William Boyd – Blinde Liebe

〈Rezensionsexemplar, kostenlos vom Verlag erhalten〉

Bücher von William Boyd sind bisher völlig an mir vorbeigegangen. Nun habe ich die Möglichkeit erhalten, dies zu ändern – vielen Dank dafür.

Brodie Moncur ist Klavierstimmer im ausgehenden 19. Jahrhundert. Er stammt aus der Gegend um Edinburgh, wo er mit seinen vielen Geschwistern als Kind eines herrischen Dorfpfarrers aufwuchs. Er erhält die Chance, für seinen Arbeitgeber nach Paris zu gehen und dort eine Außenstelle des Klavierbetriebes aufzubauen. Trotz Schwierigkeiten etabliert er sich und führt das Geschäft mit eigenen Ideen zum Erfolg. In diesem Rahmen lernt er den bekannten Pianisten John Kilbarron kennen und wird irgendwann Teil dessen Gefolgschaft. Besonders angetan hat es ihm Lika, eine Sopranistin, die ebenfalls mit Kilbarron umherreist. Brodie und Lika beginnen eine Affäre, welche die beiden fortan in steter Furcht/Flucht leben lässt. Moncur ist Lika völlig verfallen. Dabei fehlt ihm irgendwann der Blick dafür, was wirklich um ihn herum vorgeht…

Durch den kitschigen Titel war ich im Vorwege etwas skeptisch. Auch das Umschlagbild trifft nicht zu 100% meinen Geschmack, zum Glück sind dies beides nur äußerliche Punkte. Zwischen den Buchdeckeln ist es zum Glück kaum kitschig.

William Boyd kann zweifelsohne sehr gut schreiben, er beherrscht sein Handwerk. Nahezu jedes Wort sitzt. Dadurch ist ihm gelungen, was seit langer Zeit kein Autor/Buch mehr für mich geschafft hat: Über weite Strecken besitzt es keine Längen. Trotz der 500 Seiten las es sich erstaunlich schnell, was mir während des Lesens kaum auffiel. Alles gute Zeichen. Leider änderte sich dies auf den letzten 100 Seiten schlagartig. Irgendwie schafft Boyd den Ausstieg aus seiner Geschichte nicht, tritt auf der Stelle und steckt fest. Der Protagonist eiert durch ein Szenario, das mit den vorhergehenden 400 Seiten kaum mehr etwas zu tun hat. Eine Flucht aus dieser Situation gelingt zu spät, zu ungeschickt und unpassend zur restlichen Geschichte. Sehr sehr schade. Dieses holprige Ende hat mir das Buch etwas verdorben. 

Dabei hat es viele gute Zutaten. Das Setting im Milieu von Künstlern im ausgehenden alten Jahrhundert mochte ich sehr. Die Beschreibungen von Klavieren und der Stimmarbeit daran hat Boyd fantastisch gut recherchiert (soweit ich es beurteilen kann). Sie nehmen viel Platz ein und fügen sich toll in die Geschichte ein. Die Stimmung vor dem anstehenden Jahrhundertwechsel, das Leben auf ständiger Reise, die Verbindungen zu Familie in der alten Heimat – alles sehr gelungen.

Weniger gelungen empfand ich die Darstellung von Lika. Sie war mir zu distanziert beschrieben, weshalb ich keine Bindung aufbauen konnte. Diesen Part hat Brodie jedoch gut übernommen. Die eingestreuten Sexszenen der beiden wirken künstlich und fehl am Platz. Ihrer hätte es gar nicht bedurft. Was sie im Buch zu suchen haben, erschließt sich mir nicht. So haben sie einen leicht unangenehmen Beigeschmack á la „Altmännerfantasie“. In den schon erwähnten letzten 100 Seiten wird dies auf die Spitze getrieben und ist dann vollends überflüssig.

