Oliver Pötzsch – Der Spielmann (Faustus I)

Das Buch habe ich kostenfrei als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten (über NetGalley). Vielen Dank dafür 🙂

Mir war seit einiger Zeit wieder nach einem Roman mit historischem Setting, da kam dieser gerade richtig. Denn schon lang wollte ich die Henker-Reiher von Oliver Pötzsch beginnen und mich mit dem Autor beschäftigen. Nun habe ich stattdessen mit dem neuesten Werk angefangen. Auch eine Art von Reihenfolge. 

In einem kleinen deutschen Ort namens Knittlingen lebt 1486 der Winzersohn Johann Georg, der von seiner Mutter „Faustus“ gerufen wird – „der Glückliche“. So richtig glücklich verläuft sein Leben dort jedoch nicht. Seine Mutter ist schwer krank, sein Vater missachtet ihn und alle anderen Kindern sind stärker und selbstbewusster als er. Faustus liest lieber, statt sich körperlich zu betätigen. Zudem ist er verliebt in die Tochter des reichsten Mannes am Ort. Diese ist jedoch einem anderen versprochen. Es läuft also nicht gut für ihn. Als Gaukler in seinem Ort eintreffen, lernt er den Spielmann Tonio del Moravia kennen und ist fasziniert von dem Mann und seinen Fähigkeiten. Durch einige Verwicklungen befindet er sich einige Zeit später auf Wanderschaft mit in Ausbildung bei ihm. Die Faszination legt sich, als Tonio seltsame Ansichten zeigt – schließlich ist Faustus auf sich allein gestellt. Es beginnt ein Leben voller Reisen, der Jagd nach Wahrheiten und der Flucht vor undurchsichtigen Verfolgern. Denn einige Menschen haben erkannt, dass Faustus besondere Fähigkeiten besitzt. Die es zu jagen und auszunutzen lohnt…

Ich habe relativ viel Zeit für die Lektüre benötigt. Daran ist nicht ein zu komplizierter Schreibstil „schuld“ oder eine langweilige Handlung. Vielmehr genau das Gegenteil: Für mein Empfinden ist der Stil ein wenig zu einfach gehalten. In sehr sehr einfacher Sprache erzählt Pötzsch behäbig aus dem Leben von Faustus. Die originale Version der Geschichte kenne ich nicht, sodass mir Vergleiche fehlen, jedoch konnte mich diese Variante leider nicht immer mitreißen. Denn stattdessen kenne ich einige bekannte andere Vertreter aus dem Genre (Säulen der Erde, Tore der Welt, Der Medicus, einiges von Gablè). Und von diesen weicht „Der Spielmann“ kaum ab. Zu vieles kam mir zu bekannt vor. Der einzige Twist ist ein etwas dunklerer/negativerer Charakter der Hauptfigur, die nicht durchgängig sympathisch rüberkommt. Dies baut Pötzsch zu wenig aus, ist nicht konsequent genug und stellt Faust zu sehr als nett und als Opfer dar. Ich hätte mich über eine wirklich „böse“ Figur mehr gefreut und hatte diese auch erwartet.

Die Handlung selbst dagegen bietet viel Abwechslung. Denn die Reise der Protagonisten führt quer durch das Land und auch in andere Länder, es passiert ständig etwas, teilweise Unvorhergesehenes. Interessant ist, dass ständig ein Hauch Magie mit im Spiel ist. Oder ist letztendlich doch alles erklärbar, und nur die Figuren begreifen das Geschehen als Magie? Da sie es sich nicht besser erklären können? Sehr schön umgesetzt. 

Doch viel mehr kann ich nicht verraten. Der geneigte Leser erhält einen soliden Roman aus dem Genre. Wer bereits viel aus dem Bereich gelesen hat, kennt vieles wahrscheinlich bereits. Das kann man mögen, oder eben ein wenig enttäuscht davon werden. Ich für meine Begriffe wurde gut unterhalten, hätte gegen 200 Seiten weniger jedoch auch keine Einwände gehabt. Durch so eine Straffung wäre ggf. etwas mehr Pepp zwischen die Buchdeckel gelangt. Gerade der Showdown ist doch sehr in die Länge gezogen. Im nächsten Jahr wird ein weiterer Band erscheinen, die Geschichte um Faustus ist demnach noch nicht auserzählt…vielleicht sind so ausführliche Beschreibungen einfach nicht ganz mein Ding.


  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • 784 Seiten
  • ISBN-13 9783471351598

oder

  • ePub
  • 784 Seiten
  • ISBN-13 9783843718141