André Aciman – Call Me By Your Name

Die eigentliche Geschichte des Buches ist schnell erzählt: Der 16-jährige Elio verbringt die Ferien zusammen mit seinen Eltern an italienischen Riviera, im dortigen Sommerhaus der Familie. Jedes Jahr befindet sich gemeinsam mit der Familie auch ein Student einige Wochen dort. Denn Elios Vater ist Professor und unterstützt die jungen Akademiker. Im Handlungsjahr des Buches ist es der 25-jährige Amerikaner Oliver, der an Übersetzungen arbeitet. Elio verguckt sich sofort in den Studenten. Es beginnt eine Art Spiel aus Annäherungen und Zurückweisungen, das letztlich das Leben beider Beteiligten ändern wird.

Wer plotlastige Erzählungen mit viel Geschehen mag, ist mit dieser vielleicht nicht gut beraten. Denn es geht sehr ruhig zu. Inmitten der italienischen Sommerstimmung ist es vor allem das Innenleben von Elio, welches genau seziert und beschrieben wird. Und dies passiert mit einer Intensität, die ich ganz wunderbar fand. Man ist so nah am Protagonisten wie selten. Elio denkt sich durch die langsame Handlung, der Leser bekommt jede noch so kleine Regung mit und zumindest ich rutschte so sehr massiv in die Sommerstimmung des Buches. Interessant dabei: Teilweise war mir nicht klar, ob man Elio in allem trauen kann, was er wiedergibt. Er ist schließlich ein verliebter, teilweise trotziger Teenager. Eine Version aus Sicht von Oliver wäre sehr spannend. 

Auf die Handlung bezogen kann und möchte ich nicht mehr verraten, es würde zu viel vorwegnehmen. Zum Lesegefühl dagegen lässt sich sehr viel sagen, zumindest zu meinem. Denn ich empfand es als sehr besonders aufgrund der Nähe zu Elio. Aciman schreibt das alles so kleinteilig und realistisch schön, dass ich mich kaum wehren konnte und schnell mittendrin war. Die von anderen Rezensenten beschriebene Sogwirkung war auch für mich definitiv vorhanden. 

Die leichten Längen werden durch die schöne Sprache ausgeglichen. Zudem mochte ich die leichte Unbestimmtheit über allem. Denn wann genau und wo genau sich alles abspielt, bleibt relativ offen (oder ich habe es überlesen). Alles dreht sich ausschließlich um Elio und Oliver, die Umgebung wird bewusst blass gehalten.

Wie es sich gehört, wird es gegen Ende immer trauriger. Die Stimmung verliert schleichend das Unbeschwerte. Es passt perfekt in meinen Augen und rundet die Geschichte gut ab. Kein aufgesetztes Happy End – oder kann man es doch so sehen? Das entscheidet jeder Leser für sich selbst. Für mich war es eines. 


  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (9. Februar 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423086564
  • ISBN-13: 978-3423086561
  • Originaltitel: Call Me by Your Name

gelesen vom 10.05. – 16.05.

Becky Albertalli – Simon vs. the Homo Sapiens Agenda / Nur drei Worte

Bisher habe ich wenige „schwule“ Bücher gelesen, da mir oft schon die Klappentexte zu klischeehaft und billig vorkommen, sodass mir allein dadurch die Lust daran vergeht. Da dieses jüngst verfilmt wurde und mir der Trailer gefällt, wollte ich es einfach mal riskieren. Das Buch hatte ich als englisches Paperback begonnen und den Großteil dann im deutschen eBook gelesen.

Der titelgebende Simon ist 17, schwul, ungeoutet und sehr beschäftigt. Denn über eine Internetplattform wurde er auf einen anderen schwulen Jungen aufmerksam, mit dem er seit einiger Zeit regen E-Mail Austausch pflegt. So weit so gewöhnlich, aber: Die beiden Jungs kennen sich nur über diesen Weg. Obwohl sie auf die selbe Schule gehen, wissen nicht, wer sie in der Realität sind. Im Buch wird größtenteils Simons alltägliches Leben beschrieben und die Verwicklungen, die sich aus seinem größten Problem ergeben. Das darin besteht, dass er erpresst wird von einem Mitschüler, der über seine Homosexualität weiß. Und dann verliebt sich Simon langsam ernsthaft in seinen unbekannten E-Mailer…

Für diese Geschichte bin ich, leider, irgendwie zu alt. Ich kann nachvollziehen, weshalb das Buch sehr beliebt ist und durch die sozialen Medien gereicht wird und letztendlich auch ein Film daraus wurde. Nur hat die Mischung aus Rätselraten und Highschoolalltag bei mir nicht funktioniert. Simons Gedankengänge waren mir meist zu naiv und langweilig; im Kern geht es ständig nur darum:

-Simon leugnet, ein Problem mit Sachverhalt x oder Person y zu haben
-Simon hat natürlich doch ein Problem und verdrängt es sehr offensichtlich und in endlosen Gedankenmonologen
-Dazwischen tauscht er Mails mit seinem seelenverwandten Crush aus und wird immer abhängiger von diesem

Für eine gewisse Altersgruppe ist das sicherlich spannend und mitreißend. Nur habe ich persönlich schon weitaus besser ausgearbeitete innere Konflikte gelesen/gesehen, als dass ich diesen nun als herausragend empfinden würde. Leider langweilig. Zumal die üblichen Schulprobleme überwiegen. Fronten werden gebildet und zerschlagen, Gerüchte kursieren, es wird gemobbt.

