Jean-François Parot – Commissaire Le Floch und das Gift der Liebe (Blessing)

(Rezensionsexemplar) Nach der Lektüre des dritten Bandes war ich ein wenig übersättigt von Le Floch. Der Teil ähnelte zu sehr dem zweiten, sodass ich eine repetitive Reihe mit nur wenigen Änderungen befürchtete. Glücklicherweise habe ich es doch gewagt und nun mit dem vierten Teil den für  mich bisher besten gefunden.

1774 ist der Commissaire angekommen in seinem Leben. Erfüllt durch Arbeit und Freunde wirkt er gefestigt und glücklich. Auch ein Liebesleben hat er, so trifft er sich mit der mondänen Julie de Lastérieux (wohlhabende Witwe, offenes Haus für Künstler) All zuviel erlebt der Leser nicht von Julie, da sie das Mordopfer des Buches ist. Und Le Floch durch ungünstige Zufälle der Verdächtige. Jedoch ist bald fraglich, ob es denn wirklich Zufälle waren oder stattdessen eine gewollt gelegte Fährte. Nicolas muss sich wehren und seine Unschuld beweisen. Daneben steht das gesamte Land einer großen Veränderung gegenüber, der Ermittler wandelt auf ganz neuen Pfaden und hat auch noch mit privaten Enthüllungen zu tun…das Buch ist gut gefüllt mit Inhalt.

Über der gesamten Geschichte weht ein Lüftchen von Befreiung, sozusagen. Dies beziehe ich auf den Stil und den Aufbau der Geschichte. Parot wirkt, als hätte er sich endlich freigeschrieben und erlaubt sich und seinen Figuren eine Art Eigenleben. Das merkbar vorhandene Reißbrett im Hintergrund der ersten Teile verschwindet nun endlich, zugunsten einer weitaus dynamischeren Geschichte als zuvor. Durch neue Elemente (sogar neue Handlungsorte, die sehr weit von Paris entfernt liegen) darf sich Le Floch freier bewegen. Er darf mehr Emotionen zeigen und er darf härtere Rückschläge erleben als zuvor. Dies führt zu einem deutlich komplexeren und menschlicheren Commissaire, der roboterartige Darsteller ist passé.

Ganz verzichten muss man auf die bekannten Elemente nicht. Paris ist weiterhin plastisch beschrieben und wirkt real. Der feste Freundeskreis des Ermittlers besteht noch. Es werden weiterhin zu den seltsamsten Anlässen Kochrezepte ausgetauscht (fast homeshoppingmäßig aufgesetzt, dieses Passagen störten mich tatsächlich etwas in ihrer grotesken Künstlichkeit). Der Hof nimmt mehr Platz ein, Nicolas wird für diesen ein fester Bestandteil. Sicher lässt sich darüber streiten, ob es realistisch ist, dass er bei wichtigen Ereignissen in Versailles immer öfter hautnah dabei ist und so Augenzeuge von historischen Ereignissen wird. Hier überwiegt dann doch der Unterhaltungsfaktor, was ich bei dezenter Dosierung noch okay finde. Mal schauen, wie die weitere Entwicklung ist.

Denn langsam wird die Revolutionsthematik schleichend eingebracht, das Volk ist nicht immer mehr glücklich mit seinem Herrscher. Geschickt erwähnt Parot dies immer wieder, nahezu nebenbei. Es zieht etwas auf am Horizont. Die Reihe reicht bis einschließlich Band 14. Wenn ich richtig informiert bin, endet sie leider kurz vor Beginn der Revolution, sodass der Leser auf einen Le Floch mitten in dieser Zeit verzichten werden muss. Ich selbst finde auch den Weg bis dorthin zumindest spannend. Und der Autor beherrscht die Verwebung der fiktiven Kriminalfälle mit realen Ereignissen extrem gut. 

Abgesehen von einem sehr künstlichen Zufallsereignis in der Geschichte (Telenovela, hust) bin ich sehr zufrieden mit ihr und werden Band fünf definitiv lesen. Durch mehrere gravierende Änderungen, die Le Floch bevorstehen, komme ich darum gar nicht herum…sehr gemein. 


  • Broschiert: 544 Seiten
  • Verlag: Karl Blessing Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (24. Juni 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • 17,00 Euro

William Boyd – Blinde Liebe

〈Rezensionsexemplar, kostenlos vom Verlag erhalten〉

Bücher von William Boyd sind bisher völlig an mir vorbeigegangen. Nun habe ich die Möglichkeit erhalten, dies zu ändern – vielen Dank dafür.

