Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Was ich erwartet habe

Seit vielen Jahren lese ich die Bücher von Nesser. Bisher konnte mich nur eines enttäuschen (so sehr, dass ich abbrechen musste, „Der Himmel über London“) – alle anderen fand ich sehr gut bis großartig.

Relativ spät habe ich von dieser Neuerscheinung erfahren und das Buch direkt über das Bloggerportal angefordert. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich beschloss, es quasi blind zu lesen. Soll heißen, dass ich mich im Vorwege nicht weiter darüber informierte (und den Klappentext nicht las)

Worum es geht

An einer Schule inmitten einer schwedischen Kleinstadt gilt es, einige Geschehnisse aufzuarbeiten: den seltsamen Tod eines Lehrers vor den letzten Sommerferien, aufkeimende Vorfälle mit rechtsradikalem Hintergrund und bisher unbekannte Familiengeheimnisse.

Aus der wechselnden Perspektive von Schülern und Lehrern, die sich nach und nach als Hobbyermittler betätigen, werden die weiteren Vorkommnisse beschrieben und beleuchtet. Neben den verschiedenen Personen folgen wir der Handlung zusätzlich auf mehreren Zeitebenen.  Der Hauptteil spielt sich zum Beispiel in den neunziger Jahren ab.

Was ich bekommen habe

Nesser in Höchstform. Nicht immer sind seine Werke einfach zu lesen. Sie verfangen sich oft in langen Gedankenexkursen, denen ich teilweise nicht 100-prozentig folgen kann. Der wundervollen Sprache tut das keinen Abbruch.

In „Der Fall Kallmann“ hingegen konnte ich immer folgen. Die Handlung erhält die nötige Zeit, um sich langsam zu entfalten und schließlich ganz zu offenbaren. Knapp 600 Seiten sind für einen Roman, der recht gut in die Schublade des Schwedenkrimis passt, nicht ohne. Dieser hat definitiv die optimale Länge erhalten.

Das klassische Element der wechselnden Erzähler passt perfekt. Durch die Beleuchtung der Ereignisse aus den unterschiedlichen Blickwinkeln entwickelt sich die eigentliche Spannung – oft erfährt man durch Person B erst detailliert , was Person A nur am Rande erwähnt hatte. Jede dieser Personen ist gut ausgearbeitet und handelt in sich schlüssig.

Nach ca. zwei Dritteln des Buches kommen weitere Stimmen hinzu, die zuvor nicht eigenständig reden durften und neuen Schwung bewirken. Schwung dadurch, dass sie mehr Hintergrundwissen vermitteln und so etwas helleres Licht ins Dunkel bringen. Die Notwendigkeit verstehe ich. Etwas brachten mich „die Neuen“ jedoch aus dem bisher gewohnten Konzept des Buches. Die bekannten Erzähler erschienen mir danach leicht gebremst und die Handlung trat minimal auf der Stelle.

Da ich nicht zu viel verraten möchte, kann ich nicht ausführlich auf einen weiteren „Bruch“ innerhalb der Handlung eingehen. Nur so viel: Den Protagonisten wird ihre Ermittlung später etwas aus der Hand genommen. Die Grundidee der Hobbydetektive zieht sich so nicht konsequent bis zum Ende durch. Was andererseits realistischer ist als völlig allein agierende Laienpolizisten.

Auch wenn, wie gesagt, das Genre „Schwedenkrimi“ ganz gut passt, gibt es keine klassische Auflösung. Einige Fragen werden zwar geklärt, viele dagegen nur vage aufgelöst oder ganz offen gelassen. Was ich absolut fantastisch finde. Wenn ein Buch es schafft, dass man auch nach der Lektüre noch länger darüber nachdenkt und weiterrätselt, hat der Autor alles richtig gemacht. Wie hier geschehen.

Eine große Empfehlung – vielleicht gerade für Leser, die bisher nichts von Nesser gelesen haben. In diesem Buch findet sich alles wieder, was seine Geschichten ausmacht.

 

Gut

Nicht so gut

  • melancholische Stimmung
  • hallt nach – keine komplette Auflösung
  • gut ausgearbeitete Protagonisten
  • Tempowechsel durch spätere zusätzliche Erzählperspektiven


-Aus dem Schwedischen von Paul Berf

-Originaltitel: Eugen Kallmanns ögon
-Originalverlag: Albert Bonniers Förlag
-Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
-576 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
-ISBN: 978-3-442-75728-2
-€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
-Verlag: btb
-Erschienen: 30.10.2017

 

Der Fall Kallmann von Hakan Nesser