Die Handlung an sich ist solide. Neues bietet sie nicht, alles gab und gibt es in ähnlicher Form schon. Der Autor erfindet das Rad nicht neu, möchte es wahrscheinlich auch gar nicht. Herzstück ist durchgängig die dichte Stimmung. Unterschwellig arbeitet alles auf einen vermeintlichen Knalleffekt hin. Ob dieser wirklich so überrascht, muss jeder natürlich für sich selbst entscheiden. Ich für meine Begriffe war tatsächlich etwas überrumpelt. Im Nachgang betrachtet, nachdem die Lektüre nun einige tage zurückliegt, wirkt die Wendung nicht mehr so skandalös. Um ein ganzes Buch darauf aufzubauen, eignet sie sich nur begrenzt.

Trotz der kritischen Worte hat mir das Werk überwiegend Spaß gemacht. Es eignet sich für alle, die sich komplett in eine vergangene Zeit und in eine satte Geschichte hineinfallen lassen möchten. Die keine extreme Spannung erwarten, sondern einfach eine klassische Geschichte lesen und sich darin verlieren möchten. Die Spaß an schöner Sprache und Beschreibungen von Stimmungen und Situationen und Menschen haben.

Mit fehlt der Vergleich zu anderen Büchern des Autors. Um diesen zu erhalten, werde ich definitiv Weiteres von ihm lesen und hoffe darauf, dass er dort einen gelungeneren Ausstieg aus der Geschichte findet als in seiner neuesten.



  • gebundene Ausgabe: 512 Seiten
  • Verlag: Kampa Verlag; Auflage: 1 (11. März 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3311100042
  • ISBN-13: 978-3311100041

Robert Galbraith – Weißer Tod (Blanvalet)

Dieses Buch habe ich als für mich kostenfreies Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten, vielen Dank dafür. In meinem Text kann es zu leichten Spoilern kommen, da ich ansonsten nicht vernünftig ausführlich über das Buch schreiben könnte. Wer überhaupt gar nichts vor der Lektüre wissen möchte, liest hier am besten nicht weiter. Ich probiere jedoch, verräterische Äußerungen auf ein Minimum zu reduzieren.  „Robert Galbraith – Weißer Tod (Blanvalet)“ weiterlesen

Kathleen Collins – Nur einmal (Kampa)

Dieses Buch habe ich, auf meine Anfrage hin, als kostenloses Leseexemplar vom Verlag erhalten. Vielen Dank dafür.

Seit 1988 ist die Autorin verstorben, und zu ihren Lebzeiten wurde sie kaum beachtet. Dabei war sie überaus aktiv; politisch und als Regisseurin, als Schriftstellerin von Stücken und eben auch von Shortstories. Außerdem war sie Mutter einer Tochter. Die sich eines Tages traute, den Koffer im Nachlass von Kathleen zu öffnen und dort auf viel Material stieß. Die dort unter anderem  vergrabenen Kurzgeschichten wurden zunächst in den U.S.A. und durch Kampa  nun auch bei uns veröffentlicht. 16 Geschichten umfasst diese Sammlung und ein Nachwort von Daniel Kampa. „Kathleen Collins – Nur einmal (Kampa)“ weiterlesen

Dörte Hansen – Altes Land

Nachdem mir „Mittagsstunde“ gut gefiel, wollte ich endlich Hansens Erstling lesen. Ich habe das Buch als für mich kostenloses Leseexemplar vom Verlag erhalten. Vielen Dank dafür.

Altes Land war (und ist) omnipräsent im Buchhandel. Kein Regal, in dem es nicht irgendwo prominent platziert ist und mitgenommen werden möchte – sogar eine Verfilmung ist in Arbeit. In letzter Zeit stimmt mich solche Überflutung regelmäßig etwas misstrauisch. Es gab einfach schon zu viele Beispiele an hochgeworbenen Luftnummern. Zum Glück ist es in diesem Fall ein verdienter Massenansturm auf das Buch, wie zumindest ich finde.

