John Boyne – Cyril Avery

Endlich! habe ich meinen ersten Roman von John Boyne gelesen. Schon so lange hatte ich ihn und seine Bücher auf dem Radar, doch bisher kam es nie dazu. Das Erscheinen seines neuen Buches in Deutschland nahm ich nun zum Anlass, um endlich in seine Werke einzusteigen. Ich war gespannt und fast aufgeregt und wurde etwas…überrascht. 

In dem sehr umfangreichen Roman geht es um den titelgebenden Jungen Cyril, der im Irland der 40er Jahre durch seine Mutter zur Adoption freigegeben wird. Der Leser begleitet fortan seinen Lebens- und oft auch Leidensweg mit allen Verirrungen, Verwirrungen und verschlungenen Pfaden. Denn Cyril ist schwul und heimlich in seinen besten Freund verliebt. Im katholischen Irland, welches quasi durch konservative Priester regiert wird und wenig übrig hat für Abweichungen von der Norm, kann dies schnell lebensgefährliche Auswirkungen haben. So verheimlicht der Junge seine Gefühle und eiert unglücklich durch sein Leben. Als Leser begleitet man verschiedene Abschnitte seines Daseins, immer wieder vorangetrieben durch Zeitsprünge. So ist man dabei, wie Personen kommen und gehen, er langsam reift und zu dem Cyril wird, der er eigentlich ist.

Boyne widmet das Buch einem anderen Schriftsteller: John Irving. Darüber war ich zunächst etwas verwundert – was hat er mit ihm zu tun/ kennen die sich?/ mögen die sich? Das kann ich nach erfolgter Lektüre noch immer nicht beantworten, jedoch habe ich nun eine Ahnung. Denn das Buch Cyril Avery erinnert durchaus, was Aufbau und Stil betrifft, an Romane von Irving. Denn es ist skurril und gleichzeitig tragisch, lustig und doch traurig, es ist manchmal brutal und dann wieder zurückhaltend.

Entgegen Irving gibt es – für mein Empfinden – leider ein Manko. Denn hier gelingt es dem Autor nicht, diese verschiedenen starken Emotionen zu vermischen. Das Geschehen kam in meinem Kopf sauber in Schubladen sortiert an. Es war entweder nur lustig oder nur traurig. Oder eben völlig absurd. Eine Überlappung (wie andere Autoren es schaffen)  fand für mich nicht statt. So blieb viel von der Handlung seltsam distanziert und künstlich. Cyril selbst, so viel Schlimmes er auch erlebt, hat mich seltenst wirklich berührt. Was ich sehr schade finde. Teilweise gab es solche Momente, nur eben viel zu selten.

Vielleicht liegt mein Unmut auch am Schreibstil. Keine Ahnung warum, aber ich hatte etwas Poetischeres erwartet, als letztendlich zwischen den Buchdeckeln zu finden war. John Boyne formuliert recht derb und arbeitet eher über Dialoge statt über lange Beschreibungen von Ort, Wetter oder Stimmung. Die Gespräche sind durchaus lustig/absurd (Gilmore Girls-like manchmal), gegen Ende des Buches nur teilweise zu lang und belanglos. Da ich andere Bücher von ihm noch nicht kenne, fehlt mir ein Vergleich. Vielleicht ist der Stil einfach dem rauen Land angepasst. Mein „literarisches Empfinden“ hat hier nicht genug empfunden, um total überzeugt zu sein. Das klingt vielleicht arrogant und seltsam, so ist es nicht gemeint. Meine Erwartung war nur eine andere. 

Die Lebensgeschichte des Protagonisten ist zum Glück abwechslungsreich und interessant konstruiert. Jede beschriebene Phase konzentriert sich (meistens) auf den Kern von Cyrils Problemen, viel drum herum gibt es nicht. Erst gegen Ende des Buches schwenkt die Handlung etwas aus, da mehr Personen involviert sind. Davor ist alles sehr konzentriert, was ich mochte. Es ist immer schwierig, die eigentliche Handlung eines Buches zu bewerten. Denn es ist nun mal komplett subjektiv, ob sie einen mitreißt oder kalt lässt.

Ich verstehe die begeisterten Stimmen anderer Rezensenten durchaus. Denn dieses Buch bietet viel an. Seine über 700 Seiten sind prall gefüllt mit Ereignissen, Wendungen und Überraschungen. Eine Liebesgeschichte ist dabei. Vielleicht sogar mehrere. Hintergründe zu den Verhältnissen in einem Land. Krankheiten, andere Unglücke. Ein Leben wie aus einer Soap. Für mich persönlich vielleicht wieder etwas zu viel. Boyne versucht, so derartig viele Themen anzureißen und einfließen zu lassen, dass er mit vielen sehr an der Oberfläche bleibt. Natürlich wird ein ganzes Leben beschrieben, in dem es viele verschiedene Ereignisse aus vielen Bereichen gibt. Doch auf darauf bezogen, ließ mich das Buch meist kalt. Denn erneut schwingt eine gewisse Künstlichkeit mit. Die vor allem darin begründet liegt, dass es sehr viele Zufälle in Cyrils Leben gibt. In hoher Häufigkeit trifft er immer wieder – an den unmöglichsten Orten und Jahre später – Personen aus seinem früheren Leben wieder. So häufig, dass es absurd ist. Dadurch konnte ich vieles nicht mehr ernst nehmen. 

Für wen ist dieses Buch geeignet? Schwierig zu beantworten. Wahrscheinlich für jeden (jede), der ohne Erwartungen in der Lage ist, eine Geschichte auf sich wirken zu lassen. Der noch wenige schwule Lebensgeschichten mit den üblichen Themen wie Unterdrückung, Angst und Selbstfindung konsumiert hat. Der nicht davor zurückschreckt, viele unwahrscheinliche und derbe Ereignisse mitzuerleben. Und der über 700 Seiten durchhält, die keinem graden Plot folgen.

Ich bleibe etwas enttäuscht zurück. Natürlich ist das Buch nicht komplett schlecht, ich habe es beenden können und wurde gut unterhalten. Meine Hoffnung auf ein Jahreshighlight wurde jedoch durch zu viele Punkte enttäuscht, die für mich nicht rund sind. John Boyne war so ganz anders, als ich dachte. In Zukunft werde ich es mit einem anderen Buch von ihm lesen und
erleben, ob dieses besser zu mir passt. 


gelesen vom 23.06. – 15.07.18

€ 26,00 [D], € 26,80 [A]
Erschienen am 02.05.2018
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
736 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-05853-7