Brodie Moncur ist Klavierstimmer im ausgehenden 19. Jahrhundert. Er stammt aus der Gegend um Edinburgh, wo er mit seinen vielen Geschwistern als Kind eines herrischen Dorfpfarrers aufwuchs. Er erhält die Chance, für seinen Arbeitgeber nach Paris zu gehen und dort eine Außenstelle des Klavierbetriebes aufzubauen. Trotz Schwierigkeiten etabliert er sich und führt das Geschäft mit eigenen Ideen zum Erfolg. In diesem Rahmen lernt er den bekannten Pianisten John Kilbarron kennen und wird irgendwann Teil dessen Gefolgschaft. Besonders angetan hat es ihm Lika, eine Sopranistin, die ebenfalls mit Kilbarron umherreist. Brodie und Lika beginnen eine Affäre, welche die beiden fortan in steter Furcht/Flucht leben lässt. Moncur ist Lika völlig verfallen. Dabei fehlt ihm irgendwann der Blick dafür, was wirklich um ihn herum vorgeht…

Durch den kitschigen Titel war ich im Vorwege etwas skeptisch. Auch das Umschlagbild trifft nicht zu 100% meinen Geschmack, zum Glück sind dies beides nur äußerliche Punkte. Zwischen den Buchdeckeln ist es zum Glück kaum kitschig.

William Boyd kann zweifelsohne sehr gut schreiben, er beherrscht sein Handwerk. Nahezu jedes Wort sitzt. Dadurch ist ihm gelungen, was seit langer Zeit kein Autor/Buch mehr für mich geschafft hat: Über weite Strecken besitzt es keine Längen. Trotz der 500 Seiten las es sich erstaunlich schnell, was mir während des Lesens kaum auffiel. Alles gute Zeichen. Leider änderte sich dies auf den letzten 100 Seiten schlagartig. Irgendwie schafft Boyd den Ausstieg aus seiner Geschichte nicht, tritt auf der Stelle und steckt fest. Der Protagonist eiert durch ein Szenario, das mit den vorhergehenden 400 Seiten kaum mehr etwas zu tun hat. Eine Flucht aus dieser Situation gelingt zu spät, zu ungeschickt und unpassend zur restlichen Geschichte. Sehr sehr schade. Dieses holprige Ende hat mir das Buch etwas verdorben. 

Dabei hat es viele gute Zutaten. Das Setting im Milieu von Künstlern im ausgehenden alten Jahrhundert mochte ich sehr. Die Beschreibungen von Klavieren und der Stimmarbeit daran hat Boyd fantastisch gut recherchiert (soweit ich es beurteilen kann). Sie nehmen viel Platz ein und fügen sich toll in die Geschichte ein. Die Stimmung vor dem anstehenden Jahrhundertwechsel, das Leben auf ständiger Reise, die Verbindungen zu Familie in der alten Heimat – alles sehr gelungen.

Weniger gelungen empfand ich die Darstellung von Lika. Sie war mir zu distanziert beschrieben, weshalb ich keine Bindung aufbauen konnte. Diesen Part hat Brodie jedoch gut übernommen. Die eingestreuten Sexszenen der beiden wirken künstlich und fehl am Platz. Ihrer hätte es gar nicht bedurft. Was sie im Buch zu suchen haben, erschließt sich mir nicht. So haben sie einen leicht unangenehmen Beigeschmack á la „Altmännerfantasie“. In den schon erwähnten letzten 100 Seiten wird dies auf die Spitze getrieben und ist dann vollends überflüssig.

Die Handlung an sich ist solide. Neues bietet sie nicht, alles gab und gibt es in ähnlicher Form schon. Der Autor erfindet das Rad nicht neu, möchte es wahrscheinlich auch gar nicht. Herzstück ist durchgängig die dichte Stimmung. Unterschwellig arbeitet alles auf einen vermeintlichen Knalleffekt hin. Ob dieser wirklich so überrascht, muss jeder natürlich für sich selbst entscheiden. Ich für meine Begriffe war tatsächlich etwas überrumpelt. Im Nachgang betrachtet, nachdem die Lektüre nun einige tage zurückliegt, wirkt die Wendung nicht mehr so skandalös. Um ein ganzes Buch darauf aufzubauen, eignet sie sich nur begrenzt.

Trotz der kritischen Worte hat mir das Werk überwiegend Spaß gemacht. Es eignet sich für alle, die sich komplett in eine vergangene Zeit und in eine satte Geschichte hineinfallen lassen möchten. Die keine extreme Spannung erwarten, sondern einfach eine klassische Geschichte lesen und sich darin verlieren möchten. Die Spaß an schöner Sprache und Beschreibungen von Stimmungen und Situationen und Menschen haben.

Mit fehlt der Vergleich zu anderen Büchern des Autors. Um diesen zu erhalten, werde ich definitiv Weiteres von ihm lesen und hoffe darauf, dass er dort einen gelungeneren Ausstieg aus der Geschichte findet als in seiner neuesten.



