Christina Dalcher – Vox

Ich habe das E-Book als kostenfreies Leseexemplar vom Verlag, über Netgalley, erhalten. Dafür bedanke ich mich sehr. Dieser Umstand beeinflusst die Äußerung meiner persönlichen Meinung zum Buch jedoch nicht. 

In den U.S.A. einer gefühlt nicht all zu weit entfernten Zukunft haben die politischen rechten Kräfte die völlige Oberhand erlangt und das Land umgestaltet. Die bisher propagierte Freiheit ist dahin, stattdessen wurde das System um Jahrhunderte zurückgedreht in eine Art Kirchenstaat mit entsprechenden Ansichten und Vorgaben. Männer haben das Sagen, Frauen werden unterdrückt und als Heimchen am Herd ohne Stimmrechte ausgenutzt. Und ohne Stimme. Denn jeder weibliche Mensch im Land darf täglich maximal 100 Wörter sagen. Wird die Grenze überschritten, foltert der elektronische Wortzähler (am Handgelenk jeder Frau) per Stromschlag. Die Protagonistin Dr. Jean McClellan ist ironischerweise ehemalige Sprachwissenschaftlerin und hat gar keine Lust, als zuvor erfolgreiche Karrierefrau nun die Familie zu betreuen. Ihr Mann Patrick arbeitet für die Regierung, ihre Kinder stecken mitten im staatlichen Bildungswesen mit all seinen Methoden zur kirchlichen Erziehung fest. Jean muss sich mit den Umständen arrangieren und bekommt plötzlich die Chance, auf ihre Art langsam zu rebellieren.

Das Buch ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Die Thematik ist sehr aktuell und daher wichtig und richtig. Überzeichnet wirkende Hinweise auf sich ausbreitenden religiösen Fanatismus, antiquierte Rollenbilder und Machtmissbrauch untermauern nur eine mögliche Version der Zukunft, die sich bereits merklich abzeichnet. Das jetzige Erscheinen der Geschichte ist daher gut gewählt. Viele werden die Thematik unheimlich finden. Sich gruseln, das „was wäre wenn“ im Kopf durchspielen und vielleicht sogar aufgerüttelt und animiert werden, sich mehr zu engagieren. Auch das ist alles toll und notwendig und verliert nie an Aktualität. 

Jedoch…machen diese Notwendigkeiten für mich aus „Vox“ nicht automatisch ein gutes Buch. Wer wie ich ein großer Fan von Atwoods „Report der Magd“ ist, wird wahrscheinlich starke Ähnlichkeiten entdecken.  Der komplette politische Hintergrund wurde quasi übernommen und nur etwas aufgefrischt. Wortbegrenzungen gab es in „Der Report der Magd“ zwar nicht, dies ist jedoch die nahezu einzige Abgrenzung zum Worldbuilding. Das Schweigen der Frauen dort geschieht bereits automatisch ohne technische Hilfsmittel. Natürlich kann ich nicht von einer Kopie sprechen, denn niemand hat ein Thema gepachtet und niemand hat ein alleiniges Anrecht darauf, eine mögliche Zukunft darzustellen. Vielmehr ist es sogar gut, wiederholt auf Gefahren hinzuweisen. Bücher haben kein Verfallsdatum. Beide Romane können zeitgleich nebeneinander im Regal stehen. 

Da ich nun beide gelesen habe, kommt mein Kopf an einem Vergleich nicht ganz vorbei. Bei diesem hinkt Vox etwas hinterher. Das liegt zum einen an der genutzten Sprache/Ausdrucksweise. Für meinen Geschmack schreibt Dalcher zu effekthaschend und unruhig. Der Aufbau ist immer gleich: Um einen Umstand aus der Gegenwart zu erzählen, erinnert sich Jean an eine ähnliche Begebenheit aus ihrer Vergangenheit, streut diese erstmal ein, unterbricht dadurch den eigentlichen Erzählfluss und kommt erst anschließend wieder zum eigentlichen Thema. Das funktioniert als Stilelement, wenn es sparsam genutzt wird. Die Autorin baut darauf jedoch einen Großteil ihres Stils auf. Dadurch war ich zu oft rausgerissen. 

