Robert Menasse – Die Hauptstadt

Ein Mord ist geschehen in Brüssel, ein Schwein läuft frei herum. Und damit ist nicht der Täter gemeint, sondern ein wirkliches Schwein. Während es über die Straßen und Plätze der Stadt rennt, wird es von vielen Passanten gesehen. Unter anderem, nach und nach, auch von allen Protagonisten des Buches. So wirkt die Flucht des Tieres wie ein Startschuss der Geschichte: Hier beginnt er, der Gewinnerroman des Buchpreises 2017. „Robert Menasse – Die Hauptstadt“ weiterlesen

Ali Smith – Beides sein

Auf die Autorin wurde ich durch die – meiner Meinung nach – wunderschönen Cover ihrer beiden Bücher „Autumn“ und „Winter“ aufmerksam. Falls diese jemals hier veröffentlicht werden sollten, wollte ich vorbereitet sein und bereits etwas von ihr gelesen haben. „Beides sein“ erhielt ich als von mir angefragtes, kostenloses Leseexemplar über den Verlag – vielen Dank dafür. „Ali Smith – Beides sein“ weiterlesen

Anne Jacobs – Die Tuchvilla

Ab und an möchte ich etwas lesen, was einfach nur erzählt und nicht zu viel vom Leser erwartet; pure Unterhaltung statt zu komplexer Gedankengänge. Die Mischung macht es. Es war wieder an der Zeit, daher habe ich dieses Buch als Rezensionsexemplar angefragt und freundlicherweise erhalten. Vielen Dank dafür. Denn in den Regalen, Videobesprechungen und anderen Medien lief es mir seit einiger Zeit konstant über den Weg. Die vermehrte Beschreibung „Es ist wie Downton Abbey“ köderte mich, da ich die Serie sehr mag. „Anne Jacobs – Die Tuchvilla“ weiterlesen

Imogen Hermes Gowar – Die letzte Reise der Meerjungfrau oder wir Jonah Hancock über Nacht zum reichen Mann wurde

Auf dieses Buch war ich sehr gespannt, denn über englische Instagram Accounts hatte ich bereits einiges darüber gehört und gesehen. Zum Glück keine großartigen Spoiler. Meine Erwartung ging in Richtung „Die Schlange von Essex“, was zu meinen großen Highlights aus 2017 gehört. Ich habe es als Rezensionsexemplar aktiv angefordert und kostenlos erhalten, wofür ich dem Verlag sehr danke.

In meinen Gedanken zum Buch werde ich versuchen, nicht allzu viel zu verraten – dennoch gebe ich vorab eine Warnung vor leichten Spoilern, da ich die Handlung nicht völlig ausklammern kann. Wer also gar nichts wissen möchte, sollte an dieser Stelle das Lesen stoppen.

Im Kern geht es um zwei Personen im London des Jahres 1785: Der Kaufmann Jonah Hancock und die Kurtisane Angelica Neal. Beide streben nach mehr. Er nach mehr Geld, sie nach mehr Unabhängigkeit von ihrer Gönnerin, der Bordellbesitzerin Mrs. Chappell (und ebenfalls nach mehr Geld). Jonah wartet seit langer Zeit auf die Rückkehr eines Schiffes, das Handelswaren für ihn transportieren sollte. Der Kapitän zumindest kehrt zurück – ohne Schiff, dafür mit einem anderen Mitbringsel. Dieses hat er Hancock als Ersatz mitgebracht und schlägt vor, daraus Kapital zu schlagen in Form einer öffentlichen Ausstellung. Dieser willigt ein und hat Erfolg mit der Kuriositätenschau, was schließlich Mrs. Chappel auf ihn und den lockenden Ruhm aufmerksam werden lässt. Durch die kommenden Verwicklungen lernen sich schließlich auch Jonah und die Kurtisane kennen, was für beide große Auswirkungen haben wird…