  • gebundene Ausgabe: 512 Seiten
  • Verlag: Kampa Verlag; Auflage: 1 (11. März 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3311100042
  • ISBN-13: 978-3311100041

Oliver Pötzsch – Der Spielmann (Faustus I)

Das Buch habe ich kostenfrei als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten (über NetGalley). Vielen Dank dafür 🙂

Mir war seit einiger Zeit wieder nach einem Roman mit historischem Setting, da kam dieser gerade richtig. Denn schon lang wollte ich die Henker-Reiher von Oliver Pötzsch beginnen und mich mit dem Autor beschäftigen. Nun habe ich stattdessen mit dem neuesten Werk angefangen. Auch eine Art von Reihenfolge. 

„Oliver Pötzsch – Der Spielmann (Faustus I)“ weiterlesen

Robert McCammon – Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal 1

1699, in der britischen Kolonie Fount Royal in den östlichen (heutigen) U.S.A.: Der Richter Issac Woodward soll gemeinsam mit seinem Gerichtsdiener Matthew Corbett einen Prozess führen – gegen die vermeintliche Hexe Rachel Howarth. Die beiden reisen in den Ort und wollen einfach ihre Arbeit tun. Doch es gibt offensichtliche Ungereimtheiten, sodass zumindest Matthew zweifelt und Ermittlungen anstellt. Ist Rachel wirklich eine Hexe, oder soll es nur so aussehen, als sei sie eine? „Robert McCammon – Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal 1“ weiterlesen

Christian Kracht – Imperium

Deutschland zur Kaiserzeit: August Engelhardt hat Großes vor. Er wandert aus, in die Kolonie Deutsch-Neuguinea, um dort ein neues Leben und gleich eine ganz neue Lebensart zu begründen. Ausschließlich von Kokosnüssen möchte er leben. Und einen Handel zwischen seiner neuen und der alten Heimat mit den Früchten aufziehen. Und sowieso ein viel besseres Leben führen als die machtstrebenden, militanten Deutschen.

Doch seine Pläne sind ambitioniert, vielleicht zu sehr. Engelhardt hat kurzzeitig Erfolg. Nach und nach geht er mehr in seiner Rolle als Öko-Einsiedler auf, wird wunderlich und abgeschiedener. Der friedliche Mann gleicht im Verlauf der Geschichte nicht mehr dem einstigen Idealisten, sondern einem Irren.

Das schmale Buch hat es in sich. Kracht fabuliert, formuliert und jongliert mit der Sprache, wie ich es bisher selten las. Ein komplett kunstvoller Text, der sich jedoch – seltsamerweise – flüssig lesen lässt. Die Geschichte ist eine Mischung aus Abenteuerroman, Aussteigergeschichte, Gesellschaftskritik und Historie. Diese Elemente passen wunderbar gut zusammen.

Manchmal – aber nur manchmal – war ich etwas erschlagen von derlei achterbahnigen Eskapaden. In diesen Passagen verlor Kracht mich etwas, um mich jedoch schnell wieder einzufangen. Soll heißen, dass sie dem Gesamtbild keinen Abbruch taten.

Falls man mich fragen würde, was ich letztendlich an Weisheiten aus diesem Buch ziehen konnte, könnte ich darauf gar nicht klar antworten. Vielleicht geht es im Kern um die Erreichung von Idealen. Um Hindernisse, welche die Umwelt immer wieder in den Weg wirft, damit dieser nicht zu glatt zum Ziel führt. Um das Scheitern. In erster Linie ist die Geschichte für mich ein perfektes Beispiel dafür, was man mit Sprache kreieren kann und wie sehr wir sie brauchen, um uns Fremdes erschaffen zu können.


  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 6 (25. Juli 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596185351
  • ISBN-13: 978-3596185351

Anne Jacobs – Die Tuchvilla

Ab und an möchte ich etwas lesen, was einfach nur erzählt und nicht zu viel vom Leser erwartet; pure Unterhaltung statt zu komplexer Gedankengänge. Die Mischung macht es. Es war wieder an der Zeit, daher habe ich dieses Buch als Rezensionsexemplar angefragt und freundlicherweise erhalten. Vielen Dank dafür. Denn in den Regalen, Videobesprechungen und anderen Medien lief es mir seit einiger Zeit konstant über den Weg. Die vermehrte Beschreibung „Es ist wie Downton Abbey“ köderte mich, da ich die Serie sehr mag. „Anne Jacobs – Die Tuchvilla“ weiterlesen

Imogen Hermes Gowar – Die letzte Reise der Meerjungfrau oder wir Jonah Hancock über Nacht zum reichen Mann wurde

Auf dieses Buch war ich sehr gespannt, denn über englische Instagram Accounts hatte ich bereits einiges darüber gehört und gesehen. Zum Glück keine großartigen Spoiler. Meine Erwartung ging in Richtung „Die Schlange von Essex“, was zu meinen großen Highlights aus 2017 gehört. Ich habe es als Rezensionsexemplar aktiv angefordert und kostenlos erhalten, wofür ich dem Verlag sehr danke. „Imogen Hermes Gowar – Die letzte Reise der Meerjungfrau oder wir Jonah Hancock über Nacht zum reichen Mann wurde“ weiterlesen