Dörte Hansen – Mittagsstunde

Das Buch habe ich in der Printversion als für mich kostenfreies Leseexemplar vom Verlag erhalten – vielen Dank dafür. 

Ingwer Feddersen, Archäologe aus Kiel, kehrt für ein Sabbatjahr in sein Heimatdorf an der nordfriesischen Küste zurück. Dort möchte er den Gasthof seiner Großeltern abwickeln und sich um diese kümmern, bis es (vermeintlich bald) zu Ende geht mit ihnen. Für Oma und Opa gilt er als Nestflüchter. Hat er sich doch gegen das Dorfleben, die Übernahme des Betriebes und damit gegen alles entschieden, was ihr Weltbild ausmacht. Nun brauchen sie ihn, denn Oma Ella leidet an Demenz. Opa Söhnke ist zu schwach, um sein Leben wie gewohnt selbst im die Hand nehmen zu können. Ingwer ist plötzlich wieder mittendrin in den Dorfstrukturen, den Erinnerungen, den ungeklärten

Mittagsstunde von Dörte Hansen

Problemen von damals. Wodurch er ungewollt sein aktuelles Leben infrage stellt. Als knapp 50jähriger in einer WG… ist dies das Ziel seines Daseins?

Nach dem Hype um Hansen war ich natürlich gespannt auf ihre Bücher und ging mit hohen Erwartungen ans Lesen. Diese wurden dann direkt auf den Kopf gestellt, denn es war anders, als ich gedacht hatte. Statt einer netten, frauenromanartigen Plätscherstory plätschert da gar nichts. Stattdessen kann Dörte Hansen schreiben. Sehr gut schreiben. Literarisch schreiben, was auch immer das heißen mag. 

In Mittagsstunde braucht man Zeit, um sich auf das langsame Tempo einzulassen. So wie das beschriebene Dorfleben selbst wurde ich zunächst entschleunigt. Statt einen verdichteten Plot bekam ich seitenlange Aufzählungen von Charakteren, Stimmungen, kleinen Episoden; die eigentliche Rahmenhandlung hält sich dezent zurück. Gegen Ende der Geschichte passiert ein wenig mehr. Ein Feuerwerk an Handlung sollten die Leserin/ der Leser jedoch nicht erwarten, dann ist es das falsche Buch. Denn im Kern geht es um Gefühle. Die Aktionen daraus ergeben sich von allein und bedürfen nicht vieler Worte. 

Ich selbst stamme aus einem norddeutschen Dorf, dass sehr an Brinkebüll erinnert. Meines liegt nur etwas südöstlicher und in einem anderen Landkreis. Es dürften kaum 100 Kilometer zwischen den Ortschaften liegen. Wenn es Brinkebüll denn real geben würde. Es ist fiktiv, dennoch so plastisch beschrieben, dass ich jede Seite mit einem eifrigen Kopfnicken las. Die Frau weiß, wovon sie schreibt. Als Dorfkind kam mir alles sehr bekannt und stimmig vor. Nichts ist kitschig aufgewertet, es gibt keine unnötige Romantisierung, keine Übertreibungen. Das Gefühl stimmt.  

Durch Ingwers Kenntnis der Welt außerhalb von Dörfern (und einiger Ausflüge dorthin) gibt es Auflockerung, bevor es zu viel Landleben wird und zu wenig moderne Realität. Was ich als sehr geschickt gelöst empfinde. Denn so sehr es auch um die einfallende Moderne geht, die das alte Dorfbild verändert: Das etwas antiquierte Gefühl zwischen den Reetdachhäusern vergeht nie so ganz. 

Bei all der Langsamkeit steckt mehr in den Seiten, als ich zuerst vermutete. Familiengeschichte. Umgang mit Schuld. Umgang mit allem, was „anders“ ist. Erwartungen und enttäuschte Erwartungen. Gewalt. Entfremdung. Untergang einer alten Zeit. Hansen lässt alles mit einer trockenen, leichten Art einfließen, dass es eine Freude ist. Ein für mich ganz besonderer Stil. 

Mittagsstunde ist schlichtweg geeignet für jeden Leser. Punkt. Ich bin froh, dass ich dieses Buch lesen durfte. Hoffentlich schreibt die Autorin weiter und behält sich ihre dröge Art, die perfekt für norddeutsche Stimmung ist.


Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-328-60003-9

€ 22,00 [D]

Verlag: Penguin