Jo Nesbø- Macbeth

Ich habe dieses Buch als kostenloses Leseexemplar vom Verlag erhalten, vielen Dank dafür. Die im Folgenden niedergeschriebene Meinung ist die Meine.

Vor Shakespeare habe ich Respekt. Zu groß ist der Name, als dass ich jemals etwas von ihm gelesen hätte oder wirklich werde. Wenn seine Stoffe jedoch in eine moderne und besser verständliche Form gebracht werden, rücken sie dadurch in Greifnähe für mich. Im Rahmen des sogenannten Hogharth Shakespeare Projektes nehmen sich aktuelle Autoren nach und nach die Werke des großen Vorbildes an und übertragen diese in ihre Versionen der Geschichten. Hier also Nesbø mit Macbeth. Das Buch kommt mir sehr gelegen, da ich seit einiger Zeit eine andere moderne Version der Vorlage als Hörbuch konsumiere und so Vergleich ziehen kann, obwohl ich das hunderte von Jahren alte Original nicht kenne. 

Wie immer versuche ich Spoiler zu verhindern, daher nur kurz zur Rahmenhandlung: In einer namenlosen Stadt (in einem namenlosen Land, es scheint jedoch Schottland zu sein) hat jahrelang ein korrupter Polizeichef gewütet und die Stadt ins Elend getrieben. Die Folge sind ein florierender Drogenmarkt, hohe Arbeitslosigkeit, Elend und Verarmung. Nachdem der alte Chef von der Bühne verschwunden ist, gibt es eine positivere Nachbesetzung. Doch diese möchte zu sehr aufräumen und scheucht so Kräfte auf, die ihn schnell loswerden wollen. Perfekt dafür: willige Marionetten, die die Drecksarbeit machen. Auch in Form vom SWAT-Team Polizisten Macbeth. Nach dem Einsatz einiger Hebel macht dieser sich daran, selbst die Karriereleiter zu erklimmen und dabei schleichend seine Moral und vorherigen Freunde zu verraten. Was nicht unbedingt besser für die Stadt ist…

Anfangs hatte ich leichte Schwierigkeiten, in das Setting des Buches hineinzufinden. Recht schnell wird man mit vielen Namen und Machtverhältnissen konfrontiert. Zum Glück prägten sich diese fix ein, sodass ich mich besser konzentrieren konnte. Die Stadt an sich ist dabei omnipräsent und erinnerte mich an eine Version von Batmans Gotham City, gemischt mit videospielartig überzeichneten Charakteren, die sich durch Straßenschlachten ballern. Erst etwas nach dem schrillen Einstieg gibt Nesbø den Figuren Zeit, ihr Potential auszuspielen. und Tiefen zu zeigen. Die es dann jedoch in sich haben. Es gibt gleich zwei bis drei Hauptcharaktere, denen man weit in ihre Psyche und Motivationen folgt. Einige Sinneswandlungen gingen mir zwar zu schnell. Insgesamt waren sie jedoch nachvollziehbar und eben nicht zu ausgewälzt, wahrscheinlich um das Buch nicht noch massiver werden zu lassen. 

Langsame Passagen und solche mit Action wechseln sich stetig ab. Typisch für den Autor sind einige überraschende Wendungen mit dabei. Ob diese auch aus dem Original stammen, vermag ich leider nicht zu sagen. Er hat sie zumindest gut platziert. Trotz des sehr überfrachteten Einstiegs gelingt die Waage zwischen schnell und langsam, Action und Charakterbetrachtungen, später sehr gut. Durch diese Mischung liest sich das Buch flüssig und schnell, ständige Motivationen sorgen gut dafür. 

Was mir leider etwas zu schnell ging, war der Wandel von Macbeth. Seine Veränderung vom vorbildlichen Polizisten zum rücksichtslosen Machtmenschen erfolgt sehr fix, oft nur aus der Perspektive von anderen Figuren beschrieben und teilweise oberflächlich. Für mich wäre da noch mehr drin gewesen. Auch die Geschichte um seine Frau/Freundin endet sehr abrupt, obwohl sie im Vorwege sehr viel Zeit zugedacht bekommt. Dagegen liegt der Fokus zeitweise zu sehr auf anderen Polizisten…für mich ein leichtes Ungleichgewicht. 

Das tut der guten Geschichte keine Abbrüche. Nesbø tut das, was er toll kann; er entwirft ein düsteres Szenario, das ziemlich kompromisslos für seine Charaktere endet. Ja – Harry Hole blitzt teilweise etwas durch. Der übermächtige Protagonist des Autors aus seiner Hauptreihe lässt sich nicht ganz verstecken. Dazu ähneln sich die Figuren zu sehr. Was überhaupt nicht schlecht ist für mich.