Die Geschichte spielt überwiegend auf einem Gehöft im namensgebenden „Alten Land“ bei Hamburg. Auf diesem lebt Vera, alleinstehende und etwas schroffe Person, die einst als Flüchtlingskind aus Ostpreußen mit ihrer Mutter dort strandete. Und blieb. Vera ist nicht vollständig angepasst in der Dorfgemeinschaft und dennoch inzwischen fest verankert. In ihr Leben tritt eines Tages Anne, ihre Nichte aus Hamburg. Sie bringt einen kleinen Sohn mit und möchte bei Vera, nach einer Trennung, unterkommen. Die beiden Frauen müssen sich zusammenraufen.

Nun gibt es diese Art von Konstrukt – zwei unterschiedliche Charaktere nähern sich einander an, was anfangs nicht funktioniert – in vielen anderen Geschichten bereits. Und Filmen. Und allen anderen erdenklichen Medien auch. Angenehmerweise steht das Element in diesem Buch jedoch nicht im Mittelpunkt. Auf dem Buchrücken wirkt es noch so aber nein, in Wirklichkeit verstehen sich die beiden Frauen von Anfang an relativ gut. Krisen gibt es an anderen Stellen, mit anderen Familienmitgliedern.

Zudem geht es nicht ausschließlich um die beiden. Die Erzählungen erfolgen aus Sicht vieler verschiedener Charaktere aus dem Umfeld des Hofes (Nachbarn, Zugereiste). Statt einer überpräsenten Familienchronik erhielt ich hier eher eine Bestandsaufnahme der Region. Stark im Fokus steht der Unterschied Stadt- und Landleben und die Romantisierung bzw. Industrialisierung der ländlichen Sehnsüchte gestresster Städter. Hansen wird in diesen Passagen zynisch, oft sogar ungefiltert lästernd böse. Für mich die besten Passagen, da sie ungefiltert und einfach nur ehrlich sind. Wenn sich der Fotograf auf der Jagd nach kuscheligen Landszenen fast übergibt, als er der Herstellung von Rehwurst beiwohnen darf – wundervoll.

Dankbar bin ich auch, dankbar für das Fehlen von kitschigen, aufgesetzten Liebesgeschichten. Die Autorin bremst, sobald es allein in die Nähe dieses Terrains gehen könnte. Was dem Buch überaus gut tut.

Nein, hier handelt es sich definitiv um keinen klassischen Heimatroman. Auf moderne Art trifft die Beschreibung dennoch zu, da es auf jeder Seite um „Heimat“ geht. Nicht in physischer Form, sondern um das individuelle Gefühl von Heimat. Welches für jeden anders ist und sich nicht in Formen pressen lässt. Hansen ist es gelungen, zumindest eine Andeutung dessen zwischen ihre Seiten zu streuen. 


Originaltitel: Altes Land
Originalverlag: Knaus, München 2015
Taschenbuch, Broschur, 304 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-328-10012-6

Sarah Perry – Nach mir die Flut

Ich habe das Buch als für mich kostenfreies Rezensionsexemplar erhalten – vielen Dank dafür. Die folgende Meinung ist meine eigene und dadurch nicht beeinflusst.

Nun ist das erste, von Sarah Perry veröffentlichte Buch auch bei uns erschienen. Darauf war ich sehr gespannt, denn ihr „Die Schlange von Essex“ wird ein ewiges Highlight für mich bleiben, so sehr hatte es mich beeindruckt.  „Sarah Perry – Nach mir die Flut“ weiterlesen

Juli Zeh – Neujahr

Das Buch habe ich als kostenfreies Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten – vielen vielen Dank dafür. 

Henning, seine Frau Theresa und ihre beiden Kinder machen Urlaub auf Lanzarote. Über die Weihnachts- und Silvestertage. Es ist Neujahr, und Henning fährt alleine per Rad einen Berg hinauf. Dabei lässt er die vergangenen Tage, sein bisheriges Leben und seine Familie in Gedanken Revue passieren. Als er oben ankommt, geht es ihm nicht gut. Bis ihm dort oben langsam alles hochkommt und er begreift, was in seinem Leben schief gegangen ist. „Juli Zeh – Neujahr“ weiterlesen