Zum anderen kam ich mit dem Tempo nicht zurecht. Eingangs wird sehr schnell beschrieben, wie die neue Welt funktioniert. Nach 40-50 Seiten ist fast alles erklärt. Danach gibt es immer wieder sehr langsame und fast langweilige Passagen. 

Der Fairness halber möchte ich auch erwähnen, dass einige Aspekte besser umgesetzt wurden als im offensichtlichen Vorbild. Dalcher zeigt mehr Gesellschaftsschichten und die Auswirkungen auf die Menschen, die umgeformt werden durch die Regierung. Besonders beunruhigend ist das Schulsystem. Jean bekommt durch ihre schulpflichtigen Kinder deutlich mit, wie religiöse Ansichten und ihre Rollenaufteilungen immer weniger subtil in den täglichen Unterricht einfließen und das Denken der Kinder steuert. Schon bald hat sie ein junges und sehr energisch für das Regime sprechendes Familienmitglied am Küchentisch sitzen…diese Szenen gingen mir sehr nah. Wie toll sie gelungen sind beweist auch, dass ich diesen bestimmten Charakter fast real fühlbar nicht mochte. 

Gegen Ende hin nehmen recht klassisch amerikanische Elemente das Ruder, wie gemacht für eine filmische und laut tösende Verfilmung. Die leisen Töne sind in der Unterzahl. Wirklich interessante Aspekte laufen wie automatisch nebenbei ab und werden nur am Rande erwähnt, was sie unglaubwürdig für mich machten. Leider. Hier wäre noch Potential gewesen für mehr bzw. für eine in sich rundere Geschichte. 

Fazit: Wer eine Dystopie für Einsteiger sucht, keine Probleme mit hollywoodartigen Elementen hat und gute Unterhaltung mit einem Schuss Sozialkritik möchte, sollte zugreifen. Report der Magd light, in der Popcornversion. Was ich nicht abwertend oder negativ meine. Für mich persönlich waren die Ähnlichkeiten jedoch zu groß, die Ergänzungen zu wenige und insgesamt daher kein Mehrgewinn erkennbar. 


E-Book 
Originalsprache: Englisch 
Übersetzt von: Marion Balkenhol, Susanne Aeckerle
Preis € (D) 16,99 
ISBN: 978-3-10-490953-0
FISCHER E-Books
Preisänderungen & Lieferfähigkeit vorbehalten.

gelesen vom 22.07. – 29.07.2018

John Boyne – Cyril Avery

Endlich! habe ich meinen ersten Roman von John Boyne gelesen. Schon so lange hatte ich ihn und seine Bücher auf dem Radar, doch bisher kam es nie dazu. Das Erscheinen seines neuen Buches in Deutschland nahm ich nun zum Anlass, um endlich in seine Werke einzusteigen. Ich war gespannt und fast aufgeregt und wurde etwas…überrascht. 

In dem sehr umfangreichen Roman geht es um den titelgebenden Jungen Cyril, der im Irland der 40er Jahre durch seine Mutter zur Adoption freigegeben wird. Der Leser begleitet fortan seinen Lebens- und oft auch Leidensweg mit allen Verirrungen, Verwirrungen und verschlungenen Pfaden. Denn Cyril ist schwul und heimlich in seinen besten Freund verliebt. Im katholischen Irland, welches quasi durch konservative Priester regiert wird und wenig übrig hat für Abweichungen von der Norm, kann dies schnell lebensgefährliche Auswirkungen haben. So verheimlicht der Junge seine Gefühle und eiert unglücklich durch sein Leben. Als Leser begleitet man verschiedene Abschnitte seines Daseins, immer wieder vorangetrieben durch Zeitsprünge. So ist man dabei, wie Personen kommen und gehen, er langsam reift und zu dem Cyril wird, der er eigentlich ist.

