Suzanne Rindell – Martini für drei (btb)

Dieses Buch habe ich als Rezensionsausgabe direkt vom Verlag erhalten, kostenfrei. Vielen Dank dafür an btb / das Bloggerportal.

Der Roman wird lt. Werbetext auf dem Cover als „Das Mad Men der Verlagsbranche“ bezeichnet. Von der Serie kenne ich nur zwei Folgen und kann daher nicht stark vergleichen; eine gewissen Stimmung hatte ich dennoch vor Beginn der Lektüre im Sinn. Kapitelweise abwechselnd wird die Geschichte von drei Protagonisten erzählt: Cliff möchte Schriftsteller werden, befindet sich aber stets im Schatten seines erfolgreichen Lektorenvaters / Eden möchte selbst Lektorin werden, gerät jedoch in verlagsinterne Intrigen / Miles schreibt auch, jedoch mit weniger Ehrgeiz – und das wirkliche Leben drängt sich mit Macht in seine Pläne. Alle drei kennen sich anfangs locker, bis sie mehr und mehr (eher unfreiwillig) miteinander zu tun bekommen.

Wie immer fällt es schwer, die Handlung nicht zu sehr vorwegzunehmen und unfreiwillig zu spoilern. Daher kann ich von dieser nicht zu viel verraten. Was ich sagen kann ist jedoch defintiv – einen wirklich fröhlichen Roman hat die Autorin hier nicht vorgelegt. Anfangs täuscht die Stimmung noch. Sehr atmosphärisch beschreibt Rindell die amerikanische „Epoche“, wie ich sie mir auch vorstelle. Verrauchte Künstlercafés inmitten einer nachkriegsberauschten Riesenstadt, alles im Aufbruch, alles im Streben nach Fortschritt. Jede der Figuren wird eingeführt, ihre Motivation erklärt und erste Schritte in Richtung Handlung unternommen.

Zunächst wollte das nicht direkt zünden für mich, da der zunächst beschriebene Charakter Cliff mir unsympathisch war (+ist) und dadurch kein Interesse entstand. Mit Einführung von Eden änderte sich die zum Glück. Ihre Geschichte mitsamt Beschreibung ihres Werdeganges direkt in den Verlagsbüros der Stadt empfand ich als am Interessantesten.

Miles blieb, obwohl er von allen überwiegend thematisiert wird, blass für mich. Was sehr schade ist. Gerade seine Entwicklung sollte die spannendste sein,

denke ich. Denn er ist nicht von Ehrgeiz besessen wie die anderen beiden Figuren und lebt durch andere, eher private Motivationen getrieben vor sich hin. Dabei bringt er eine schwule Komponente in die Geschichte, die sehr viel Potential verschenkt. Denn Rindell erzählt sehr distanziert. In erster Linie durch einen kühlen, klaren Schreibstil (den ich sehr mag, der nur eben viel Emotion schluckt). Doch vieles bleibt einfach nicht erwähnt und passiert nur, ohne dass ich wirklich folgen konnte. Miles erfährt viel Leid, ich als Leser war dennoch nicht berührt davon. Was eine etwas seltsame Stimmung in das Buch bringt. Vielleicht war diese Art Absicht und soll die Haltung der amerikanischen Gesellschaft Ender der 50er zu homosexuellen Themen ausdrücken. Für mich funktionierte dies leider nicht, sodass mich die Geschichte zum Ende hin teilweise etwas verlor.

Erst die letzten Seiten versöhnten mich wieder etwas. Verraten warum dies so war – kann ich nicht. Siehe oben. Die Geschichte eignet sich als Unterhaltungsroman in der Verlagsbranche. Als gelungenes Stimmungsbild einer vergangenen Zeit. Als leicht seifenopern-artiges Spiel mit Motivationen und was diese aus Menschen werden lassen. Bezogen darauf ist sie ein unterhalsamer und gelungener Roman. Um besonders tiefgründig zu sein oder nachzuhallen, befand sich für meinen Begriffe ein wenig zu wenig zwischen den Seiten.


 


  • Taschenbuch: 640 Seiten
  • Verlag: btb Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (13. Mai 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442715687
  • ISBN-13: 978-3442715688

Ali Smith – Beides sein

Auf die Autorin wurde ich durch die – meiner Meinung nach – wunderschönen Cover ihrer beiden Bücher „Autumn“ und „Winter“ aufmerksam. Falls diese jemals hier veröffentlicht werden sollten, wollte ich vorbereitet sein und bereits etwas von ihr gelesen haben. „Beides sein“ erhielt ich als von mir angefragtes, kostenloses Leseexemplar über den Verlag – vielen Dank dafür. „Ali Smith – Beides sein“ weiterlesen

Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Was ich erwartet habe

Seit vielen Jahren lese ich die Bücher von Nesser. Bisher konnte mich nur eines enttäuschen (so sehr, dass ich abbrechen musste, „Der Himmel über London“) – alle anderen fand ich sehr gut bis großartig.

