Ingrid Noll – Goldschatz (Diogenes)

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das kostenfreie Leseexemplar.

Hätte ich dieses nicht erhalten, hätte ich das Buch dennoch selbst besorgt – es wurde wieder Zeit für einen Noll Roman für mich. Seit vielen Jahren lese ich sie in lockerer Reihenfolge, immer mal wieder eines. Zum Glück fehlen mir noch viele. Denn ich mag die trockenen, leicht piefigen Geschichten über kriminelle Energien vermeintlich biederer Personen. Kaum jemand fängt für mich so ein „deutsches“ Gefühl so treffend ein wie diese Autorin.

In dieser Version der Noll-Welt finden sich einige junge Studenten zusammen, um auf einem geerbten Resthof eine WG zu gründen. Ich-Betrachterin Trixie zieht gemeinsam mit Ihrem Freund, dessen Kumpel und zwei weiteren Mädels ein.
Der Plan: Ökologisch sinnvoll und minimalistisch leben, wider den unnötigen Konsumrausch, gemeinsam statt isoliert und überhaupt gegen den aktuellen schnellen Zeitgeist. Die Ausführung: Anfangs motiviert und ambitioniert, im Verlauf konfrontiert mit unerwarteten Hindernissen und Bedürfnissen in Form von materieller Gier. Der Plan gerät ins Wanken, natürlich kommen Hindernisse dazwischen und bringen alles von ihrem geplanten Weg ab.

Plot und Ausführung sind nichts Neues, darum geht es (mir) in den Romanen der Autorin auch gar nicht. Vielmehr suche ich dieses besondere Gefühl darin, das „urdeutsche“, leicht spießig muffige Gemälde einer nicht mehr ganz aktuellen Zeit. Und auch in Goldschatz wehren sich die Protagonisten gegen die Moderne. Sie reden, als zwanzigjährige Menschen, durchgängig wie 70-jährige. Inklusive einem Repertoire an längst eingerosteten Formulierungen. Mich störte dies nicht. Im Gegenteil; es unterstreicht das, was die Autorin eben tut. Stimmungen und Gefühle einfangen.

Neu dagegen ist, dass es vermehrt nicht vordergründig um Mord und Verbrechen geht. Sie kommen vor, sind jedoch eher Randerscheinungen. Schon in „Kalt ist der Abendhauch“ ging es stärker um eine romanartige Handlung als um einen reinen bösen Krimi. Hier wiederholt Noll dieses Konzept und weicht noch mehr von ihren „alten“ Werken ab. Weniger bissig geht es zu, das fiel mir auf und fehlte mir auch manchmal etwas. Die Figuren sind nicht so gemein und fies zueinander wie in anderen Noll Romanen. Oder stumpfe ich einfach ab und nehme dies anders wahr? Auch nicht ganz auszuschließen. Egal wie, diesen Unterschied habe ich sehr begrüßt. Die Autorin bringt nicht eine beliebige, neue Version ihrer bekannten Rezeptur an die Leser, sondern variiert diese stärker und geht neue Wege.

Das Ende kam für mich etwas schnell und glatt daher. Ohne etwas zu verraten kann ich nur sagen, dass sich die Dinge fügen… einfach fügen. Für mein Empfinden wäre da etwas mehr Raffinesse möglich gewesen. Dem Buch an sich nimmt dies jedoch nichts weg. Es ist empfehlenswert für Noll-Leser und Neuentdecker, die Spaß an einer Art Sozialstudie mit moralischen (und amoralischen Einschüben) haben, keine überzogen effekthaschenden Geschichten mögen und eine sprachliche Nostalgie schätzen. Ich habe es wieder sehr genossen. 


Hardcover Leinen
368 Seiten
erschienen am 27. Februar 2019

978-3-257-07054-5
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung

Ingrid Noll – Kalt ist der Abendhauch

 

Gut

Nicht so gut

  • Sympathische Hauptfigur (Charlotte)
  • nettes Zeitpanorama
  • sehr oberflächlich erzählt
  • sehr schwacher roter Faden
  • zu viele unwichtige Figuren
  • wenig Handlung
  • Verlag: Diogenes (30. April 1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257230230
  • ISBN-13: 978-3257230239

gelesen vom 11.02. – 15.02.

Stefan Bachmann – Palast der Finsternis

Was ich erwartet habe

Bisher hatte ich nichts von Stefan Bachmann gelesen, jedoch die glühenden Fans und Besprechungen seiner beiden schon erschienenen Titel mitbekommen. Sie stehen noch ungelesen im Regal.

Aufgrund dieser Lorbeeren rückte seine Neuerscheinung in meinen Fokus; Verlag und Cover taten ihr übriges, und so musste es einziehen.

Worum es geht

Die Handlung findet auf zwei Zeitebenen statt: In der Gegenwart werden fünf Jugendliche von einem großen Unternehmen ausgewählt, um einen unterirdischen Palast aus der Zeit der Französischen Revolution zu erforschen bzw. zu erkunden.

In der Vergangenheit (eben kurz vor/während der Revolution) wird erzählt, wie eine adlige Familie in Verbindung zu diesem Palast steht.

Nach und nach werden die Zusammenhänge der beiden Ebenen klarer und man erfährt, warum und wozu das Gebäude erbaut wurde und wie die gegenwärtigen Jugendlichen eine Verbindung zu ihm haben.

Was ich bekommen habe

Eine Art „Tribute von Panem“, gemischt mit historischem Setting light und letztendlich vielen Fragezeichen.

Diogenes hat hier überraschenderweise ein Jugendbuch ins Programm genommen, welches ich bei anderen Verlagen so erwartet hätte. Meine Vorstellung ging aufgrund Diogenes anfangs eher in Richtung gediegener Abenteuerroman mit jungen Erwachsenen. Die Vorstellung hat sich nicht erfüllt.

Alle Charaktere blieben für mich seltsam blass und unsympathisch. So wenig wie sie selbst wissen, wo ihr Platz in der Geschichte ist, habe ich als Leser es erfahren. Stattdessen hangeln sie sich von Raum zu Raum des Palastes, umgehen Fallen, werden mal mehr und mal weniger gejagt.

Hauptprotagonistin Anouk ist dabei schrecklich pubertär anti-alles. Außer Andeutungen über ihre gemeine Familie werden jedoch keine weiterführenden Hintergründe genannt (oder ich habe sie nicht verstanden). Die restlichen Personen wackeln ihr hinterher, ohne sich dabei sonderlich interessant hervorzutun.

Lichtblick sind die Rückblicke in die Vergangenheit. Hier sind die Figuren interessanter gehalten. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass ich der Geschichte selten folgen und besonders viel Logisches abgewinnen konnte. Immer wieder verlor ich den Faden. Zwischen pseudo-poetischen Passagen und den üblichen Hetzjagden blieb nicht viel Faszination übrig.

Die Auflösung an sich ist im Bereich Horror/Science-Fantasy anzusiedeln und theoretisch interessant. Der Weg dorthin gefiel mir nur leider überhaupt nicht. So hoffe ich, dass mir seine anderen beiden Bücher besser gefallen werden.

Gut

Nicht so gut

-Grundidee
-Setting
-wirre Umsetzung
-unsympatische Charaktere
-Logiklöcher

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer
Diogenes Verlag
320 Seiten 
erschienen am 23. August 2017
ISBN 978-3-257-60805-2
€ (D) 14.99 / sFr 19.00* / € (A) 14.99