Boyne widmet das Buch einem anderen Schriftsteller: John Irving. Darüber war ich zunächst etwas verwundert – was hat er mit ihm zu tun/ kennen die sich?/ mögen die sich? Das kann ich nach erfolgter Lektüre noch immer nicht beantworten, jedoch habe ich nun eine Ahnung. Denn das Buch Cyril Avery erinnert durchaus, was Aufbau und Stil betrifft, an Romane von Irving. Denn es ist skurril und gleichzeitig tragisch, lustig und doch traurig, es ist manchmal brutal und dann wieder zurückhaltend.

Entgegen Irving gibt es – für mein Empfinden – leider ein Manko. Denn hier gelingt es dem Autor nicht, diese verschiedenen starken Emotionen zu vermischen. Das Geschehen kam in meinem Kopf sauber in Schubladen sortiert an. Es war entweder nur lustig oder nur traurig. Oder eben völlig absurd. Eine Überlappung (wie andere Autoren es schaffen)  fand für mich nicht statt. So blieb viel von der Handlung seltsam distanziert und künstlich. Cyril selbst, so viel Schlimmes er auch erlebt, hat mich seltenst wirklich berührt. Was ich sehr schade finde. Teilweise gab es solche Momente, nur eben viel zu selten.

Vielleicht liegt mein Unmut auch am Schreibstil. Keine Ahnung warum, aber ich hatte etwas Poetischeres erwartet, als letztendlich zwischen den Buchdeckeln zu finden war. John Boyne formuliert recht derb und arbeitet eher über Dialoge statt über lange Beschreibungen von Ort, Wetter oder Stimmung. Die Gespräche sind durchaus lustig/absurd (Gilmore Girls-like manchmal), gegen Ende des Buches nur teilweise zu lang und belanglos. Da ich andere Bücher von ihm noch nicht kenne, fehlt mir ein Vergleich. Vielleicht ist der Stil einfach dem rauen Land angepasst. Mein „literarisches Empfinden“ hat hier nicht genug empfunden, um total überzeugt zu sein. Das klingt vielleicht arrogant und seltsam, so ist es nicht gemeint. Meine Erwartung war nur eine andere. 

Die Lebensgeschichte des Protagonisten ist zum Glück abwechslungsreich und interessant konstruiert. Jede beschriebene Phase konzentriert sich (meistens) auf den Kern von Cyrils Problemen, viel drum herum gibt es nicht. Erst gegen Ende des Buches schwenkt die Handlung etwas aus, da mehr Personen involviert sind. Davor ist alles sehr konzentriert, was ich mochte. Es ist immer schwierig, die eigentliche Handlung eines Buches zu bewerten. Denn es ist nun mal komplett subjektiv, ob sie einen mitreißt oder kalt lässt.

Ich verstehe die begeisterten Stimmen anderer Rezensenten durchaus. Denn dieses Buch bietet viel an. Seine über 700 Seiten sind prall gefüllt mit Ereignissen, Wendungen und Überraschungen. Eine Liebesgeschichte ist dabei. Vielleicht sogar mehrere. Hintergründe zu den Verhältnissen in einem Land. Krankheiten, andere Unglücke. Ein Leben wie aus einer Soap. Für mich persönlich vielleicht wieder etwas zu viel. Boyne versucht, so derartig viele Themen anzureißen und einfließen zu lassen, dass er mit vielen sehr an der Oberfläche bleibt. Natürlich wird ein ganzes Leben beschrieben, in dem es viele verschiedene Ereignisse aus vielen Bereichen gibt. Doch auf darauf bezogen, ließ mich das Buch meist kalt. Denn erneut schwingt eine gewisse Künstlichkeit mit. Die vor allem darin begründet liegt, dass es sehr viele Zufälle in Cyrils Leben gibt. In hoher Häufigkeit trifft er immer wieder – an den unmöglichsten Orten und Jahre später – Personen aus seinem früheren Leben wieder. So häufig, dass es absurd ist. Dadurch konnte ich vieles nicht mehr ernst nehmen. 

