Timur Vermes – Die Hungrigen und die Satten

Ich habe dieses Buch als kostenloses Leseexemplar vom Verlag erhalten, vielen Dank dafür. Die im Folgenden niedergeschriebene Meinung ist meine eigene.

Der Hype um Vermes´ Erstling „Er ist wieder da“ ging völlig an mir vorbei. Obwohl das Buch damals überall präsent war, sprach es mich nicht an und wurde erfolgreich von mir ignoriert. Doch nun, in Zeiten der „Flüchtlingskrise“ und wütenden Bürger und Diskussionen und Meinungen überall, nun hat Vermes etwas Interessanteres geschrieben. Es ist einfach aktueller und erscheint zu einem marketingtechnisch sehr guten Zeitpunkt.

In einer zeitlich leicht fortgeschrittenen Version unserer Welt hat Europa die Grenzen, welch Traum für Populisten, dicht gemacht. In Deutschland gilt die Obergrenze. Natürlich löst dies nicht das Elend der Flüchtenden. Diese kommen irgendwann einfach nicht weiter und verbleiben in einem stetig wachsenden Lager in Afrika, aus dem sich nur betuchte Insassen über Edelschlepper befreien können. Europa selbst scheint noch zu existieren. Auf dem Papier. An den nationalen Einzellösungen und -haltungen hat sich nichts geändert, der Osten verweigert Kooperation. Alles wie gehabt und wohl ohne Konsequenzen. In dieses leider naheliegende Szenario setzt Vermes seine Satire mit einem fast zu simplen Ansatz: Was passiert, wenn der oft propagierte Flüchtlingsstrom tatsächlich anfänge zu fließen? Nicht tröpfelnd wie in unserer Realität, sondern geballt in Form von hunderttausenden Flüchtenden? Die sich zeitgleich in Bewegung setzen Richtung Festung Europa? Was macht dies mit den Menschen – den Flüchtenden selbst, den Medien, den Politikern und den anderen Bürgern? Wie reagieren die Staaten, welche von dem Trek durchwandert werden – und wie sieht eine Lösung aus, was wartet am Ende?

In diesem Buch fließt er, denn die TV Moderatorin Nadeche Heckenbusch (ja, wirklich) schafft es irgendwie ungewollt, einen der Lagereinwohner die Idee einer Massenwanderung gen Europa einzupflanzen. Die Welle setzt sich in Bewegung. Stets begleitet von den Kameras der dazugehörigen Reality-TV-Sendung mit Nadeche als Galionsfigur. Und der Regenbogenpresse in Form einer dauergenervten Schreiberin. Beobachtet vom deutschen Politikbetrieb, der zunehmend nervöser wird, je weniger Kilometer zwischen der Karawane und der Landesgrenze liegen.

So simpel die Grundidee des Buches ist, so genial fand ich sie. Endlich schreibt mal einer nieder, wovor die Pessimisten und deren Ausnutzer Angst haben. So kann sich jeder bestätigen lassen, wie düster es wirklich wird, falls alle Dämme brechen.

Nur – nach schon nach wenigen Seiten passierte folgendes: Ich kam mit dem „Schreibstil“ von Vermes nicht zurecht. Null. Überhaupt nicht. Ich kann ihn nicht mal so nennen. Kapitelweise wechselt er den Protagonisten und beschreibt so aus verschiedenen Perspektiven. Die passiert absolut überwiegend über Gespräche und Gedanken, weniger durch wirklich beschriebene Handlung. Die genutzte Sprache ist dabei völlig flappsig und sehr überwiegend nichtssagend. Mir ist bewusst, dass es sich um eine Satire handelt und so sein soll. Sie kommt für meine Begriffe jedoch zu massiv, übertrieben und überpräsent daher. Dadurch konnte ich kaum etwas aus der Handlung ernst nehmen. So ernst das Thema ist, so wenig konnte mich der Autor berühren oder zum Nachdenken bewegen.

Denn nichts ist neu. Alles, was geschieht, kann man bereits täglich in den Medien beobachten. Neue Erkenntnisse bot mit Vermes nicht. Politiker sind nur am Machterhalt interessiert, die Medien setzen Idioten an die Front (im Hintergrund reihen sich die Zahlenmenschen die Hände) und das Volk wird eh kaum erwähnt. Die Flüchtenden sind seltsam blass dargestellt und wirken nur als Mittel zum Zweck. Wahrscheinlich ist dies der genialste Part der Geschichte und die eigentliche Botschaft: Irgendwas braucht es halt, um Unfrieden zu stiften. Wer/was dies ist, ist dabei letztlich egal.

Das Buch ist zu aufgeblasen für mich. Zu viele leere Worte auf zu vielen Seiten.   200 Seiten weniger hätten es gestrafft und meiner Langeweile vorgebeugt. So jedoch bot es mir zu viel unnützes Gerede. Das sich häufig wiederholt. Der zehnte eingestreute Presseartikel bietet irgendwann nichts anders mehr als der fünfte.

Dabei gehe ich davon aus, dass Vermes es eigentlich kann. Denn gegen Ende des Buches gab es einen wirklichen Lichtblick, der es ein wenig rausgerissen hat für mich: Ein Fernsehinterview mit dem Innenminister, wie man es sich auch in der Realität wünscht – so ehrlich, menschlich und schlau ist es niedergeschrieben. Sehr gute vier/fünf Seiten. Nur sind dies für mich eben zu wenige, um die Geschichte völlig zu retten. Zu viel Gerede über bekannte Problematiken. Keine Ideen, Lösungsansätze, kreativen Auswege. Einfach eine Wiedergabe des Ist-Zustandes ohne Schlenker.

Vielleicht bin ich kein begabter Leser für Satire. Vielleicht verstehe ich sie nicht. Vielleicht komme ich mit den pausenlosen Übertreibungen nicht zurecht, bin dadurch gelangweilt. Sicher werden viele Leser Spaß daran finden und schöne Stunden mit dem Buch verbringen. Ich gehöre leider nicht zu ihnen.


EICHBORN
HARDCOVER
SONSTIGE BELLETRISTIK
509 SEITEN
ISBN: 978-3-8479-0660-5
ERSTERSCHEINUNG: 27.08.2018