Macbeth ist empfehlenswert für jeden Krimifan, Nesbøfan und auch Shakespearefan. Jeder von ihnen wird gut abgeholt und unterhalten. Kein Buch für 35 Grad Sommerlaune, sondern für die kalten und nassen Momente. Für die dunklen Zeiten mit gepflegter Hoffnungslosigkeit. 


Aus dem Englischen von André Mumot 
Originaltitel: Macbeth
Originalverlag: Hogarth
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 624 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-328-60017-6
€ 24,00 [D] | € 24,70 [A] | CHF 33,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Penguin
Erschienen:  27.08.2018

Christina Dalcher – Vox

Ich habe das E-Book als kostenfreies Leseexemplar vom Verlag, über Netgalley, erhalten. Dafür bedanke ich mich sehr. Dieser Umstand beeinflusst die Äußerung meiner persönlichen Meinung zum Buch jedoch nicht. 

In den U.S.A. einer gefühlt nicht all zu weit entfernten Zukunft haben die politischen rechten Kräfte die völlige Oberhand erlangt und das Land umgestaltet. Die bisher propagierte Freiheit ist dahin, stattdessen wurde das System um Jahrhunderte zurückgedreht in eine Art Kirchenstaat mit entsprechenden Ansichten und Vorgaben. Männer haben das Sagen, Frauen werden unterdrückt und als Heimchen am Herd ohne Stimmrechte ausgenutzt. Und ohne Stimme. Denn jeder weibliche Mensch im Land darf täglich maximal 100 Wörter sagen. Wird die Grenze überschritten, foltert der elektronische Wortzähler (am Handgelenk jeder Frau) per Stromschlag. Die Protagonistin Dr. Jean McClellan ist ironischerweise ehemalige Sprachwissenschaftlerin und hat gar keine Lust, als zuvor erfolgreiche Karrierefrau nun die Familie zu betreuen. Ihr Mann Patrick arbeitet für die Regierung, ihre Kinder stecken mitten im staatlichen Bildungswesen mit all seinen Methoden zur kirchlichen Erziehung fest. Jean muss sich mit den Umständen arrangieren und bekommt plötzlich die Chance, auf ihre Art langsam zu rebellieren.

Das Buch ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Die Thematik ist sehr aktuell und daher wichtig und richtig. Überzeichnet wirkende Hinweise auf sich ausbreitenden religiösen Fanatismus, antiquierte Rollenbilder und Machtmissbrauch untermauern nur eine mögliche Version der Zukunft, die sich bereits merklich abzeichnet. Das jetzige Erscheinen der Geschichte ist daher gut gewählt. Viele werden die Thematik unheimlich finden. Sich gruseln, das „was wäre wenn“ im Kopf durchspielen und vielleicht sogar aufgerüttelt und animiert werden, sich mehr zu engagieren. Auch das ist alles toll und notwendig und verliert nie an Aktualität. 

Jedoch…machen diese Notwendigkeiten für mich aus „Vox“ nicht automatisch ein gutes Buch. Wer wie ich ein großer Fan von Atwoods „Report der Magd“ ist, wird wahrscheinlich starke Ähnlichkeiten entdecken.  Der komplette politische Hintergrund wurde quasi übernommen und nur etwas aufgefrischt. Wortbegrenzungen gab es in „Der Report der Magd“ zwar nicht, dies ist jedoch die nahezu einzige Abgrenzung zum Worldbuilding. Das Schweigen der Frauen dort geschieht bereits automatisch ohne technische Hilfsmittel. Natürlich kann ich nicht von einer Kopie sprechen, denn niemand hat ein Thema gepachtet und niemand hat ein alleiniges Anrecht darauf, eine mögliche Zukunft darzustellen. Vielmehr ist es sogar gut, wiederholt auf Gefahren hinzuweisen. Bücher haben kein Verfallsdatum. Beide Romane können zeitgleich nebeneinander im Regal stehen. 

Da ich nun beide gelesen habe, kommt mein Kopf an einem Vergleich nicht ganz vorbei. Bei diesem hinkt Vox etwas hinterher. Das liegt zum einen an der genutzten Sprache/Ausdrucksweise. Für meinen Geschmack schreibt Dalcher zu effekthaschend und unruhig. Der Aufbau ist immer gleich: Um einen Umstand aus der Gegenwart zu erzählen, erinnert sich Jean an eine ähnliche Begebenheit aus ihrer Vergangenheit, streut diese erstmal ein, unterbricht dadurch den eigentlichen Erzählfluss und kommt erst anschließend wieder zum eigentlichen Thema. Das funktioniert als Stilelement, wenn es sparsam genutzt wird. Die Autorin baut darauf jedoch einen Großteil ihres Stils auf. Dadurch war ich zu oft rausgerissen. 

