Robert Galbraith – Weißer Tod (Blanvalet)

Dieses Buch habe ich als für mich kostenfreies Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten, vielen Dank dafür. In meinem Text kann es zu leichten Spoilern kommen, da ich ansonsten nicht vernünftig ausführlich über das Buch schreiben könnte. Wer überhaupt gar nichts vor der Lektüre wissen möchte, liest hier am besten nicht weiter. Ich probiere jedoch, verräterische Äußerungen auf ein Minimum zu reduzieren. 

Nach einiger Wartezeit geht es endlich weiter mit der Reihe, die J.K. Rowling unter Pseudonym schreibt. Zwischen dem (fiesen) Cliffhanger des letzten Bandes und seiner Auflösung sind für mich über zwei Jahre vergangen. Überlebt habe ich die Spannung offensichtlich, auch wenn es schwer fiel.

Robin und Strike haben zu Beginn der neuen Geschichte ihre Leichtigkeit verloren, denn es ist viel passiert, was nun zwischen ihnen steht. So dauert es seine Zeit, bis die beiden wieder gemeinsam ermitteln – bis dahin vergehen vielen Seiten. Und der Fall sieht zunächst nicht sonderlich spektakulär aus. Es sind sogar zwei Baustellen, die zu betreuen sind: ein offensichtlich verwirrter junger Mann berichtet von einem Mord, den er beobachtet haben will + ein Minister wird erpresst, was Strike mit der Beschaffung von Gegenmaterial unterbinden soll. Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass es vielleicht Verbindungen zwischen diesen beiden Vorgängen gibt. Robin schleust sich undercover in den Politikbetrieb ein. Dabei hat sie noch immer mit Ereignissen aus dem Fall davor zu kämpfen, die sie psychisch belasten. Zugunsten des langsam wieder eintretenden Friedens mit Cormoran behält sie dies jedoch für sich…

Im Nachwort beschreibt Rowling, dass dieses ihr bisher komplexestes Buch ist. Nach der Lektüre von knapp 900 Seiten (für die ich über zwei Wochen benötigte) kann ich dies bestätigen. Es gibt einen dermaßen großen Personenkreis, der in den Fall/die Fälle involviert ist, dass es mir zeitweise zu unübersichtlich wurde. Darunter litt für mich manchmal die Übersichtlichkeit. Nicht immer konnte ich folgen. Dennoch ist es ihr gelungen, diesen massiven Fall einigermaßen fluffig zu beschreiben. Wo in den ersten Teilen kapitel-lange Zeugenverhöre aneinander gereiht waren, fügen sich diese endlich besser ein. Die Autorin scheint im Genre angekommen zu sein und kann sich nun richtig austoben.

Was auffällt: Noch stärker als bisher geht es um das Privatleben der beiden Hauptfiguren. Vieles muss aufgearbeitet werden, was äußerst detailliert erfolgt. Meinem Empfinden nach macht dieser Teil gut 50 Prozent des Buches aus, Ich fand es toll, da so die Krimihandlung aufgelockert wird und die Figuren plastischer werden. Reine Fans von Kriminalromanen könnten davon genervt werden; einige Elemente wiederholen sich durchaus und das ständige Hin und Her zwischen Cormoran und Robin dauert. Eine dezente Note Seifenoper ist dem Konstrukt nicht abzusprechen. Trotzdem wirkt es, glücklicherweise, nie kitschig. Das würde nicht zu den Figuren passen.

Generell sind eben diese Figuren noch mehr in der Realität angekommen als zuvor. Gerade die ersten beiden Serienteile kamen mir dezent überzeichnet vor, wie in einer parallelen Version von London. Davon gibt es in diesem Band keine Spur mehr. Robin ist aufgrund der Ereignisse ernster und vorsichtiger, weniger aufgedreht. Strike wirkt noch abgeklärter. Eine kleine Parallele zu Harry Potter, das kann ich mir nicht verkneifen, meine ich entdeckt zu haben: Der verdeckte Einsatz im Ministerium wird hier statt durch Hermine eben von Robin durchgeführt, und ohne Vielsafttrank.

Es dauert auffallend lang, bis überhaupt einigermaßen klar wird, worum es in dem Fall eigentlich geht. Dies passiert erst im letzten Drittel. Was mich zu meinem einzigen, aber gewichtigen Kritikpunkt führt. Das Buch ist zu lang. Sehr viel zu lang. Durch den ultra detaillierten Schreibstil erreicht Rowling mühelos die hohe Seitenanzahl, was der Geschichte meine Meinung nach jedoch nicht gut tut. Sie ist toll geschrieben, dabei nur oft zu behäbig. Wenige Highlights lockern diesen gleichbleibenden Strom auf. Meist plätschert er vor sich hin im Wechsel Fall / Privat /Fall Privat… ich hätte wohl auch mit 250 Seiten weniger Text locker meinen Spaß gehabt. In der vorliegenden Version fühlte sich das Lesen manchmal wie „Arbeit“ an. Natürlich angenehme Arbeit. Wenn man bedenkt, dass bis zum nächsten Fall wieder einige Jahre vergehen dürften, ist die hier lange Zeit mit den Charakteren natürlich wiederum super.

Ich bin nun etwas zerrissen – es ist ein gutes Buch geworden, das durchgängig Spaß macht und die Handlung logisch weiterführt. Die Reihe werde ich definitiv weiter begleiten. Durch die sehr aufgeblähte und detaillierte Handlung schlichen sich für mich manchmal leichte Längen ein, die vermeidbar gewesen wären. Weniger Seiten mit weniger Personen hätten mir noch besser gefallen. Ich bin gespannt, ob der fünfte Band noch umfangreicher wird.



Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz
Originaltitel: Lethal White (Cormoran Strike 4)
Originalverlag: Sphere, London 2018
Hardcover mit Schutzumschlag, 864 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-7645-0698-8