Juli Zeh – Unterleuten

Von Juli Zeh las ich vor einigen Jahren bereits „Schilf“. Das Buch gefiel mir und ich wollte irgendwann Weiteres von ihr lesen. Während der Überpräsenz von Unterleuten war es nun soweit; der Titel wanderte auf meinen SuB, wurde schnell von diesem erlöst und gelesen.

Im Zentrum des Romanes steht der kleine brandenburgische Ort Unterleuten mitsamt seinen Bewohnern. Im Lauf der Zeit ist einiges zusammengekommen an zwischenmenschlichen Verwicklungen – DDR, Mauerfall, Wechsel der Politik und der wirtschaftlichen Begebenheiten haben ihre Spuren hinterlassen. Alte Konflikte sind ungelöst und warten nur darauf, final ausgefochten zu werden. Eine gute Gelegenheit dazu bietet sich, als mehrere Windkraftanlagen am Ort errichtet werden sollen. Das große Geld lockt für die Gemeinde und besonders für einzelne Personen, auf deren Eigentum der Bau stattfinden könnte. Doch zuvor muss man sich einigen: Nur durch das Zusammenlegen von einzelnen Grundstücken hat man genug Fläche zusammen, um den Bau zu ermöglichen. Es beginnt ein Rennen um Allianzen, bei dem die Lage nach und nach eskaliert.

Oft hörte/las ich zu diesem Buch, dass es sich dabei um einen Gesellschaftsroman handele. Generell bin ich nicht sehr bewandert in den unterschiedlichen Literaturformen und die Einordnung von Büchern in diese. Die Schublade passt nach meinem Verständnis jedoch sehr gut. Juli Zeh untersucht einen kompletten Ort in der Reihenfolge: beschreiben, durcheinander würfeln, eskalieren lassen. Über die ersten 100 bis 150 Seiten werden alle relevanten Protagonisten vorgestellt. Es gibt neu zugezogene und die alteingesessenen Einwohner. Vom Großstadtmenschen, der in der brandenburgischen Einöde eine neues ruhiges Leben erwartet über den ehemaligen LPG-ler, den Autoschlosseralki bis hin zum Bürgermeister – jeder erhält seinen Platz und schleichend mehr Tiefe.

Nach und nach werden die Verbindungen der Personen klarer. Durch die Vergangenheit sind alle alten Einwohner extrem miteinander verwoben, wodurch die Neuen es schwer haben, integriert zu werden.

Das Buch hat mir gefallen, mich oftmals viele Seiten am Stück lesen lassen – jedoch manchmal auch gelangweilt und Passagen schneller überlesen lassen.

Besonders den Part der Charaktereinführungen mochte ich sehr. Sehr ausführlich und doch kurzweilig bringt Zeh die Figuren ein; sie lässt sich fast ein Drittel des gesamten Buches dafür Zeit. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive eines Einwohners geschrieben, wodurch man automatisch das Geschehen aus wechselnden Sichten begleitet und andere Ansichten erfährt.

Nach einem Ereignis, das alle Dörfler betrifft, wird es dann erstmal etwas ruhiger. Fronten werden geklärt, echte und falsche Allianzen geschmiedet, weitere Geschehnisse aus der Vergangenheit beschrieben. Das beschreibt die Autorin so ausführlich, dass ich mir teilweise mehr Schwung und einige Kürzungen wünschte.

Sehr interessant: Das Spiel mit der Menschenkenntnis. Als wäre man selbst ein frisch Zugezogener, erscheinen die meisten Unterleutner erstmal sehr nett. Sobald man sie und ihr Handeln länger kennt, hat jeder – wirklich jeder – Dreck am Stecken und wird immer unsympathischer. Einen gar nicht mal so kleinen Personenkreis bezeichne ich sogar als komplett irre. Psychische Zeitbomben ticken. Gegen Ende der Geschichte gehen die Bomben hoch und schaffen eine neue Ordnung im Dorf. Pläne scheitern, andere gehen überraschend auf. Es wird klar, wer nur benutzt wurde und wer welches Standing im Ort hat.