Für wen ist dieses Buch geeignet? Schwierig zu beantworten. Wahrscheinlich für jeden (jede), der ohne Erwartungen in der Lage ist, eine Geschichte auf sich wirken zu lassen. Der noch wenige schwule Lebensgeschichten mit den üblichen Themen wie Unterdrückung, Angst und Selbstfindung konsumiert hat. Der nicht davor zurückschreckt, viele unwahrscheinliche und derbe Ereignisse mitzuerleben. Und der über 700 Seiten durchhält, die keinem graden Plot folgen.

Ich bleibe etwas enttäuscht zurück. Natürlich ist das Buch nicht komplett schlecht, ich habe es beenden können und wurde gut unterhalten. Meine Hoffnung auf ein Jahreshighlight wurde jedoch durch zu viele Punkte enttäuscht, die für mich nicht rund sind. John Boyne war so ganz anders, als ich dachte. In Zukunft werde ich es mit einem anderen Buch von ihm lesen und
erleben, ob dieses besser zu mir passt. 


gelesen vom 23.06. – 15.07.18

€ 26,00 [D], € 26,80 [A]
Erschienen am 02.05.2018
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
736 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-05853-7

André Aciman – Call Me By Your Name

Die eigentliche Geschichte des Buches ist schnell erzählt: Der 16-jährige Elio verbringt die Ferien zusammen mit seinen Eltern an italienischen Riviera, im dortigen Sommerhaus der Familie. Jedes Jahr befindet sich gemeinsam mit der Familie auch ein Student einige Wochen dort. Denn Elios Vater ist Professor und unterstützt die jungen Akademiker. Im Handlungsjahr des Buches ist es der 25-jährige Amerikaner Oliver, der an Übersetzungen arbeitet. Elio verguckt sich sofort in den Studenten. Es beginnt eine Art Spiel aus Annäherungen und Zurückweisungen, das letztlich das Leben beider Beteiligten ändern wird.

Wer plotlastige Erzählungen mit viel Geschehen mag, ist mit dieser vielleicht nicht gut beraten. Denn es geht sehr ruhig zu. Inmitten der italienischen Sommerstimmung ist es vor allem das Innenleben von Elio, welches genau seziert und beschrieben wird. Und dies passiert mit einer Intensität, die ich ganz wunderbar fand. Man ist so nah am Protagonisten wie selten. Elio denkt sich durch die langsame Handlung, der Leser bekommt jede noch so kleine Regung mit und zumindest ich rutschte so sehr massiv in die Sommerstimmung des Buches. Interessant dabei: Teilweise war mir nicht klar, ob man Elio in allem trauen kann, was er wiedergibt. Er ist schließlich ein verliebter, teilweise trotziger Teenager. Eine Version aus Sicht von Oliver wäre sehr spannend. 

Auf die Handlung bezogen kann und möchte ich nicht mehr verraten, es würde zu viel vorwegnehmen. Zum Lesegefühl dagegen lässt sich sehr viel sagen, zumindest zu meinem. Denn ich empfand es als sehr besonders aufgrund der Nähe zu Elio. Aciman schreibt das alles so kleinteilig und realistisch schön, dass ich mich kaum wehren konnte und schnell mittendrin war. Die von anderen Rezensenten beschriebene Sogwirkung war auch für mich definitiv vorhanden. 

Die leichten Längen werden durch die schöne Sprache ausgeglichen. Zudem mochte ich die leichte Unbestimmtheit über allem. Denn wann genau und wo genau sich alles abspielt, bleibt relativ offen (oder ich habe es überlesen). Alles dreht sich ausschließlich um Elio und Oliver, die Umgebung wird bewusst blass gehalten.

Wie es sich gehört, wird es gegen Ende immer trauriger. Die Stimmung verliert schleichend das Unbeschwerte. Es passt perfekt in meinen Augen und rundet die Geschichte gut ab. Kein aufgesetztes Happy End – oder kann man es doch so sehen? Das entscheidet jeder Leser für sich selbst. Für mich war es eines. 


