Sarah Perry – Nach mir die Flut

Ich habe das Buch als für mich kostenfreies Rezensionsexemplar erhalten – vielen Dank dafür. Die folgende Meinung ist meine eigene und dadurch nicht beeinflusst.

Nun ist das erste, von Sarah Perry veröffentlichte Buch auch bei uns erschienen. Darauf war ich sehr gespannt, denn ihr „Die Schlange von Essex“ wird ein ewiges Highlight für mich bleiben, so sehr hatte es mich beeindruckt. 

Während einer Hitzewelle beschließt John Cole, London zu verlassen und seinen Bruder in Seenähe zu besuchen. Doch statt der erhofften Abkühlung dort bleibt er mit seinem Wagen während der Anreise liegen und muss sich Hilfe suchen. So gelangt er zu einem abgelegenen Haus, das durch einen Damm vor einem Stausee geschützt wird. Und bewohnt wird von einer Gruppe Menschen, die ihn zu erwarten scheinen…

Sarah Perry spinnt ein zunächst simpel wirkendes Szenario mit schnellem Einstieg. Nach wenigen Seiten wandelt dieses sich zu einem sehr rätselhaften Roman, der mich teilweise überforderte. Denn John bleibt einfach in dem Haus, statt zu seinem Wagen zurückzukehren und seine Reise fortzusetzen. Tagelang. Seine Motivation dafür ist für mich nicht klar zu erkennen, irgendwann ist sie auch nicht mehr wichtig. Wie in einem Kammerspiel bewegen sich die Personen des Buches auf engstem Raum und agieren miteinander. Warum sind sie hier? Wer sind sie, wie hängen sie zusammen? Dies ist die treibende Kraft des Romanes.

Auf dem Weg zum Ziel geht der Geschichte manchmal dieser Antrieb verloren, da die Autorin sich selbst etwas verliert und auf der Stelle tritt. Der Schreibstil tritt in den Vordergrund. Perry legt ihr gesamtes Können in die Zeilen und kreiert eine morbide Stimmung, durchzogen von sommerlicher Trägheit und flirrenden Bildern und bedeutungsschwangeren Dialogen. Nicht nur einmal habe ich mich beim Lesen gefragt, was dies alles soll. Oft gab es, genau an diesen Stellen platziert, eine Antwort. Teilweise auch nicht. 

Es fällt mir schwer, eine aussagekräftige Meinung zu formulieren. Nicht alles habe ich verstanden oder überhaupt greifen können, dennoch war das Leseerlebnis ganz besonders. Perrys Talent baut eine so subtile Spannung auf, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen. So bleibe ich etwas ratlos und gleichzeitig doch positiv gestimmt zurück. Denn eine wirkliche Auflösung wird nicht direkt gegeben, lediglich Ansätze dafür. Wem Stimmung wichtiger ist als ein dichter Plot, wer gern träumt und keine Probleme damit hat, Realität verwischen zu lassen, empfehle ich das Buch ausdrücklich. Ausgemachte Realisten werden vielleicht weniger Freude daran finden. 


EICHBORN
HARDCOVER
SONSTIGE BELLETRISTIK
271 SEITEN
ISBN: 978-3-8479-0651-3