Joël Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert (Piper)

2019 startete für mich mit dem Vorhaben, zumindest einige meiner seit langem ungelesenen Bücher anzugehen. Der Dicker gehört zu ihnen. Ich hatte ihn vor Jahren schon einmal begonnen und damals wieder zur Seite gelegt. Hätte ich doch nur auf mein Gefühl gehört und es dabei belassen.

Marcus Goldmann ist Schriftsteller mit einem One-Hit-Wonder, seitdem befindet er sich in einer Schaffenskrise samt Schreibblockade. Alle erwarten ein neues Meisterwerk von ihm. Dieses ist jedoch noch nicht mal im Ansatz am Entstehen. Marcus flüchtet zu seinem alten Uni-Dozenten und Freund Harry Quebert, der selbst für einen Bestseller gefeiert wurde und ihm nun Tipps geben soll. Dummerweise wird , genau zu diesem Zeitpunkt, im Garten von Harry die Leiche eines seit 30 Jahren verschwundenen Mädchens (damals 15 Jahre alt) gefunden. Und ungünstigerweise kommt schnell heraus, dass Harry und das Mädchen einander romantisch zugetan waren. Der alte Schriftsteller wandert ins Gefängnis, und der junge Schriftsteller will fortan dessen Unschuld beweisen. Das war es auch schon an Plot. Viel mehr kommt da nicht.

Also vorweg – ich mochte es nicht. Komplett gelesen habe ich es aus Ehrgeiz und Hoffnung, das Buch irgendwann doch irgendwie zu mögen. Dies traf nicht ein, leider. Stattdessen habe ich so viele Punkte gefunden, über die ich mich aufregen kann, dass ich stark bremsen muss. Ansonsten würde dies ein Verriss werden. Nun gut, vielleicht wird es das auch.

Zunächst: Witze über Krankheiten gehen für mich gar nicht. Dicker nutzt Krebs dennoch dafür, zwei „witzige“ Momente zu schaffen. Da war es dann eigentlich schon vorbei für mich. Diese Szenen hätte er auch mit anderen Stilmitteln lustig gestalten können aber nein – es musste die Krankheit herhalten. Für alle Betroffenen eine respektlose Beleidigung. Auch der Umstand, dass es unverhohlen um einen über 30jährigen geht, der auf eine 15-jährige steht, war für mich nicht nachvollziehbar. Den Charakter der Nola etwas älter zu gestalten, hätte die Geschichte jedoch wohl zu langweilig gemacht, ein Aufreger musste her. Daher wahrscheinlich der Griff zu einer Lolita-Kopie.

Für mich stand schnell der Eindruck fest, dass der Autor auf Krampf ins Gespräch kommen wollte. Wie Bausteine aus einem Fertig-Set wirft er alle möglichen Elemente in seine Geschichte, um die 700 Seiten zu füllen und das Leserinteresse auf Kurs zu halten.

Der Schreibstil ist sehr flach und einfach; Dicker arbeitet mit ständigen Wiederholungen, Cliffhangern, Übertreibungen. Fitzek lässt grüßen (nur ohne die teils seltsamen politischen Ansichten). Die Mutter von Marcus Goldmann ist so dermaßen überzeichnet albern dargestellt, dass die alle 50 Seiten stattfindenden Telefonate mit ihr für mich komplett nervig waren. Vielleicht liegt dies an der Übersetzung, oder mir fehlte das entsprechende Humor-Gen dafür. Doch es war halt nervig für meinen Geschmack. So auch die Dialoge und teilweise Briefwechsel zwischen Harry und Nola. Die beiden siezen sich und kommunizieren so affektiert, als wäre sie Gestalten aus einem historischen Roman. Mir ist nicht klar, weshalb der Autor dies so entscheiden hat. Es wirkt lächerlich deplatziert. Die Figuren fühlen sich nicht echt an, sondern wie im Vorwege komplett geplant und anschließend einfach runtergeschrieben.

Das Frauenbild in diesem Roman ist befremdlich. Die weiblichen Charaktere sind entweder irre oder nymphoman oder tot… andere Ausrichtungen gibt es nicht. Weshalb muss dies so sein, Mr. Dicker…da gibt es doch noch etwas mehr hinterm Horizont. Sowas wie Komplexität. Fehlanzeige in diesem Werk. Stattdessen QVC-artige Abziehfiguren, die nur Staffage sind.

Immerhin ist die Geschichte halbwegs logisch, wenn auch zu lang und künstlich aufrechterhalten. Dennoch gab es auch in diesem Punkt einige unlogische Dinge für mich. Weshalb führt sich Goldmann (der Schriftsteller ist) auf, als wäre er hauptberuflicher Ermittler – und niemand hat etwas dagegen oder bremst ihn? Selbst von der eigentliche örtlichen Polizei wird er mit Informationen gefüttert, die ihm als zivile Person nichts angehen…warum? Ohne diesen Kniff wäre das Buch schnell beendet, schon klar…es ist jedoch sehr stark ausgeprägt und unglaubwürdig.

Die Beliebtheit des Buches ist ein Rätsel für mich. Wahrscheinlich ist es so stramm für den Massenmarkt konzipiert, dass es auf diesem gut funktioniert – was natürlich nicht verwerflich ist. Sofern Menschen Spaß damit haben und dadurch mehr lesen, ist ein großes Ziel der Buchbranche erreicht. Die dafür genutzten Mittel empfinde ich hier allerdings als fragwürdig. Weiteres von ihm werde ich höchstwahrscheinlich nicht lesen.



€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 02.05.2016
Übersetzt von: Carina von Enzenberg
736 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30754-3