Zum anderen kam ich mit dem Tempo nicht zurecht. Eingangs wird sehr schnell beschrieben, wie die neue Welt funktioniert. Nach 40-50 Seiten ist fast alles erklärt. Danach gibt es immer wieder sehr langsame und fast langweilige Passagen. 

Der Fairness halber möchte ich auch erwähnen, dass einige Aspekte besser umgesetzt wurden als im offensichtlichen Vorbild. Dalcher zeigt mehr Gesellschaftsschichten und die Auswirkungen auf die Menschen, die umgeformt werden durch die Regierung. Besonders beunruhigend ist das Schulsystem. Jean bekommt durch ihre schulpflichtigen Kinder deutlich mit, wie religiöse Ansichten und ihre Rollenaufteilungen immer weniger subtil in den täglichen Unterricht einfließen und das Denken der Kinder steuert. Schon bald hat sie ein junges und sehr energisch für das Regime sprechendes Familienmitglied am Küchentisch sitzen…diese Szenen gingen mir sehr nah. Wie toll sie gelungen sind beweist auch, dass ich diesen bestimmten Charakter fast real fühlbar nicht mochte. 

Gegen Ende hin nehmen recht klassisch amerikanische Elemente das Ruder, wie gemacht für eine filmische und laut tösende Verfilmung. Die leisen Töne sind in der Unterzahl. Wirklich interessante Aspekte laufen wie automatisch nebenbei ab und werden nur am Rande erwähnt, was sie unglaubwürdig für mich machten. Leider. Hier wäre noch Potential gewesen für mehr bzw. für eine in sich rundere Geschichte. 

Fazit: Wer eine Dystopie für Einsteiger sucht, keine Probleme mit hollywoodartigen Elementen hat und gute Unterhaltung mit einem Schuss Sozialkritik möchte, sollte zugreifen. Report der Magd light, in der Popcornversion. Was ich nicht abwertend oder negativ meine. Für mich persönlich waren die Ähnlichkeiten jedoch zu groß, die Ergänzungen zu wenige und insgesamt daher kein Mehrgewinn erkennbar. 


E-Book 
Originalsprache: Englisch 
Übersetzt von: Marion Balkenhol, Susanne Aeckerle
Preis € (D) 16,99 
ISBN: 978-3-10-490953-0
FISCHER E-Books
Preisänderungen & Lieferfähigkeit vorbehalten.

gelesen vom 22.07. – 29.07.2018

John Boyne – Cyril Avery

Endlich! habe ich meinen ersten Roman von John Boyne gelesen. Schon so lange hatte ich ihn und seine Bücher auf dem Radar, doch bisher kam es nie dazu. Das Erscheinen seines neuen Buches in Deutschland nahm ich nun zum Anlass, um endlich in seine Werke einzusteigen. Ich war gespannt und fast aufgeregt und wurde etwas…überrascht. 

In dem sehr umfangreichen Roman geht es um den titelgebenden Jungen Cyril, der im Irland der 40er Jahre durch seine Mutter zur Adoption freigegeben wird. Der Leser begleitet fortan seinen Lebens- und oft auch Leidensweg mit allen Verirrungen, Verwirrungen und verschlungenen Pfaden. Denn Cyril ist schwul und heimlich in seinen besten Freund verliebt. Im katholischen Irland, welches quasi durch konservative Priester regiert wird und wenig übrig hat für Abweichungen von der Norm, kann dies schnell lebensgefährliche Auswirkungen haben. So verheimlicht der Junge seine Gefühle und eiert unglücklich durch sein Leben. Als Leser begleitet man verschiedene Abschnitte seines Daseins, immer wieder vorangetrieben durch Zeitsprünge. So ist man dabei, wie Personen kommen und gehen, er langsam reift und zu dem Cyril wird, der er eigentlich ist.

Boyne widmet das Buch einem anderen Schriftsteller: John Irving. Darüber war ich zunächst etwas verwundert – was hat er mit ihm zu tun/ kennen die sich?/ mögen die sich? Das kann ich nach erfolgter Lektüre noch immer nicht beantworten, jedoch habe ich nun eine Ahnung. Denn das Buch Cyril Avery erinnert durchaus, was Aufbau und Stil betrifft, an Romane von Irving. Denn es ist skurril und gleichzeitig tragisch, lustig und doch traurig, es ist manchmal brutal und dann wieder zurückhaltend.

