Jo Nesbø- Macbeth

Ich habe dieses Buch als kostenloses Leseexemplar vom Verlag erhalten, vielen Dank dafür. Die im Folgenden niedergeschriebene Meinung ist die Meine.

Vor Shakespeare habe ich Respekt. Zu groß ist der Name, als dass ich jemals etwas von ihm gelesen hätte oder wirklich werde. Wenn seine Stoffe jedoch in eine moderne und besser verständliche Form gebracht werden, rücken sie dadurch in Greifnähe für mich. Im Rahmen des sogenannten Hogharth Shakespeare Projektes nehmen sich aktuelle Autoren nach und nach die Werke des großen Vorbildes an und übertragen diese in ihre Versionen der Geschichten. Hier also Nesbø mit Macbeth. Das Buch kommt mir sehr gelegen, da ich seit einiger Zeit eine andere moderne Version der Vorlage als Hörbuch konsumiere und so Vergleich ziehen kann, obwohl ich das hunderte von Jahren alte Original nicht kenne. 

Wie immer versuche ich Spoiler zu verhindern, daher nur kurz zur Rahmenhandlung: In einer namenlosen Stadt (in einem namenlosen Land, es scheint jedoch Schottland zu sein) hat jahrelang ein korrupter Polizeichef gewütet und die Stadt ins Elend getrieben. Die Folge sind ein florierender Drogenmarkt, hohe Arbeitslosigkeit, Elend und Verarmung. Nachdem der alte Chef von der Bühne verschwunden ist, gibt es eine positivere Nachbesetzung. Doch diese möchte zu sehr aufräumen und scheucht so Kräfte auf, die ihn schnell loswerden wollen. Perfekt dafür: willige Marionetten, die die Drecksarbeit machen. Auch in Form vom SWAT-Team Polizisten Macbeth. Nach dem Einsatz einiger Hebel macht dieser sich daran, selbst die Karriereleiter zu erklimmen und dabei schleichend seine Moral und vorherigen Freunde zu verraten. Was nicht unbedingt besser für die Stadt ist…

Anfangs hatte ich leichte Schwierigkeiten, in das Setting des Buches hineinzufinden. Recht schnell wird man mit vielen Namen und Machtverhältnissen konfrontiert. Zum Glück prägten sich diese fix ein, sodass ich mich besser konzentrieren konnte. Die Stadt an sich ist dabei omnipräsent und erinnerte mich an eine Version von Batmans Gotham City, gemischt mit videospielartig überzeichneten Charakteren, die sich durch Straßenschlachten ballern. Erst etwas nach dem schrillen Einstieg gibt Nesbø den Figuren Zeit, ihr Potential auszuspielen. und Tiefen zu zeigen. Die es dann jedoch in sich haben. Es gibt gleich zwei bis drei Hauptcharaktere, denen man weit in ihre Psyche und Motivationen folgt. Einige Sinneswandlungen gingen mir zwar zu schnell. Insgesamt waren sie jedoch nachvollziehbar und eben nicht zu ausgewälzt, wahrscheinlich um das Buch nicht noch massiver werden zu lassen. 

Langsame Passagen und solche mit Action wechseln sich stetig ab. Typisch für den Autor sind einige überraschende Wendungen mit dabei. Ob diese auch aus dem Original stammen, vermag ich leider nicht zu sagen. Er hat sie zumindest gut platziert. Trotz des sehr überfrachteten Einstiegs gelingt die Waage zwischen schnell und langsam, Action und Charakterbetrachtungen, später sehr gut. Durch diese Mischung liest sich das Buch flüssig und schnell, ständige Motivationen sorgen gut dafür. 

Was mir leider etwas zu schnell ging, war der Wandel von Macbeth. Seine Veränderung vom vorbildlichen Polizisten zum rücksichtslosen Machtmenschen erfolgt sehr fix, oft nur aus der Perspektive von anderen Figuren beschrieben und teilweise oberflächlich. Für mich wäre da noch mehr drin gewesen. Auch die Geschichte um seine Frau/Freundin endet sehr abrupt, obwohl sie im Vorwege sehr viel Zeit zugedacht bekommt. Dagegen liegt der Fokus zeitweise zu sehr auf anderen Polizisten…für mich ein leichtes Ungleichgewicht. 

Das tut der guten Geschichte keine Abbrüche. Nesbø tut das, was er toll kann; er entwirft ein düsteres Szenario, das ziemlich kompromisslos für seine Charaktere endet. Ja – Harry Hole blitzt teilweise etwas durch. Der übermächtige Protagonist des Autors aus seiner Hauptreihe lässt sich nicht ganz verstecken. Dazu ähneln sich die Figuren zu sehr. Was überhaupt nicht schlecht ist für mich.

Macbeth ist empfehlenswert für jeden Krimifan, Nesbøfan und auch Shakespearefan. Jeder von ihnen wird gut abgeholt und unterhalten. Kein Buch für 35 Grad Sommerlaune, sondern für die kalten und nassen Momente. Für die dunklen Zeiten mit gepflegter Hoffnungslosigkeit. 


Aus dem Englischen von André Mumot 
Originaltitel: Macbeth
Originalverlag: Hogarth
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 624 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-328-60017-6
€ 24,00 [D] | € 24,70 [A] | CHF 33,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Penguin
Erschienen:  27.08.2018

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