Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes

Dieses Buch habe ich vor vielen Jahren, als der Hype gerade sehr aktuell war, gekauft und etwas darin gelesen. Und dann nach ca. 150 Seiten pausiert. Seitdem stand es in meinem Regal und wartete auf einen erneuten Versuch. Seine Rufe wurden lauter und lauter, sodass ich zu Beginn dieses Jahres endlich bereit war und diesen startete.

Die Haupthandlung findet beginnend 1945 in Barcelona statt. Dort lebt der zehnjährige Daniel Sempere mit seinem alleinerziehenden Vater über dem familieneigenen Antiquariat. Eines Tages nimmt Vater Sempere den Jungen mit zum „Friedhof der vergessenen Bücher“ – einem geheimen Ort der Antiquariatsgilde, an dem die letzten Exemplare längst verschollen geglaubter Bücher aufbewahrt und gesammelt werden. Daniel gelangt dort in den Besitz des titelgebenden Romanes, ist begeistert von diesem und beschließt, Nachforschungen über den Autor anzustrengen. Dadurch gelangt er in den Fokus einer unbekannten Person, die sämtliche Romane des Schriftstellers sucht und zerstört. Dabei schreckt die Person auch vor Gewalt nicht zurück. Es beginnt eine Jagd auf das Buch, Daniel und die Geschichte des geheimnisvollen Autors.

Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, weshalb ich damals nicht weiter bzw. nicht bis zum Ende las. Das Buch hatte ich nicht als besonders schlecht in Erinnerung. Bei meinen neuen Anlauf jetzt habe daher besonders darauf geachtet, einen eventuellen Anlass zu finden. Und wahrscheinlich war ich damit erfolgreich. Denn nun kann ich mir meine Beweggründe von damals gut vorstellen.

Zum einen ist der Schreibstil sehr blumig, fast schwülstig geraten. Natürlich passt dies zum Handlungsort, den Personen und der Geschichte an sich perfekt. Wohler fühle ich mich in klaren, kurzen und prägnanten Sätzen, diese geben meiner Vorstellungskraft mehr Platz zum Arbeiten. Denn so schön die Sprache hier auch ist – kleinteilig wird jedes Detail serviert und ausführlichst beschrieben. Für mich zu ausführlich. Selbständiges Denken ist nicht wirklich notwendig.

Zum anderen verfliegt für meinen Geschmack die anfangs angenehm morbide Stimmung der Geschichte etwas. Zu sehr konzentriert sich Zafón auf unwichtige Details; jeder Nebencharakter wird akribisch ausgearbeitet und erhält seine eigene Hintergrundbeschreibung. Bei der Fülle an vorkommenden Charakteren entsteht so ein Wust aus Namen, auf den ich mich stark konzentrieren musste, um nicht völlig den Faden zu verlieren. Die schön beschriebenen Stimmungen der Stadt gingen für mich so zunehmend unter, sodass die Atmosphäre nicht durchgängig gehalten wurde.

Einige der Charaktere sind sehr überzeichnet, zum Beispiel Fermin oder Fumero. Hier hat der Autor stark in die Klischeekiste gegriffen und sich großzügig bedient. Auch das passt – irgendwie – zum Gesamtkonstrukt des Buches. Alles ist ein bisschen zu viel. Mich störte es trotzdem zeitweise. Denn auch die Handlung selbst steigert sich immer weiter in eine Art hinein, die an übertriebene südliche Telenovelas erinnert. Drama, Elend und Tränen an jeder Ecke; ständig flüchtet jemand, weint einer verlorenen Liebe hinterher oder lehnt geheimnisvoll rauchend in Hauseingängen… von überdetailliert sezierten Liebesbeziehungen mal ganz abgesehen. Sehr schade. Denn wenn man all dies abzieht, bleibt eine relativ dünn konstruierte Rahmenhandlung übrig. Die lediglich künstlich aufgeblasen wurde.

Auch wenn es so klingen mag – nicht alles war schlecht für mich. Der bibliophile Bezug ist überall spürbar und sehr schön gestaltet. Einen gewissen Sog hat die Story auf jeden Fall. Immer wollte ich wissen, wie alles zusammenhängt. Und wenn das hysterische Geschrei verstummt und die stillen Momente ihren Platz erhalten, dann kann Zafón schreiben und Stimmungen kreieren. Hätte er dies doch nur öfter getan.

So bleibt für mich leider nur ein mittelmäßiges Buch, dessen Fortsetzungen ich wahrscheinlich nicht lesen möchte.


  • Taschenbuch: 565 Seiten
  • Verlag: Fischer; Auflage: 3. (7. März 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 9783596196159
  • ISBN-13: 978-3596196159
  • ASIN: 3596196159
  • Originaltitel: La sombra del viento