Relativ spät habe ich von dieser Neuerscheinung erfahren und das Buch direkt über das Bloggerportal angefordert. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich beschloss, es quasi blind zu lesen. Soll heißen, dass ich mich im Vorwege nicht weiter darüber informierte (und den Klappentext nicht las)

Worum es geht

An einer Schule inmitten einer schwedischen Kleinstadt gilt es, einige Geschehnisse aufzuarbeiten: den seltsamen Tod eines Lehrers vor den letzten Sommerferien, aufkeimende Vorfälle mit rechtsradikalem Hintergrund und bisher unbekannte Familiengeheimnisse.

Aus der wechselnden Perspektive von Schülern und Lehrern, die sich nach und nach als Hobbyermittler betätigen, werden die weiteren Vorkommnisse beschrieben und beleuchtet. Neben den verschiedenen Personen folgen wir der Handlung zusätzlich auf mehreren Zeitebenen.  Der Hauptteil spielt sich zum Beispiel in den neunziger Jahren ab.

Was ich bekommen habe

Nesser in Höchstform. Nicht immer sind seine Werke einfach zu lesen. Sie verfangen sich oft in langen Gedankenexkursen, denen ich teilweise nicht 100-prozentig folgen kann. Der wundervollen Sprache tut das keinen Abbruch.

In „Der Fall Kallmann“ hingegen konnte ich immer folgen. Die Handlung erhält die nötige Zeit, um sich langsam zu entfalten und schließlich ganz zu offenbaren. Knapp 600 Seiten sind für einen Roman, der recht gut in die Schublade des Schwedenkrimis passt, nicht ohne. Dieser hat definitiv die optimale Länge erhalten.

Das klassische Element der wechselnden Erzähler passt perfekt. Durch die Beleuchtung der Ereignisse aus den unterschiedlichen Blickwinkeln entwickelt sich die eigentliche Spannung – oft erfährt man durch Person B erst detailliert , was Person A nur am Rande erwähnt hatte. Jede dieser Personen ist gut ausgearbeitet und handelt in sich schlüssig.

Nach ca. zwei Dritteln des Buches kommen weitere Stimmen hinzu, die zuvor nicht eigenständig reden durften und neuen Schwung bewirken. Schwung

Der Fall Kallmann von Hakan Nesser

dadurch, dass sie mehr Hintergrundwissen vermitteln und so etwas helleres Licht ins Dunkel bringen. Die Notwendigkeit verstehe ich. Etwas brachten mich „die Neuen“ jedoch aus dem bisher gewohnten Konzept des Buches. Die bekannten Erzähler erschienen mir danach leicht gebremst und die Handlung trat minimal auf der Stelle.

Da ich nicht zu viel verraten möchte, kann ich nicht ausführlich auf einen weiteren „Bruch“ innerhalb der Handlung eingehen. Nur so viel: Den Protagonisten wird ihre Ermittlung später etwas aus der Hand genommen. Die Grundidee der Hobbydetektive zieht sich so nicht konsequent bis zum Ende durch. Was andererseits realistischer ist als völlig allein agierende Laienpolizisten.

Auch wenn, wie gesagt, das Genre „Schwedenkrimi“ ganz gut passt, gibt es keine klassische Auflösung. Einige Fragen werden zwar geklärt, viele dagegen nur vage aufgelöst oder ganz offen gelassen. Was ich absolut fantastisch finde. Wenn ein Buch es schafft, dass man auch nach der Lektüre noch länger darüber nachdenkt und weiterrätselt, hat der Autor alles richtig gemacht. Wie hier geschehen.

Eine große Empfehlung – vielleicht gerade für Leser, die bisher nichts von Nesser gelesen haben. In diesem Buch findet sich alles wieder, was seine Geschichten ausmacht.

 

Gut

Nicht so gut

  • melancholische Stimmung
  • hallt nach – keine komplette Auflösung
  • gut ausgearbeitete Protagonisten
  • Tempowechsel durch spätere zusätzliche Erzählperspektiven

-Aus dem Schwedischen von Paul Berf
-Originaltitel: Eugen Kallmanns ögon
-Originalverlag: Albert Bonniers Förlag
-Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
-576 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
-ISBN: 978-3-442-75728-2
-€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
-Verlag: btb
-Erschienen: 30.10.2017

Anthony Doerr – Winklers Traum vom Wasser

Was ich erwartet habe

Doerrs „Alles Licht, das wir nicht sehen“ war mein erstes Buch in 2017 und direkt ein großartiges. Es gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern (die Art von Lieblingen, die für immer bleiben werden). Meines Wissens nach hat der Doerr bisher noch nicht viel veröffentlicht, daher wollte ich mir seine weiteren Werke gut einteilen. Doch schon neun Monate nach dem für mich ersten Doerr musste nun der nächste sein. „Anthony Doerr – Winklers Traum vom Wasser“ weiterlesen

Deborah Feldman – Unorthodox

Was ich erwartet habe

Etwas völlig Falsches. Aufgrund der wenigen Infos, die ich im Vorwege aufgenommen hatte: Eine Art reißerische „Nicht ohne meine Tochter“ in der jüdischen Version. Da ich völlig ungebildet bin, was den jüdischen Glauben angeht, erhoffte ich mir tiefere Einblicke. Gepaart mit einer spannenden Handlung. Dass es sich um wahre Ereignisse handelt, war mir bekannt. Ich bin mit dieser vorgefertigten Meinung zunächst falsch an das Buch herangegangen. „Deborah Feldman – Unorthodox“ weiterlesen