Nach der ausführlichen Vorarbeit der Autorin und den Längen kam mir das „Endspiel“ teilweise übereilt vor, was ich schade fand. Am Ende gibt es einen Vorfall, der dem Titel des Buches eine weitere Bedeutung gibt. Diesen Part fand ich wunderbar überspitzt, davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Zusammengefasst bekam ich mit „Unterleuten“ ein gut geschriebenes, etwas zu langes und dadurch manchmal träges Buch serviert. Ich verstehe, dass es sehr beliebt ist. Dem „ganz großen Hype“ kann ich mich jedoch nicht völlig anschließen. Dafür haben mich die Tempoprobleme zu sehr gestört. Und wenn man wie ich viel liest/sieht/hört, kommen einem alle Elemente leicht bekannt vor.

Highlight sind für mich die tollen Charakterausarbeitungen und die realistische Darstellung von Machtverhältnissen in einem winzigen Dorf mit bewegter Geschichte. Wenn ich „Schilf“ als Vergleich heranziehe, kann Juli Zeh sprachlich jedoch mehr. Da hoffe ich auf den Nachfolger, der in einer städtischen Umgebung spielen soll – in einem Interview beschrieb die Autorin, dass sie an diesem bereits arbeitet.

 

Taschenbuch, Klappenbroschur, 656 Seiten, 13,5 x 20,0 cm, 1 s/w Abbildung
ISBN: 978-3-442-71573-2
€ 12,00 [D] | € 12,40 [A] | CHF 16,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: btb
Erschienen:  11.09.2017

Gelesen vom 05.01. – 16.01.

Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Was ich erwartet habe

Seit vielen Jahren lese ich die Bücher von Nesser. Bisher konnte mich nur eines enttäuschen (so sehr, dass ich abbrechen musste, „Der Himmel über London“) – alle anderen fand ich sehr gut bis großartig.

Relativ spät habe ich von dieser Neuerscheinung erfahren und das Buch direkt über das Bloggerportal angefordert. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich beschloss, es quasi blind zu lesen. Soll heißen, dass ich mich im Vorwege nicht weiter darüber informierte (und den Klappentext nicht las)

Worum es geht

An einer Schule inmitten einer schwedischen Kleinstadt gilt es, einige Geschehnisse aufzuarbeiten: den seltsamen Tod eines Lehrers vor den letzten Sommerferien, aufkeimende Vorfälle mit rechtsradikalem Hintergrund und bisher unbekannte Familiengeheimnisse.

Aus der wechselnden Perspektive von Schülern und Lehrern, die sich nach und nach als Hobbyermittler betätigen, werden die weiteren Vorkommnisse beschrieben und beleuchtet. Neben den verschiedenen Personen folgen wir der Handlung zusätzlich auf mehreren Zeitebenen.  Der Hauptteil spielt sich zum Beispiel in den neunziger Jahren ab.

Was ich bekommen habe

Nesser in Höchstform. Nicht immer sind seine Werke einfach zu lesen. Sie verfangen sich oft in langen Gedankenexkursen, denen ich teilweise nicht 100-prozentig folgen kann. Der wundervollen Sprache tut das keinen Abbruch.

In „Der Fall Kallmann“ hingegen konnte ich immer folgen. Die Handlung erhält die nötige Zeit, um sich langsam zu entfalten und schließlich ganz zu offenbaren. Knapp 600 Seiten sind für einen Roman, der recht gut in die Schublade des Schwedenkrimis passt, nicht ohne. Dieser hat definitiv die optimale Länge erhalten.

Das klassische Element der wechselnden Erzähler passt perfekt. Durch die Beleuchtung der Ereignisse aus den unterschiedlichen Blickwinkeln entwickelt sich die eigentliche Spannung – oft erfährt man durch Person B erst detailliert , was Person A nur am Rande erwähnt hatte. Jede dieser Personen ist gut ausgearbeitet und handelt in sich schlüssig.

Nach ca. zwei Dritteln des Buches kommen weitere Stimmen hinzu, die zuvor nicht eigenständig reden durften und neuen Schwung bewirken. Schwung dadurch, dass sie mehr Hintergrundwissen vermitteln und so etwas helleres Licht ins Dunkel bringen. Die Notwendigkeit verstehe ich. Etwas brachten mich „die Neuen“ jedoch aus dem bisher gewohnten Konzept des Buches. Die bekannten Erzähler erschienen mir danach leicht gebremst und die Handlung trat minimal auf der Stelle.

