schön und dabei mit Lerneffekt – viel mehr erwarte ich von Unterhaltungsromanen nicht. Miller hat ihr Genre gefunden und ich hoffe, dass noch viel mehr von ihr erscheinen wird.


Erschienen am 09.03.2015
Übersetzer: Michael Windgassen
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98220-7
 
gelesen vom 01.05. – 06.05.