Jochen Missfeldt – Sturm und Stille

Ich hatte weder vom Autor, noch von diesem Buch zuvor gehört und habe es auf dem Tisch für Neuerscheinungen entdeckt. Zwei Gründe zwangen mich, es direkt mitzunehmen: Das schöne Cover und die Thematik.

Erzählt wird aus ihrer Sicht die Lebens- und Liebesgeschichte von Doris Jensen, der zweiten Ehefrau Theodor Storms. Die Familien der beiden sind befreundet (teilweise auch verwandtschaftlich verbunden), sodass sie sich seit Kindheitstagen kennen und immer wieder Kontakt haben. Altersunterschied, das Wesen von Storm und seine erste Ehefrau Constanze Esmarch verhindern jedoch, dass sie ihre gegenseitige Zuneigung ausleben können. Erst nach und nach kommen sie sich näher, bis ihre Umgebung davon etwas mitbekommt. Doris wird zu Verwandten geschickt, um Storms außereheliche Anwandlungen und eine mögliche Familienschande zu unterbinden. Es wird dauern, bis die beiden sich wiedersehen und Chancen bekommen, offiziell zusammen zu sein.

Seit meiner Schulzeit empfinde ich eine gewisse Faszination für alles, was mit der Nordseeküste und der Region zu tun hat; besonders historisch gesehen. Den Schimmelreiter habe ich geliebt (ein wiederholtes Lesen steht bald an), alte Bauernhäuser dort könnte ich stundenlang erkunden und generell würde ich sofort, zumindest für einige Zeit, in eine frühere Zeit zurückreisen, um dort alles live erleben zu können. Ich bin in Mittelholstein aufgewachsen und war daher nie wirklich weit entfernt von der Küste. Durch meine Großeltern, die noch sehr reduziert und altmodisch gelebt haben, hatte ich einige Berührungspunkte mit dem alten Landleben… und so weiter. So besteht ein gesteigertes Interesse an allem, was ich dazu erfahren kann. Dieses Buch passte daher perfekt.

Gewöhnungsbedürftig fand ich zunächst den eigentlichen Aufbau der Geschichte. Ein fiktionaler Charakter aus anderen Werken von Missfeldt erdenkt sich die fiktionale Autobiografie von Doris Jensen – so schreibt der Autor in Form einer Romanfigur, die sich alles selbst nur ausdenkt. Im Nachwort erfährt man, dass vieles nicht wirklich überliefert ist aus dem Leben von Doris Jensen und daher verstärkt mit fiktiven Dingen gearbeitet werden musste. Vielleicht wählte der Autor daher diese etwas verschachtelte Herangehensweise.

Wenn man sich daran gewöhnt hat, erzählt Doris also über ihre Leben und die Berührungspunkte mit Storm. Auch wenn es häufig um kleine Ereignisse geht wie Jugendfreundschaften, ihr Verhältnis zur Großmutter, ihre Ausbildung – immer wieder rückt der Autor in den Fokus. Aus fremden Augen erfährt man so auch seinen Werdegang und vor allem viel über sein Wesen. Etwas plump und zu gewollt versucht Missfeldt teilweise zu erklären, wie bestimmte Werke von Storm entstanden und auf welchen Ereignissen in seinem Leben diese beruhen. Was genau davon Fantasie und was belegt ist, wird nicht näher erläutert.

Alles ist sehr stimmungsvoll geschrieben, die Sprache überwiegend der damaligen Zeit angepasst, die Atmosphäre realistisch. Dennoch bin ich nicht immer motiviert genug gewesen, das Buch konsequent weiterzulesen. Es hat Längen durch Passagen, die willkürlich und unwichtig wirken. Zudem fand ich Doris nach und nach unsympathischer, da sie teils ziellos und unterschwellig gelangweilt durch ihr Leben eiert. Die ganz große Faszination stellte sich daher nicht ein. Trotzdem erfuhr ich viel über das gesellschaftliche Leben im damaligen Husum, die Kriegsjahre (deutsch-dänischer Krieg) und Theodor Storms kauziges Wesen.

Das Buch ist für jeden geeignet, der historisch interessiert ist und damit umgehen kann, dass vieles Unbekannte mit Fiktion aufgefüllt wurde. Wahre Historiker werden wohl nicht glücklich mit dem Werk werden. Sobald ich demnächst wieder den Schimmelreiter zur Hand nehme, bin ich dafür jedoch in der richtigen Stimmung und gut vorbereitet.


  • Verlag:  Rowohlt
  • Erscheinungstermin:  18.08.2017
  • Lieferbar
  • 352 Seiten
  • ISBN:  978-3-498-04529-6
  • Originalausgabe