Åke Edwardson – Winterdunkel

Was ich erwartet habe

Als Leser der Krimis um Kommissar Erik Winter ist man etwas gebeutelt. Nach 10 Bänden verkündete der Autor, keine weiteren Teile mehr veröffentlichen zu willen. Sogar generell wollte er keine Kriminalgeschichten mehr schreiben.

Zwei Jahre nach dieser Äußerung ging es dann doch weiter mit Winter. Nur um nach Teil elf und zwölf erneut ins Stocken zu geraten. Die Ankündigung weiterer Serienbände steht bisher aus.

Entsprechend freute ich mich, als für den November 2017 „Winterdunkel“ in Aussicht gestellt wurde. Ich habe das Werk als kostenfreies Leseexemplar vom Verlag erhalten – vielen Dank dafür.

Worum es geht

Edwardson legt hier eine Sammlung von verschiedenen Erzählungen vor, keinen neuen Roman. Nicht immer ist Erik Winter der Protagonist. Stattdessen geht es auch um andere Personen, die mit den bisherigen Romanen nichts zu tun haben.

Eine komplette Inhaltsangabe aller Geschichten wiederzugeben, sprengt den Rahmen und nimmt zu viel vorweg. Nur so viel: Ausnahmslos geht es um Verbrechen und das, was Menschen sich einander antun und antun können. Familie, alte Bekannte, Glaube, Geheimnisse und Rache sind gute Anhaltspunkte für behandelte Themen.

Was ich bekommen habe

Zunächst muss erwähnt werden, dass die meisten der Erzählungen nicht unbekannt sind für fleißige Leser von Åke Edwardson. Der überwiegende Teil findet sich auch in „Winterland“ wieder, veröffentlicht 2006 in Deutschland. Lediglich fünf der insgesamt 13 Geschichten sind völlig neu. Die bekannten davon wurden allerdings frisch übersetzt – war es damals Susanne Dahmann, hat nun Angelika Kutsch an dem Buch gearbeitet.

Folgend mein Empfinden der einzelnen Stories auf einer Skala von 1 -5; dahinter jeweils die Info, ob es sich um eine neue oder um eine Geschichte aus „Winterland“ handelt:

3/5 Eigentlich ist alles perfekt // neu
4/5 Winterdunkelheit // Zuhause
3/5 Fast ein Lächeln // Das Feld
3/5 Eiszeit // Eiszeit
3/5 Für alles gibt es ein erstes Mal // Klassentreffen
4/5 Eins-zwei-drei-vier-fünf // Glaubenssache
4/5 Es geht niemals vorbei // neu
4/5 Bald würde es dunkel werden // Treffen
2/5 Stille Minute // neu
3/5 Größer als das Leben // Der Steg
2/5 Niemals in Wirklichkeit // neu
3/5 Viareggio // Viareggio
1/5 Himmelsleiter // neu

Wer Edwardson mag, findet hier einen guten weiteren Einblick in sein Können. Sein markanter Stil (kopflastig, knapp, sehr düster) findet sich in jeder Geschichte wieder. Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob der Kauf von vielen „alten“ Erzählungen Sinn ergibt, sofern sie einem schon bekannt sind. Die neue Übersetzung gefällt, und für eine Sammlung ist das Buch eh unerlässlich.

Bleibt wie immer die Frage, ob es mit der eigentlich Reihe weitergehen wird.

Gut

Nicht so gut

  • Stimmung perfekt für den Herbst/Winter
  • gute Themenmischung
  • für Fans: nicht viel Neues
  • Erzählungen
  • 352 Seiten
  • Vintermörker
  • Aus dem Schwedischen übersetzt von Angelika Kutsch
  • ISBN-13 9783550050107
  • Erschienen: 17.11.2017

Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Was ich erwartet habe

Seit vielen Jahren lese ich die Bücher von Nesser. Bisher konnte mich nur eines enttäuschen (so sehr, dass ich abbrechen musste, „Der Himmel über London“) – alle anderen fand ich sehr gut bis großartig.

