Robert McCammon – Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal 1

1699, in der britischen Kolonie Fount Royal in den östlichen (heutigen) U.S.A.: Der Richter Issac Woodward soll gemeinsam mit seinem Gerichtsdiener Matthew Corbett einen Prozess führen – gegen die vermeintliche Hexe Rachel Howarth. Die beiden reisen in den Ort und wollen einfach ihre Arbeit tun. Doch es gibt offensichtliche Ungereimtheiten, sodass zumindest Matthew zweifelt und Ermittlungen anstellt. Ist Rachel wirklich eine Hexe, oder soll es nur so aussehen, als sei sie eine?

Die Originalausgabe wurde für den deutschen Markt auf zwei Einzelbände aufgeteilt, den ersten las ich als eBook. Und wie ich ihn las – in relativ kurzer Zeit und sehr begeistert. Das Buch hat mir unglaublich gut gefallen. Ich kann bereits sagen, das es für mich zu den besten Büchern gehört, die in ich 2018 gelesen habe. Das hat mehrere Gründe.

Zuallerst, und das ist das herausragende Merkmal für mich, ist die fantastische Atmosphäre zu nennen. An das Buch hatte ich keine hohen Erwartungen, da es als (historischer) Thriller beworben wird und es sich nicht um mein Lieblingsgenre handelt. Der historische Part lockte mich, der Thrillerteil dämpfte diese Haltung etwas. Zu Unrecht. Denn ab der zweiten Seite, vielleicht schon gegen Ende der ersten, war ich völlig drin in der Geschichte. In der Intensität passiert mir das selten. McCammon schreibt sehr ausführlich. Einige würden vielleicht sogar sagen: langsam. Meist nervt mich so etwas und ich werde ungeduldig oder schnell gelangweilt. In diesem Buch passt es extrem gut. Es schafft diese ganz besondere Stimmung, die sich konsequent hält und nie abflacht. Dadurch entsteht automatisch eine Spannung, die ebenfalls immer bleibt. Die Geschichte erinnerte mich an Sleepy Hollow – düstere, neblige Dorfkulisse, meist regnet es oder ist kalt und unwirtlich. 

Hervorzuheben sich auch die Charaktere. Es werden stetig mehr, und jede Figur hat ihre eigenen Motivationen und Ansichten. Dennoch konnte ich gut den Überblick bewahren. Der Autor führt jede wichtige Person gut ein und gewöhnt den Leser durch unauffällige Namenswiederholungen an sie. Unübersichtlich fand ich das Personenkarussell zu keinem Zeitpunkt. 

Der Reiz liegt in der Entwicklung von Gerichtsdiener Matthew. Anfangs ist er klar ein Kind seiner Zeit, der Hexenglaube ist fest in seinem Denken verankert und ganz normal für ihn. Durch Rachel beginnt er zu zweifeln. Mit steigender Intensität sucht er Argumente für und gegen die Hexerei. Dabei entfernt er sich mehr und mehr von den Ansichten seines Vorgesetzten und scheut auch Streit nicht. Dennoch bleibt er stets skeptisch und windet sich noch. Dieser innere Abschied von seinem alten Weltbild, dass er als völlig natürlich durch seine Umwelt vermittelt bekam, ist grandios dargestellt.

So habe ich unerwartet ein Highlight gefunden. Den zweiten Band werde ich auf jeden Fall auch lesen. Danach geht es sogar weiter in zusätzlichen Bänden; mit der selben Hauptfigur, nur in einem anderen Setting. Die Reihe sei jedem ans Herz gelegt, der historische Stoffe mag und es schätzt, wenn diese in eine zeitgenössische gruselige Rahmenhandlung gebettet sind. In den Horrorbereich oder gar ernsthaften Thrillerbereich gelangt das Buch dabei nie wirklich. Einige Szenen sind unheimlich oder etwas robuster, diese überwiegen jedoch absolut nicht. Der wahre Star ist die Stimmung. 


  • Gebundene Ausgabe: 500 Seiten
  • Verlag: Luzifer-Verlag (31. Oktober 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 9783958352308
  • ISBN-13: 978-3958352308
  • ASIN: 3958352308
  • Originaltitel: Speaks the Nightbird