Entgegen Irving gibt es – für mein Empfinden – leider ein Manko. Denn hier gelingt es dem Autor nicht, diese verschiedenen starken Emotionen zu vermischen. Das Geschehen kam in meinem Kopf sauber in Schubladen sortiert an. Es war entweder nur lustig oder nur traurig. Oder eben völlig absurd. Eine Überlappung (wie andere Autoren es schaffen)  fand für mich nicht statt. So blieb viel von der Handlung seltsam distanziert und künstlich. Cyril selbst, so viel Schlimmes er auch erlebt, hat mich seltenst wirklich berührt. Was ich sehr schade finde. Teilweise gab es solche Momente, nur eben viel zu selten.

Vielleicht liegt mein Unmut auch am Schreibstil. Keine Ahnung warum, aber ich hatte etwas Poetischeres erwartet, als letztendlich zwischen den Buchdeckeln zu finden war. John Boyne formuliert recht derb und arbeitet eher über Dialoge statt über lange Beschreibungen von Ort, Wetter oder Stimmung. Die Gespräche sind durchaus lustig/absurd (Gilmore Girls-like manchmal), gegen Ende des Buches nur teilweise zu lang und belanglos. Da ich andere Bücher von ihm noch nicht kenne, fehlt mir ein Vergleich. Vielleicht ist der Stil einfach dem rauen Land angepasst. Mein „literarisches Empfinden“ hat hier nicht genug empfunden, um total überzeugt zu sein. Das klingt vielleicht arrogant und seltsam, so ist es nicht gemeint. Meine Erwartung war nur eine andere. 

Die Lebensgeschichte des Protagonisten ist zum Glück abwechslungsreich und interessant konstruiert. Jede beschriebene Phase konzentriert sich (meistens) auf den Kern von Cyrils Problemen, viel drum herum gibt es nicht. Erst gegen Ende des Buches schwenkt die Handlung etwas aus, da mehr Personen involviert sind. Davor ist alles sehr konzentriert, was ich mochte. Es ist immer schwierig, die eigentliche Handlung eines Buches zu bewerten. Denn es ist nun mal komplett subjektiv, ob sie einen mitreißt oder kalt lässt.

Ich verstehe die begeisterten Stimmen anderer Rezensenten durchaus. Denn dieses Buch bietet viel an. Seine über 700 Seiten sind prall gefüllt mit Ereignissen, Wendungen und Überraschungen. Eine Liebesgeschichte ist dabei. Vielleicht sogar mehrere. Hintergründe zu den Verhältnissen in einem Land. Krankheiten, andere Unglücke. Ein Leben wie aus einer Soap. Für mich persönlich vielleicht wieder etwas zu viel. Boyne versucht, so derartig viele Themen anzureißen und einfließen zu lassen, dass er mit vielen sehr an der Oberfläche bleibt. Natürlich wird ein ganzes Leben beschrieben, in dem es viele verschiedene Ereignisse aus vielen Bereichen gibt. Doch auf darauf bezogen, ließ mich das Buch meist kalt. Denn erneut schwingt eine gewisse Künstlichkeit mit. Die vor allem darin begründet liegt, dass es sehr viele Zufälle in Cyrils Leben gibt. In hoher Häufigkeit trifft er immer wieder – an den unmöglichsten Orten und Jahre später – Personen aus seinem früheren Leben wieder. So häufig, dass es absurd ist. Dadurch konnte ich vieles nicht mehr ernst nehmen. 

Für wen ist dieses Buch geeignet? Schwierig zu beantworten. Wahrscheinlich für jeden (jede), der ohne Erwartungen in der Lage ist, eine Geschichte auf sich wirken zu lassen. Der noch wenige schwule Lebensgeschichten mit den üblichen Themen wie Unterdrückung, Angst und Selbstfindung konsumiert hat. Der nicht davor zurückschreckt, viele unwahrscheinliche und derbe Ereignisse mitzuerleben. Und der über 700 Seiten durchhält, die keinem graden Plot folgen.