Relativ spät habe ich von dieser Neuerscheinung erfahren und das Buch direkt über das Bloggerportal angefordert. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich beschloss, es quasi blind zu lesen. Soll heißen, dass ich mich im Vorwege nicht weiter darüber informierte (und den Klappentext nicht las)

Worum es geht

An einer Schule inmitten einer schwedischen Kleinstadt gilt es, einige Geschehnisse aufzuarbeiten: den seltsamen Tod eines Lehrers vor den letzten Sommerferien, aufkeimende Vorfälle mit rechtsradikalem Hintergrund und bisher unbekannte Familiengeheimnisse.

Aus der wechselnden Perspektive von Schülern und Lehrern, die sich nach und nach als Hobbyermittler betätigen, werden die weiteren Vorkommnisse beschrieben und beleuchtet. Neben den verschiedenen Personen folgen wir der Handlung zusätzlich auf mehreren Zeitebenen.  Der Hauptteil spielt sich zum Beispiel in den neunziger Jahren ab.

Was ich bekommen habe

Nesser in Höchstform. Nicht immer sind seine Werke einfach zu lesen. Sie verfangen sich oft in langen Gedankenexkursen, denen ich teilweise nicht 100-prozentig folgen kann. Der wundervollen Sprache tut das keinen Abbruch.

In „Der Fall Kallmann“ hingegen konnte ich immer folgen. Die Handlung erhält die nötige Zeit, um sich langsam zu entfalten und schließlich ganz zu offenbaren. Knapp 600 Seiten sind für einen Roman, der recht gut in die Schublade des Schwedenkrimis passt, nicht ohne. Dieser hat definitiv die optimale Länge erhalten.

Das klassische Element der wechselnden Erzähler passt perfekt. Durch die Beleuchtung der Ereignisse aus den unterschiedlichen Blickwinkeln entwickelt sich die eigentliche Spannung – oft erfährt man durch Person B erst detailliert , was Person A nur am Rande erwähnt hatte. Jede dieser Personen ist gut ausgearbeitet und handelt in sich schlüssig.

Nach ca. zwei Dritteln des Buches kommen weitere Stimmen hinzu, die zuvor nicht eigenständig reden durften und neuen Schwung bewirken. Schwung dadurch, dass sie mehr Hintergrundwissen vermitteln und so etwas helleres Licht ins Dunkel bringen. Die Notwendigkeit verstehe ich. Etwas brachten mich „die Neuen“ jedoch aus dem bisher gewohnten Konzept des Buches. Die bekannten Erzähler erschienen mir danach leicht gebremst und die Handlung trat minimal auf der Stelle.

Da ich nicht zu viel verraten möchte, kann ich nicht ausführlich auf einen weiteren „Bruch“ innerhalb der Handlung eingehen. Nur so viel: Den Protagonisten wird ihre Ermittlung später etwas aus der Hand genommen. Die Grundidee der Hobbydetektive zieht sich so nicht konsequent bis zum Ende durch. Was andererseits realistischer ist als völlig allein agierende Laienpolizisten.

Auch wenn, wie gesagt, das Genre „Schwedenkrimi“ ganz gut passt, gibt es keine klassische Auflösung. Einige Fragen werden zwar geklärt, viele dagegen nur vage aufgelöst oder ganz offen gelassen. Was ich absolut fantastisch finde. Wenn ein Buch es schafft, dass man auch nach der Lektüre noch länger darüber nachdenkt und weiterrätselt, hat der Autor alles richtig gemacht. Wie hier geschehen.

Eine große Empfehlung – vielleicht gerade für Leser, die bisher nichts von Nesser gelesen haben. In diesem Buch findet sich alles wieder, was seine Geschichten ausmacht.

 

Gut

Nicht so gut

  • melancholische Stimmung
  • hallt nach – keine komplette Auflösung
  • gut ausgearbeitete Protagonisten
  • Tempowechsel durch spätere zusätzliche Erzählperspektiven


-Aus dem Schwedischen von Paul Berf

-Originaltitel: Eugen Kallmanns ögon
-Originalverlag: Albert Bonniers Förlag
-Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
-576 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
-ISBN: 978-3-442-75728-2
-€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
-Verlag: btb
-Erschienen: 30.10.2017

 