Was mir jedoch gut gefiel, das muss ich dem Buch lassen, war der grundsätzlich normale Umgang mit dem Schwulsein. Simon ist sich selbst gegenüber geoutet. Er belügt sich nicht selber. Er weiß im Kern, was er will. Er hat keine Angst davor, dass seine Familie irgendwann Bescheid wissen wird. Er hat nur keine Lust, den Anfang zu machen mit den ständigen Erklärungen und Rechtfertigungen, für diese ist er noch nicht bereit. Dafür benötigter noch jemanden an seiner Seite.

Früh im Buch hatte ich eine Ahnung, wer dieser E-Mail schreibende Jemand sein könnte. Mit dieser lag ich falsch. Die relativ überraschende Wendung rettete meine Aufmerksamkeit wieder. Und zum Glück endet die Geschichte nicht einfach mit der großen Enthüllung, sondern begleitet die Figuren noch etwas weiter. 

Wenn der Film etwas mehr Tempo in die Geschichte bringt, die Figuren etwas weniger bemüht darstellt und den Ablauf etwas umstellt, kann er etwas werden. Die Vorlage selbst war leider keine herausragende für mich, sondern nur okay. 

gelesen vom 07.05. – 10.05.

Jochen Missfeldt – Sturm und Stille

Ich hatte weder vom Autor, noch von diesem Buch zuvor gehört und habe es auf dem Tisch für Neuerscheinungen entdeckt. Zwei Gründe zwangen mich, es direkt mitzunehmen: Das schöne Cover und die Thematik.

Erzählt wird aus ihrer Sicht die Lebens- und Liebesgeschichte von Doris Jensen, der zweiten Ehefrau Theodor Storms. Die Familien der beiden sind befreundet (teilweise auch verwandtschaftlich verbunden), sodass sie sich seit Kindheitstagen kennen und immer wieder Kontakt haben. Altersunterschied, das Wesen von Storm und seine erste Ehefrau Constanze Esmarch verhindern jedoch, dass sie ihre gegenseitige Zuneigung ausleben können. Erst nach und nach kommen sie sich näher, bis ihre Umgebung davon etwas mitbekommt. Doris wird zu Verwandten geschickt, um Storms außereheliche Anwandlungen und eine mögliche Familienschande zu unterbinden. Es wird dauern, bis die beiden sich wiedersehen und Chancen bekommen, offiziell zusammen zu sein.

Seit meiner Schulzeit empfinde ich eine gewisse Faszination für alles, was mit der Nordseeküste und der Region zu tun hat; besonders historisch gesehen. Den Schimmelreiter habe ich geliebt (ein wiederholtes Lesen steht bald an), alte Bauernhäuser dort könnte ich stundenlang erkunden und generell würde ich sofort, zumindest für einige Zeit, in eine frühere Zeit zurückreisen, um dort alles live erleben zu können. Ich bin in Mittelholstein aufgewachsen und war daher nie wirklich weit entfernt von der Küste. Durch meine Großeltern, die noch sehr reduziert und altmodisch gelebt haben, hatte ich einige Berührungspunkte mit dem alten Landleben… und so weiter. So besteht ein gesteigertes Interesse an allem, was ich dazu erfahren kann. Dieses Buch passte daher perfekt.

Gewöhnungsbedürftig fand ich zunächst den eigentlichen Aufbau der Geschichte. Ein fiktionaler Charakter aus anderen Werken von Missfeldt erdenkt sich die fiktionale Autobiografie von Doris Jensen – so schreibt der Autor in Form einer Romanfigur, die sich alles selbst nur ausdenkt. Im Nachwort erfährt man, dass vieles nicht wirklich überliefert ist aus dem Leben von Doris Jensen und daher verstärkt mit fiktiven Dingen gearbeitet werden musste. Vielleicht wählte der Autor daher diese etwas verschachtelte Herangehensweise.

Wenn man sich daran gewöhnt hat, erzählt Doris also über ihre Leben und die Berührungspunkte mit Storm. Auch wenn es häufig um kleine Ereignisse geht wie Jugendfreundschaften, ihr Verhältnis zur Großmutter, ihre Ausbildung – immer wieder rückt der Autor in den Fokus. Aus fremden Augen erfährt man so auch seinen Werdegang und vor allem viel über sein Wesen. Etwas plump und zu gewollt versucht Missfeldt teilweise zu erklären, wie bestimmte Werke von Storm entstanden und auf welchen Ereignissen in seinem Leben diese beruhen. Was genau davon Fantasie und was belegt ist, wird nicht näher erläutert.

Alles ist sehr stimmungsvoll geschrieben, die Sprache überwiegend der damaligen Zeit angepasst, die Atmosphäre realistisch. Dennoch bin ich nicht immer motiviert genug gewesen, das Buch konsequent weiterzulesen. Es hat Längen durch Passagen, die willkürlich und unwichtig wirken. Zudem fand ich Doris nach und nach unsympathischer, da sie teils ziellos und unterschwellig gelangweilt durch ihr Leben eiert. Die ganz große Faszination stellte sich daher nicht ein. Trotzdem erfuhr ich viel über das gesellschaftliche Leben im damaligen Husum, die Kriegsjahre (deutsch-dänischer Krieg) und Theodor Storms kauziges Wesen.

Das Buch ist für jeden geeignet, der historisch interessiert ist und damit umgehen kann, dass vieles Unbekannte mit Fiktion aufgefüllt wurde. Wahre Historiker werden wohl nicht glücklich mit dem Werk werden. Sobald ich demnächst wieder den Schimmelreiter zur Hand nehme, bin ich dafür jedoch in der richtigen Stimmung und gut vorbereitet.


  • Verlag:  Rowohlt
  • Erscheinungstermin:  18.08.2017
  • Lieferbar
  • 352 Seiten
  • ISBN:  978-3-498-04529-6
  • Originalausgabe