Ich bleibe etwas enttäuscht zurück. Natürlich ist das Buch nicht komplett schlecht, ich habe es beenden können und wurde gut unterhalten. Meine Hoffnung auf ein Jahreshighlight wurde jedoch durch zu viele Punkte enttäuscht, die für mich nicht rund sind. John Boyne war so ganz anders, als ich dachte. In Zukunft werde ich es mit einem anderen Buch von ihm lesen und
erleben, ob dieses besser zu mir passt. 


gelesen vom 23.06. – 15.07.18

€ 26,00 [D], € 26,80 [A]
Erschienen am 02.05.2018
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
736 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-05853-7

Stephen und Owen King – Sleeping Beauties

Mein Plan für Stephen King Bücher: Immer auf dem aktuellsten Stand sein, was die Neuerscheinungen betrifft. Demnach zog dieses natürlich bei mir ein und brannte immer stärker auf dem SuB. Jetzt kam es endlich dran. Ich hatte es lange nicht begonnen, da die 960 Seiten schon einiges an Lesezeit benötigen. Im Mai war es nun endlich so weit.

Der Ort Dooling, in den Apalachen gelegen, ist eine typisch amerikanische Kleinstadt mit allem was dazugehört. Nicht ganz so typisch ist wahrscheinlich die Frauenhaftanstalt, die einen zentralen Handlungsschauplatz bietet. Denn in diese wird eine unbekannte Frau überstellt. Von der Polizei auf den Namen „Evie“ getauft, ist sonst weiter nichts über sie bekannt. Der Grund für Ihren zukünftigen Aufenthaltsort liegt darin, dass sie ein Meth-Labor in die Luft gejagt und dadurch zwei Drogenbrauer auf dem Gewissen hat. Parallel zur ihrer Ankunft in Dooling bricht weltweit eine Krankheit aus. Nahezu alle Frauen schlafen nach und nach ein, die Männer bleiben allein zurück. Der weibliche Teil der Erdbevölkerung entschläft nicht nur, sondern verpuppt sich larvengleich und reagiert äußerst aggressiv, falls man(n) zur Befreiung schreitet. Was natürlich passiert.

Nach und nach wird klar, was passiert. Evie ist mächtig und stellt die Menschen vor die Wahl: Wollen sie eine neue Welt schaffen, in der es friedlicher als in der aktuellen zugeht, oder wollen sie ihre alte Welt wieder zurück? Doch damit die Entscheidung greifen kann, muss noch eine Voraussetzung erfüllt werden – Evie muss überleben. Denn eine Horde aggressionsbereiter Männer macht sich auf den Weg Richtung Gefängnis, um die scheinbar immune Frau zu finden und sie als vermeintliche Ursache/Abhilfe der Schlafkrankheit zu bestrafen.

Was die beiden Kings hier massetechnisch abliefern, lässt sich bequem als Türstopper oder Baumaterial verwenden. Die 960 Seiten sieht und fühlt man dem wunderschön gestalteten Buch direkt an.  Das Gewicht ist beeindruckend, sodass ich teilweise Schwierigkeiten hatte, es beim Lesen sinnvoll zu halten. Irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt und entsprechend arrangiert. Meine Arme tun auch jetzt, Tage nach dem Beenden, noch ein wenig weh 😉

Das Buch habe ich als sehr ungewöhnlich empfunden. Denn es startet, anders als die mir bekannten King-Werke, sehr direkt und schnell. In kurzen Kapitel springt die Handlung zwischen den vielen vielen Charakteren umher (das Namensverzeichnis befindet sich direkt zu Beginn, was für mich auch notwendig war).  Es gibt keine langwierige Einleitung, sondern es knallt sofort. Die Inszenierung orientiert sich eher an modernen TV-Serien als an klassischen Buchplots. Das funktionierte einige hundert Seiten ganz wunderbar für mich. Doch dann…ging den Autoren die Puste aus. 

Nach ca. 40% lahmt die Handlung und steckt teilweise sogar fest. Der Wust an Figuren weiß nichts mehr mit sich anzufangen, entwickelt sich nicht weiter und langweilte mich daher. Durch die zuvor schnelle Erzählweise hatte ich bisher keinen richtigen Bezug zu irgendeiner Figur aufbauen können. Das ergab sich für den gesamten Rest dann auch nicht mehr. Ohne zu viel zu verraten – weite Strecken drehen sich um Kampfhandlungen, die minutiös beschrieben werden. Für mich persönlich ist so etwas immer unnötig und langweilig; es läuft mir kein Film vor dem inneren Auge ab oder Ähnliches. Stattdessen blättere ich dann gern mal ein paar Seiten vor oder lese zumindest unaufmerksamer. So auch hier. Das Tempo und die Dichte des Anfangs hat die Geschichte für mich im weiteren Verlauf nicht mehr erreichen können.

