Susan Hill – Stummes Echo (Gatsby)

Dieses Buch habe ich als für mich kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten, vielen Dank dafür.

Susan Hill war mir bisher kein Begriff, obwohl ich die Verfilmung ihres Romans „Die Frau in Schwarz“ kenne und sehr mochte. Nun ist mir klar, dass die Autorin sehr erfolgreich und beliebt ist und sogar einen eigenen Verlag besitzt. Unter anderem schrieb sie eine Fortsetzung zu Mauriers „Rebecca“. Da das Original auch auf meiner „möchte ich noch Lesen“-Liste steht, werde ich die Fortsetzung von Hill auf jeden Fall im Auge behalten. Denn „Stummes Echo“ fand ich sehr besonders und sehr gut.

Man könnte auch behaupten, es handelt sich eher um eine Kurzgeschichte statt um einen Roman. Das relativ schmale Büchlein ist jedoch in so einer Intensität geschrieben und geht so nah an/in die Charaktere, dass es locker mit umfangreicheren Werken mithalten kann.

Erzählt wird die Geschichte der Familie Prime: Die Eltern Bertha und John, die Kinder May, Colin, Berenice und Frank. Diese leben und arbeiten auf einer Farm im nördlichen England, genannt „The Beacon“ (so auch der Titel der Originalversion). Mit den Jahren gehen die Kinder fort, gründen eigene Familien, erlernen eigene Berufe; nur eines kehrt irgendwann zurück und bleibt bei den Eltern. Nach dem Tod des Vaters kümmert sich May um die schwächer werdende Mutter und den Hof. Bis eines ihrer Geschwister ein Buch veröffentlicht, das die Kindheit auf der Farm beschreibt. Dies überrascht die anderen Prime-Sprösslinge sehr. Denn weder war dies abgesprochen, noch decken sich die Erinnerungen, nun in Romanform gepresst, mit ihren eigenen. Fortan wird die Familie von allen Außenstehenden ausgegrenzt, denn das Buch beschreibt sie als grausame, herzlose Menschen. Der Verfasser des Buchs dagegen wird berühmt dadurch. Erst auf einer unausweichlichen „Familienfeier“ sehen sich die Geschwister wieder und werden dadurch miteinander konfrontiert.

Wie schon angedeutet, steckt in den relativ wenigen Seiten sehr viel Geschichte. Dies meine ich nicht auf den eigentlichen Plot bezogen. Vielmehr charakterisiert Hill ihre Figuren mit so wenigen Worten so treffend intensiv, dass es sich wie ein umfangreich großer Roman anfühlte beim Lesen. Ihr Stil ist einfach und ruhig, dabei extrem scharf beobachtend. Es geht mehr um das Innere der Figuren statt um äußere Einflüsse.

Und genau diese Subjektivität macht den Reiz aus für mich. Wer von den Geschwistern spricht/denkt die Wahrheit? Was ist in ihrer Kindheit wirklich geschehen auf dem Hof? Wie im kollektiven Gedächtnis ein romantisches Landleben mit tollenden Kindern in wogenden Weiden? Oder hat der ausgegrenzte Bruder in seinem Buch die Wirklichkeit beschrieben, die viel düsterer ist? Es ist eine Geschichte über Erinnerungen und den Umgang mit Ihnen, die die Autorin erzählt. Was ist wahr, was wird vielleicht im Kopf wahr, was hat mehr Gewicht…sehr schleichend wird der Leser mit diesen Fragen konfrontiert, die zumindest bei mir noch lange nachgreifen.

Mehr zu verraten, ist mir nicht möglich. Denn wie es nun wirklich war, auf dem Beacon, erfährt man erst sehr spät und dafür umso wuchtiger. Diesen Effekt möchte ich hier nicht zerstören. Aus vielen britischen Rezensionen habe ich herausgelesen, dass das Ende dort enttäuschte, zu offen wäre, nichts erklären würde. Dies habe ich dagegen überhaupt nicht so empfunden. Meine Fragen wurden zufriedenstellend geklärt. Psychologisch interessant verbleibt höchstens ein einziges „warum“ – warum fassen verschiedene Menschen feststehende Tatsachen unterschiedlich auf, machen diese zu einer eigenen Wahrheit und bauen ganze Leben darauf auf? In Zeiten von falschen Nachrichten und Scharen von davon dennoch Überzeugten eine brandaktuelle Frage.

Großartig umgesetzt, teilweise hätten mir einige (wenige) Seiten mehr noch besser gefallen. Um vielleicht etwas tiefer in die Köpfe schauen zu können. Dies tut dem Buch jedoch keinen Abbruch und schmälert den Effekt nicht entscheidend. Eine Geschichte für ruhige Stunden und Zeit, sie ausreichend wirken zu lassen. Bei mir wird sie dadurch, auch jetzt noch, immer größer. 



  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: Gatsby, erschienen bei Kampa Verlag; Auflage: 1 (11. Februar 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3311210077
  • ISBN-13: 978-3311210078