Der Fall Kallmann von Hakan Nesser

Jean-Francois Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel

Was ich erwartet habe

Nach der Lektüre des aktuellen Folletts und animiert durch herbstliche Stimmung, hatte ich Lust auf einen weiteren Roman vor historischem Hintergrund. Phasenweise lese ich viel in dem Genre und habe deshalb schon einige Vergleichsmöglichkeiten gesammelt. „Jean-Francois Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel“ weiterlesen

Ken Follett – Das Fundament der Ewigkeit

Was ich erwartet habe

Für mich steht Ken Follett für gut lesbare, teils sehr vereinfachte und stilistisch mittelmäßige Romane mit historischem Hintergrund. Das meine ich nicht negativ. Mit seiner Art, Dinge sehr reduziert zu beschreiben, erreicht er sicher mehr Leser als mit historischen Abhandlungen. Die Mischung aus Unterhaltung und geschichtlichen Fakten funktioniert und macht Spaß. „Ken Follett – Das Fundament der Ewigkeit“ weiterlesen

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

Was ich erwartet habe

Ich hörte von dem Buch in einem Verlagsnewsletter und kannte es zuvor überhaupt nicht. Die Kurzbeschreibung sprach mich sofort an, denn Setting und historischer Hintergrund sind genau meins. Passend zum anbrechenden Herbst. Daher zögerte nicht an und bat um ein Rezensionexemplar, welches ich freundlicherweise auch vom Verlag erhalten habe. „Sarah Perry – Die Schlange von Essex“ weiterlesen

Anthony Doerr – Winklers Traum vom Wasser

Was ich erwartet habe

Doerrs „Alles Licht, das wir nicht sehen“ war mein erstes Buch in 2017 und direkt ein großartiges. Es gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern (die Art von Lieblingen, die für immer bleiben werden). Meines Wissens nach hat der Doerr bisher noch nicht viel veröffentlicht, daher wollte ich mir seine weiteren Werke gut einteilen. Doch schon neun Monate nach dem für mich ersten Doerr musste nun der nächste sein. „Anthony Doerr – Winklers Traum vom Wasser“ weiterlesen

Deborah Feldman – Unorthodox

Was ich erwartet habe

Etwas völlig Falsches. Aufgrund der wenigen Infos, die ich im Vorwege aufgenommen hatte: Eine Art reißerische „Nicht ohne meine Tochter“ in der jüdischen Version. Da ich völlig ungebildet bin, was den jüdischen Glauben angeht, erhoffte ich mir tiefere Einblicke. Gepaart mit einer spannenden Handlung. Dass es sich um wahre Ereignisse handelt, war mir bekannt. Ich bin mit dieser vorgefertigten Meinung zunächst falsch an das Buch herangegangen. „Deborah Feldman – Unorthodox“ weiterlesen

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

Was ich erwartet habe

Es war einmal….ein Buch, das plötzlich vermehrt auf Instagram zu bewundern

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde / Bild entstammt der offiziellen Seite des Verlags

war. Auf vielen der von mir gefolgten Profilen tauchte das Buch von Maja Lunde auf, oft positiv besprochen und hoch gelobt. Die Thematik finde ich interessant, es handelt sich um eine skandinavische Autorin (Pluspunkt für mich) und ich vertraue auf viele der positiven Meinungen in den sozialen Medien.

„Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen“ weiterlesen

Die Ernte des Bösen

Es wird dunkler hier unten

Was ich erwartet habe

Das Cover entstammt der offiziellen Verlagsseite

Ich liebe die beiden Vorgängerteile (Der Ruf des Kuckucks / Der Seidenspinner). Vor allem die tolle Londonstimmung, natürlich auch die fantastisch ausgearbeiteten Charaktere und die Handlungen. Jeden Band habe ich sehr angetan verfolgt und geliebt. Daher wünschte ich mir natürlich eine konsequente Fortführung genau dieser Zutaten. Ich war kaum gespoilert und hatte einen großen Wunsch an die Handlung: Bitte – BITTE – keine Lovestory zwischen den Hauptcharakteren Cormoran Strike und Robin Ellacott. Denn das können alle, und haben auch schon fast alle Serienhelden durchlebt. Nicht die beiden. Nicht auch noch die bei….. „Die Ernte des Bösen“ weiterlesen