Die Handlung selbst wirkt wie eine überzeichnete Version der Wirklichkeit. Wenn man sie wie eine ironische Abhandlung liest, kommt man wahrscheinlich besser mit den Übertreibungen zurecht. Nahezu alle Frauen sind Opfer und geschunden; nahezu alle Männer sind böse, haben zumindest gewalttätige Tendenzen und sind nicht sonderlich intelligent. Dieses Setting funktioniert nur unter dieser Betrachtungsweise. Alles andere wäre zu naiv gedacht. Und davon gehe ich bei den Autoren freundlicherweise einfach mal nicht aus. Zum Glück gab es keinen wirklichen religiösen Einschlag, den ich anfangs noch befürchtet hatte. Vielmehr starke Fantasyeinschübe (wobei, ist Religion nicht auch Fantasy…). Nicht alles wird abschließend aufgeklärt, sodass Platz für eigene Interpretationen bleibt. 

Der Leser und die Leserin bekommen in diesem Buch eine Mischung aller Elemente, die King gern verarbeitet: Kleinstadtleben, Gefängnis, Sucht, Seuchen, Gewalt, Ekel, Familiendrama, Drogen, Alkohol, naive Menschen, Waffen etc. Ich vermisste allerdings die gewohnte Tiefe. Durch die große Bandbreite war es teilweise oberflächlich und belanglos für mich, nichts konnte mich wirklich mitnehmen. Sehr schade. Denn die Grundidee hatte Potential. Das Ende fand ich zunächst sehr einfach und langweilig. Mittlerweile passt es zum Gesamtbild und unterstreicht meine Meinung einer Art Parodie auf die Wirklichkeit. 

Letztendlich ein mittelmäßiges Buch – kein totaler Flop, jedoch auch keine Pflichtlektüre. Wer alles lesen möchte von ihm, kommt sicher nicht daran vorbei. Ich wundere mich nicht, wenn uns zu diesem Titel irgendwann eine Serie präsentiert wird. Denn die Vorlage wäre perfekt dafür und schon auffallend so aufgebaut. 


Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt 
Originaltitel: Sleeping Beauties
Originalverlag: Scribner
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 960 Seiten, 15,0 x 22,7 cm
ISBN: 978-3-453-27144-9
€ 28,00 [D] | € 28,80 [A] | CHF 38,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen:  13.11.2017


gelesen vom 01.05. – 27.05.

André Aciman – Call Me By Your Name

Die eigentliche Geschichte des Buches ist schnell erzählt: Der 16-jährige Elio verbringt die Ferien zusammen mit seinen Eltern an italienischen Riviera, im dortigen Sommerhaus der Familie. Jedes Jahr befindet sich gemeinsam mit der Familie auch ein Student einige Wochen dort. Denn Elios Vater ist Professor und unterstützt die jungen Akademiker. Im Handlungsjahr des Buches ist es der 25-jährige Amerikaner Oliver, der an Übersetzungen arbeitet. Elio verguckt sich sofort in den Studenten. Es beginnt eine Art Spiel aus Annäherungen und Zurückweisungen, das letztlich das Leben beider Beteiligten ändern wird.

Wer plotlastige Erzählungen mit viel Geschehen mag, ist mit dieser vielleicht nicht gut beraten. Denn es geht sehr ruhig zu. Inmitten der italienischen Sommerstimmung ist es vor allem das Innenleben von Elio, welches genau seziert und beschrieben wird. Und dies passiert mit einer Intensität, die ich ganz wunderbar fand. Man ist so nah am Protagonisten wie selten. Elio denkt sich durch die langsame Handlung, der Leser bekommt jede noch so kleine Regung mit und zumindest ich rutschte so sehr massiv in die Sommerstimmung des Buches. Interessant dabei: Teilweise war mir nicht klar, ob man Elio in allem trauen kann, was er wiedergibt. Er ist schließlich ein verliebter, teilweise trotziger Teenager. Eine Version aus Sicht von Oliver wäre sehr spannend. 

Auf die Handlung bezogen kann und möchte ich nicht mehr verraten, es würde zu viel vorwegnehmen. Zum Lesegefühl dagegen lässt sich sehr viel sagen, zumindest zu meinem. Denn ich empfand es als sehr besonders aufgrund der Nähe zu Elio. Aciman schreibt das alles so kleinteilig und realistisch schön, dass ich mich kaum wehren konnte und schnell mittendrin war. Die von anderen Rezensenten beschriebene Sogwirkung war auch für mich definitiv vorhanden. 