Durch die Aufmachung und den Titel hatte ich zunächst an eine Art Fantasyroman gedacht, vielleicht im Jugendbereich angesiedelt. Diese Erwartung hielt nicht stand (zum Glück, siehe oben, Essexschlange und so). Stattdessen ist der erste Roman der Autorin ein waschechtes Gesellschaftsporträt über das Leben im England des georgianischen Zeitalters. Durch Einblicke in die verschiedenen Schichten und im Verlauf immer detailliertere Beschreibungen der Stadtatmosphäre war zumindest ich oftmals tief „drin“ in der Szenerie und empfand diese als realistisch.

Die Autorin lässt sich viel Zeit, um ihre Figuren zu entwickeln. Auf diesen liegt der größte Fokus. In vielen Dialogen arbeitet sie das Wesen, die Motive und Hintergründe der Charaktere sehr gründlich aus. Vielleicht wirkt diese Vorgehensweise auf einige Leser langweilig. Denn man sollte mit seitenlangen Gesprächen zurechtkommen, in denen es oft um sich immer wiederholende Themen geht (Ansehen in der Gesellschaft, wer wird durch wen langfristig versorgt, wie wird das Finanzielle auch in Zukunft gesichert usw. usw.). Dabei wird die Denkweise der Menschen im 18. Jahrhundert sehr interessant wiedergegeben – sie unterscheidet sich teilweise gar nicht so sehr von heutigen Ansichten, sondern wird nur ausführlicher begründet. Natürlich gibt es auch Punkte, die heute undenkbar sind.

Wie im Titel beschrieben, ist die Geschichte tatsächlich eine Reise. Jedoch nicht nur die der Meerjungfrau, sondern die von allen Personen im Buch. Jeden von Ihnen ändert sich im Verlauf. Im Nachhinein habe ich bemerkt, dass die Ausgangslage von vielen zu Beginn die gleiche ist; die Entwicklung ist letztendlich eine andere, jede Figur erreicht ein anderes Endziel. Das klingt, ohne die Handlung zu kennen, etwas nebulös. Nach der Lektüre wird es Sinn ergeben. Als Beispiel: So gelingt einer der Amüsierdamen durchaus ein gesellschaftlicher Aufstieg, das Bemühen einer anderen Dame in diese Richtung scheitert dagegen kläglich.

Der Fantasybezug ist ebenfalls ein Thema für sich. Denn schon während und selbst nach dem Lesen konnte ich nicht komplett feststellen, ob es überhaupt „Fantasy“ in dem Buch gibt. Die Erzählung ist in dem Punkt nicht ganz zuverlässig – möglich ist es, dass es um real gewordene Fabelwesen geht. Liest man rationaler, lässt sich (fast) alles auch wissenschaftlich erklären; nur einzelne Merkmale sind als reine Fantastik erkennbar. Und vielleicht lassen sich sogar diese Ereignisse heutzutage durch Physik oder Psychologie belegen. Je nach Herangehensweise hat der Leser die Möglichkeit, das Buch seinen Wünschen entsprechend zu verstehen. Er bekommt das Handwerkszeug dafür mit auf den Weg gegeben.

Gowars Erstling ist eine klare Empfehlung für jede Person, die sich gern Zeit nimmt für das Lesen von ausführlichen und ruhigen Geschichten. Wer dazu noch ein Faible für Historisches hat, keine ständigen Wendungen erwartet und auch mit nicht sofort erklärbaren Phänomenen zurechtkommt, findet hier ein Fest vor.

BASTEI LÜBBE
HARDCOVER
SONSTIGE BELLETRISTIK
555 SEITEN
ÜBERSETZT VON ANGELA KOONEN 
ALTERSEMPFEHLUNG: AB 16 JAHREN
ISBN: 978-3-431-04082-1
ERSTERSCHEINUNG: 29.03.2018

gelesen vom 01.04. – 07.04.