  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (9. Februar 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423086564
  • ISBN-13: 978-3423086561
  • Originaltitel: Call Me by Your Name

gelesen vom 10.05. – 16.05.

Robert Menasse – Die Hauptstadt

Ein Mord ist geschehen in Brüssel, ein Schwein läuft frei herum. Und damit ist nicht der Täter gemeint, sondern ein wirkliches Schwein. Während es über die Straßen und Plätze der Stadt rennt, wird es von vielen Passanten gesehen. Unter anderem, nach und nach, auch von allen Protagonisten des Buches. So wirkt die Flucht des Tieres wie ein Startschuss der Geschichte: Hier beginnt er, der Gewinnerroman des Buchpreises 2017. „Robert Menasse – Die Hauptstadt“ weiterlesen

Ali Smith – Beides sein

Auf die Autorin wurde ich durch die – meiner Meinung nach – wunderschönen Cover ihrer beiden Bücher „Autumn“ und „Winter“ aufmerksam. Falls diese jemals hier veröffentlicht werden sollten, wollte ich vorbereitet sein und bereits etwas von ihr gelesen haben. „Beides sein“ erhielt ich als von mir angefragtes, kostenloses Leseexemplar über den Verlag – vielen Dank dafür. „Ali Smith – Beides sein“ weiterlesen

Anne Jacobs – Die Tuchvilla

Ab und an möchte ich etwas lesen, was einfach nur erzählt und nicht zu viel vom Leser erwartet; pure Unterhaltung statt zu komplexer Gedankengänge. Die Mischung macht es. Es war wieder an der Zeit, daher habe ich dieses Buch als Rezensionsexemplar angefragt und freundlicherweise erhalten. Vielen Dank dafür. Denn in den Regalen, Videobesprechungen und anderen Medien lief es mir seit einiger Zeit konstant über den Weg. Die vermehrte Beschreibung „Es ist wie Downton Abbey“ köderte mich, da ich die Serie sehr mag. „Anne Jacobs – Die Tuchvilla“ weiterlesen

Imogen Hermes Gowar – Die letzte Reise der Meerjungfrau oder wir Jonah Hancock über Nacht zum reichen Mann wurde

Auf dieses Buch war ich sehr gespannt, denn über englische Instagram Accounts hatte ich bereits einiges darüber gehört und gesehen. Zum Glück keine großartigen Spoiler. Meine Erwartung ging in Richtung „Die Schlange von Essex“, was zu meinen großen Highlights aus 2017 gehört. Ich habe es als Rezensionsexemplar aktiv angefordert und kostenlos erhalten, wofür ich dem Verlag sehr danke.

In meinen Gedanken zum Buch werde ich versuchen, nicht allzu viel zu verraten – dennoch gebe ich vorab eine Warnung vor leichten Spoilern, da ich die Handlung nicht völlig ausklammern kann. Wer also gar nichts wissen möchte, sollte an dieser Stelle das Lesen stoppen.

Im Kern geht es um zwei Personen im London des Jahres 1785: Der Kaufmann Jonah Hancock und die Kurtisane Angelica Neal. Beide streben nach mehr. Er nach mehr Geld, sie nach mehr Unabhängigkeit von ihrer Gönnerin, der Bordellbesitzerin Mrs. Chappell (und ebenfalls nach mehr Geld). Jonah wartet seit langer Zeit auf die Rückkehr eines Schiffes, das Handelswaren für ihn transportieren sollte. Der Kapitän zumindest kehrt zurück – ohne Schiff, dafür mit einem anderen Mitbringsel. Dieses hat er Hancock als Ersatz mitgebracht und schlägt vor, daraus Kapital zu schlagen in Form einer öffentlichen Ausstellung. Dieser willigt ein und hat Erfolg mit der Kuriositätenschau, was schließlich Mrs. Chappel auf ihn und den lockenden Ruhm aufmerksam werden lässt. Durch die kommenden Verwicklungen lernen sich schließlich auch Jonah und die Kurtisane kennen, was für beide große Auswirkungen haben wird…