Die leichten Längen werden durch die schöne Sprache ausgeglichen. Zudem mochte ich die leichte Unbestimmtheit über allem. Denn wann genau und wo genau sich alles abspielt, bleibt relativ offen (oder ich habe es überlesen). Alles dreht sich ausschließlich um Elio und Oliver, die Umgebung wird bewusst blass gehalten.

Wie es sich gehört, wird es gegen Ende immer trauriger. Die Stimmung verliert schleichend das Unbeschwerte. Es passt perfekt in meinen Augen und rundet die Geschichte gut ab. Kein aufgesetztes Happy End – oder kann man es doch so sehen? Das entscheidet jeder Leser für sich selbst. Für mich war es eines. 


  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (9. Februar 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423086564
  • ISBN-13: 978-3423086561
  • Originaltitel: Call Me by Your Name

gelesen vom 10.05. – 16.05.

Becky Albertalli – Simon vs. the Homo Sapiens Agenda / Nur drei Worte

Bisher habe ich wenige „schwule“ Bücher gelesen, da mir oft schon die Klappentexte zu klischeehaft und billig vorkommen, sodass mir allein dadurch die Lust daran vergeht. Da dieses jüngst verfilmt wurde und mir der Trailer gefällt, wollte ich es einfach mal riskieren. Das Buch hatte ich als englisches Paperback begonnen und den Großteil dann im deutschen eBook gelesen.

Der titelgebende Simon ist 17, schwul, ungeoutet und sehr beschäftigt. Denn über eine Internetplattform wurde er auf einen anderen schwulen Jungen aufmerksam, mit dem er seit einiger Zeit regen E-Mail Austausch pflegt. So weit so gewöhnlich, aber: Die beiden Jungs kennen sich nur über diesen Weg. Obwohl sie auf die selbe Schule gehen, wissen nicht, wer sie in der Realität sind. Im Buch wird größtenteils Simons alltägliches Leben beschrieben und die Verwicklungen, die sich aus seinem größten Problem ergeben. Das darin besteht, dass er erpresst wird von einem Mitschüler, der über seine Homosexualität weiß. Und dann verliebt sich Simon langsam ernsthaft in seinen unbekannten E-Mailer…

Für diese Geschichte bin ich, leider, irgendwie zu alt. Ich kann nachvollziehen, weshalb das Buch sehr beliebt ist und durch die sozialen Medien gereicht wird und letztendlich auch ein Film daraus wurde. Nur hat die Mischung aus Rätselraten und Highschoolalltag bei mir nicht funktioniert. Simons Gedankengänge waren mir meist zu naiv und langweilig; im Kern geht es ständig nur darum:

-Simon leugnet, ein Problem mit Sachverhalt x oder Person y zu haben
-Simon hat natürlich doch ein Problem und verdrängt es sehr offensichtlich und in endlosen Gedankenmonologen
-Dazwischen tauscht er Mails mit seinem seelenverwandten Crush aus und wird immer abhängiger von diesem

Für eine gewisse Altersgruppe ist das sicherlich spannend und mitreißend. Nur habe ich persönlich schon weitaus besser ausgearbeitete innere Konflikte gelesen/gesehen, als dass ich diesen nun als herausragend empfinden würde. Leider langweilig. Zumal die üblichen Schulprobleme überwiegen. Fronten werden gebildet und zerschlagen, Gerüchte kursieren, es wird gemobbt.

Was mir jedoch gut gefiel, das muss ich dem Buch lassen, war der grundsätzlich normale Umgang mit dem Schwulsein. Simon ist sich selbst gegenüber geoutet. Er belügt sich nicht selber. Er weiß im Kern, was er will. Er hat keine Angst davor, dass seine Familie irgendwann Bescheid wissen wird. Er hat nur keine Lust, den Anfang zu machen mit den ständigen Erklärungen und Rechtfertigungen, für diese ist er noch nicht bereit. Dafür benötigter noch jemanden an seiner Seite.

Früh im Buch hatte ich eine Ahnung, wer dieser E-Mail schreibende Jemand sein könnte. Mit dieser lag ich falsch. Die relativ überraschende Wendung rettete meine Aufmerksamkeit wieder. Und zum Glück endet die Geschichte nicht einfach mit der großen Enthüllung, sondern begleitet die Figuren noch etwas weiter. 

Wenn der Film etwas mehr Tempo in die Geschichte bringt, die Figuren etwas weniger bemüht darstellt und den Ablauf etwas umstellt, kann er etwas werden. Die Vorlage selbst war leider keine herausragende für mich, sondern nur okay. 

gelesen vom 07.05. – 10.05.