Da ich nicht zu viel verraten möchte, kann ich nicht ausführlich auf einen weiteren „Bruch“ innerhalb der Handlung eingehen. Nur so viel: Den Protagonisten wird ihre Ermittlung später etwas aus der Hand genommen. Die Grundidee der Hobbydetektive zieht sich so nicht konsequent bis zum Ende durch. Was andererseits realistischer ist als völlig allein agierende Laienpolizisten.

Auch wenn, wie gesagt, das Genre „Schwedenkrimi“ ganz gut passt, gibt es keine klassische Auflösung. Einige Fragen werden zwar geklärt, viele dagegen nur vage aufgelöst oder ganz offen gelassen. Was ich absolut fantastisch finde. Wenn ein Buch es schafft, dass man auch nach der Lektüre noch länger darüber nachdenkt und weiterrätselt, hat der Autor alles richtig gemacht. Wie hier geschehen.

Eine große Empfehlung – vielleicht gerade für Leser, die bisher nichts von Nesser gelesen haben. In diesem Buch findet sich alles wieder, was seine Geschichten ausmacht.

 

Gut

Nicht so gut

  • melancholische Stimmung
  • hallt nach – keine komplette Auflösung
  • gut ausgearbeitete Protagonisten
  • Tempowechsel durch spätere zusätzliche Erzählperspektiven


-Aus dem Schwedischen von Paul Berf

-Originaltitel: Eugen Kallmanns ögon
-Originalverlag: Albert Bonniers Förlag
-Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
-576 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
-ISBN: 978-3-442-75728-2
-€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
-Verlag: btb
-Erschienen: 30.10.2017

 

Der Fall Kallmann von Hakan Nesser

Anthony Doerr – Winklers Traum vom Wasser

Was ich erwartet habe

Doerrs „Alles Licht, das wir nicht sehen“ war mein erstes Buch in 2017 und direkt ein großartiges. Es gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern (die Art von Lieblingen, die für immer bleiben werden). Meines Wissens nach hat der Doerr bisher noch nicht viel veröffentlicht, daher wollte ich mir seine weiteren Werke gut einteilen. Doch schon neun Monate nach dem für mich ersten Doerr musste nun der nächste sein. „Anthony Doerr – Winklers Traum vom Wasser“ weiterlesen

Deborah Feldman – Unorthodox

Was ich erwartet habe

Etwas völlig Falsches. Aufgrund der wenigen Infos, die ich im Vorwege aufgenommen hatte: Eine Art reißerische „Nicht ohne meine Tochter“ in der jüdischen Version. Da ich völlig ungebildet bin, was den jüdischen Glauben angeht, erhoffte ich mir tiefere Einblicke. Gepaart mit einer spannenden Handlung. Dass es sich um wahre Ereignisse handelt, war mir bekannt. Ich bin mit dieser vorgefertigten Meinung zunächst falsch an das Buch herangegangen. „Deborah Feldman – Unorthodox“ weiterlesen

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

Was ich erwartet habe

Es war einmal….ein Buch, das plötzlich vermehrt auf Instagram zu bewundern

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde / Bild entstammt der offiziellen Seite des Verlags

war. Auf vielen der von mir gefolgten Profilen tauchte das Buch von Maja Lunde auf, oft positiv besprochen und hoch gelobt. Die Thematik finde ich interessant, es handelt sich um eine skandinavische Autorin (Pluspunkt für mich) und ich vertraue auf viele der positiven Meinungen in den sozialen Medien.

„Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen“ weiterlesen

Alles Licht, das wir nicht sehen

Erstes Buch 2017 direkt perfekt (fast)

Alles Licht das wir nicht sehen von Anthony Doerr / Abbildung entstammt den vom Verlag zur Verfügung gestellten Informationen

Worum es geht

Die beiden Jugendlichen Werner und Marie-Laure, kurz vor und während des 2. Weltkrieges. Es wird erzählt, wie die Charaktere immer weiter aufeinander zusteuern. Sich entwickeln und lernen müssen, mit den Umständen zu leben. Schauplätze sind Deutschland und Frankreich, teilweise auch Russland und Österreich. „Alles Licht, das wir nicht sehen“ weiterlesen