Durch die Aufmachung und den Titel hatte ich zunächst an eine Art Fantasyroman gedacht, vielleicht im Jugendbereich angesiedelt. Diese Erwartung hielt nicht stand (zum Glück, siehe oben, Essexschlange und so). Stattdessen ist der erste Roman der Autorin ein waschechtes Gesellschaftsporträt über das Leben im England des georgianischen Zeitalters. Durch Einblicke in die verschiedenen Schichten und im Verlauf immer detailliertere Beschreibungen der Stadtatmosphäre war zumindest ich oftmals tief „drin“ in der Szenerie und empfand diese als realistisch.

Die Autorin lässt sich viel Zeit, um ihre Figuren zu entwickeln. Auf diesen liegt der größte Fokus. In vielen Dialogen arbeitet sie das Wesen, die Motive und Hintergründe der Charaktere sehr gründlich aus. Vielleicht wirkt diese Vorgehensweise auf einige Leser langweilig. Denn man sollte mit seitenlangen Gesprächen zurechtkommen, in denen es oft um sich immer wiederholende Themen geht (Ansehen in der Gesellschaft, wer wird durch wen langfristig versorgt, wie wird das Finanzielle auch in Zukunft gesichert usw. usw.). Dabei wird die Denkweise der Menschen im 18. Jahrhundert sehr interessant wiedergegeben – sie unterscheidet sich teilweise gar nicht so sehr von heutigen Ansichten, sondern wird nur ausführlicher begründet. Natürlich gibt es auch Punkte, die heute undenkbar sind.

Wie im Titel beschrieben, ist die Geschichte tatsächlich eine Reise. Jedoch nicht nur die der Meerjungfrau, sondern die von allen Personen im Buch. Jeden von Ihnen ändert sich im Verlauf. Im Nachhinein habe ich bemerkt, dass die Ausgangslage von vielen zu Beginn die gleiche ist; die Entwicklung ist letztendlich eine andere, jede Figur erreicht ein anderes Endziel. Das klingt, ohne die Handlung zu kennen, etwas nebulös. Nach der Lektüre wird es Sinn ergeben. Als Beispiel: So gelingt einer der Amüsierdamen durchaus ein gesellschaftlicher Aufstieg, das Bemühen einer anderen Dame in diese Richtung scheitert dagegen kläglich.

Der Fantasybezug ist ebenfalls ein Thema für sich. Denn schon während und selbst nach dem Lesen konnte ich nicht komplett feststellen, ob es überhaupt „Fantasy“ in dem Buch gibt. Die Erzählung ist in dem Punkt nicht ganz zuverlässig – möglich ist es, dass es um real gewordene Fabelwesen geht. Liest man rationaler, lässt sich (fast) alles auch wissenschaftlich erklären; nur einzelne Merkmale sind als reine Fantastik erkennbar. Und vielleicht lassen sich sogar diese Ereignisse heutzutage durch Physik oder Psychologie belegen. Je nach Herangehensweise hat der Leser die Möglichkeit, das Buch seinen Wünschen entsprechend zu verstehen. Er bekommt das Handwerkszeug dafür mit auf den Weg gegeben.

Gowars Erstling ist eine klare Empfehlung für jede Person, die sich gern Zeit nimmt für das Lesen von ausführlichen und ruhigen Geschichten. Wer dazu noch ein Faible für Historisches hat, keine ständigen Wendungen erwartet und auch mit nicht sofort erklärbaren Phänomenen zurechtkommt, findet hier ein Fest vor.

BASTEI LÜBBE
HARDCOVER
SONSTIGE BELLETRISTIK
555 SEITEN
ÜBERSETZT VON ANGELA KOONEN 
ALTERSEMPFEHLUNG: AB 16 JAHREN
ISBN: 978-3-431-04082-1
ERSTERSCHEINUNG: 29.03.2018

gelesen vom 01.04. – 07.04.