Jochen Missfeldt – Sturm und Stille

Ich hatte weder vom Autor, noch von diesem Buch zuvor gehört und habe es auf dem Tisch für Neuerscheinungen entdeckt. Zwei Gründe zwangen mich, es direkt mitzunehmen: Das schöne Cover und die Thematik.

Erzählt wird aus ihrer Sicht die Lebens- und Liebesgeschichte von Doris Jensen, der zweiten Ehefrau Theodor Storms. Die Familien der beiden sind befreundet (teilweise auch verwandtschaftlich verbunden), sodass sie sich seit Kindheitstagen kennen und immer wieder Kontakt haben. Altersunterschied, das Wesen von Storm und seine erste Ehefrau Constanze Esmarch verhindern jedoch, dass sie ihre gegenseitige Zuneigung ausleben können. Erst nach und nach kommen sie sich näher, bis ihre Umgebung davon etwas mitbekommt. Doris wird zu Verwandten geschickt, um Storms außereheliche Anwandlungen und eine mögliche Familienschande zu unterbinden. Es wird dauern, bis die beiden sich wiedersehen und Chancen bekommen, offiziell zusammen zu sein.

Seit meiner Schulzeit empfinde ich eine gewisse Faszination für alles, was mit der Nordseeküste und der Region zu tun hat; besonders historisch gesehen. Den Schimmelreiter habe ich geliebt (ein wiederholtes Lesen steht bald an), alte Bauernhäuser dort könnte ich stundenlang erkunden und generell würde ich sofort, zumindest für einige Zeit, in eine frühere Zeit zurückreisen, um dort alles live erleben zu können. Ich bin in Mittelholstein aufgewachsen und war daher nie wirklich weit entfernt von der Küste. Durch meine Großeltern, die noch sehr reduziert und altmodisch gelebt haben, hatte ich einige Berührungspunkte mit dem alten Landleben… und so weiter. So besteht ein gesteigertes Interesse an allem, was ich dazu erfahren kann. Dieses Buch passte daher perfekt.

Gewöhnungsbedürftig fand ich zunächst den eigentlichen Aufbau der Geschichte. Ein fiktionaler Charakter aus anderen Werken von Missfeldt erdenkt sich die fiktionale Autobiografie von Doris Jensen – so schreibt der Autor in Form einer Romanfigur, die sich alles selbst nur ausdenkt. Im Nachwort erfährt man, dass vieles nicht wirklich überliefert ist aus dem Leben von Doris Jensen und daher verstärkt mit fiktiven Dingen gearbeitet werden musste. Vielleicht wählte der Autor daher diese etwas verschachtelte Herangehensweise.

Wenn man sich daran gewöhnt hat, erzählt Doris also über ihre Leben und die Berührungspunkte mit Storm. Auch wenn es häufig um kleine Ereignisse geht wie Jugendfreundschaften, ihr Verhältnis zur Großmutter, ihre Ausbildung – immer wieder rückt der Autor in den Fokus. Aus fremden Augen erfährt man so auch seinen Werdegang und vor allem viel über sein Wesen. Etwas plump und zu gewollt versucht Missfeldt teilweise zu erklären, wie bestimmte Werke von Storm entstanden und auf welchen Ereignissen in seinem Leben diese beruhen. Was genau davon Fantasie und was belegt ist, wird nicht näher erläutert.

Alles ist sehr stimmungsvoll geschrieben, die Sprache überwiegend der damaligen Zeit angepasst, die Atmosphäre realistisch. Dennoch bin ich nicht immer motiviert genug gewesen, das Buch konsequent weiterzulesen. Es hat Längen durch Passagen, die willkürlich und unwichtig wirken. Zudem fand ich Doris nach und nach unsympathischer, da sie teils ziellos und unterschwellig gelangweilt durch ihr Leben eiert. Die ganz große Faszination stellte sich daher nicht ein. Trotzdem erfuhr ich viel über das gesellschaftliche Leben im damaligen Husum, die Kriegsjahre (deutsch-dänischer Krieg) und Theodor Storms kauziges Wesen.

Das Buch ist für jeden geeignet, der historisch interessiert ist und damit umgehen kann, dass vieles Unbekannte mit Fiktion aufgefüllt wurde. Wahre Historiker werden wohl nicht glücklich mit dem Werk werden. Sobald ich demnächst wieder den Schimmelreiter zur Hand nehme, bin ich dafür jedoch in der richtigen Stimmung und gut vorbereitet.


  • Verlag:  Rowohlt
  • Erscheinungstermin:  18.08.2017
  • Lieferbar
  • 352 Seiten
  • ISBN:  978-3-498-04529-6
  • Originalausgabe