Juli Zeh – Neujahr

Das Buch habe ich als kostenfreies Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten – vielen vielen Dank dafür. 

Henning, seine Frau Theresa und ihre beiden Kinder machen Urlaub auf Lanzarote. Über die Weihnachts- und Silvestertage. Es ist Neujahr, und Henning fährt alleine per Rad einen Berg hinauf. Dabei lässt er die vergangenen Tage, sein bisheriges Leben und seine Familie in Gedanken Revue passieren. Als er oben ankommt, geht es ihm nicht gut. Bis ihm dort oben langsam alles hochkommt und er begreift, was in seinem Leben schief gegangen ist. „Juli Zeh – Neujahr“ weiterlesen

Christian Kracht – Imperium

Deutschland zur Kaiserzeit: August Engelhardt hat Großes vor. Er wandert aus, in die Kolonie Deutsch-Neuguinea, um dort ein neues Leben und gleich eine ganz neue Lebensart zu begründen. Ausschließlich von Kokosnüssen möchte er leben. Und einen Handel zwischen seiner neuen und der alten Heimat mit den Früchten aufziehen. Und sowieso ein viel besseres Leben führen als die machtstrebenden, militanten Deutschen.

Doch seine Pläne sind ambitioniert, vielleicht zu sehr. Engelhardt hat kurzzeitig Erfolg. Nach und nach geht er mehr in seiner Rolle als Öko-Einsiedler auf, wird wunderlich und abgeschiedener. Der friedliche Mann gleicht im Verlauf der Geschichte nicht mehr dem einstigen Idealisten, sondern einem Irren.

Das schmale Buch hat es in sich. Kracht fabuliert, formuliert und jongliert mit der Sprache, wie ich es bisher selten las. Ein komplett kunstvoller Text, der sich jedoch – seltsamerweise – flüssig lesen lässt. Die Geschichte ist eine Mischung aus Abenteuerroman, Aussteigergeschichte, Gesellschaftskritik und Historie. Diese Elemente passen wunderbar gut zusammen.

Manchmal – aber nur manchmal – war ich etwas erschlagen von derlei achterbahnigen Eskapaden. In diesen Passagen verlor Kracht mich etwas, um mich jedoch schnell wieder einzufangen. Soll heißen, dass sie dem Gesamtbild keinen Abbruch taten.

Falls man mich fragen würde, was ich letztendlich an Weisheiten aus diesem Buch ziehen konnte, könnte ich darauf gar nicht klar antworten. Vielleicht geht es im Kern um die Erreichung von Idealen. Um Hindernisse, welche die Umwelt immer wieder in den Weg wirft, damit dieser nicht zu glatt zum Ziel führt. Um das Scheitern. In erster Linie ist die Geschichte für mich ein perfektes Beispiel dafür, was man mit Sprache kreieren kann und wie sehr wir sie brauchen, um uns Fremdes erschaffen zu können.


  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 6 (25. Juli 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596185351
  • ISBN-13: 978-3596185351

André Aciman – Call Me By Your Name

Die eigentliche Geschichte des Buches ist schnell erzählt: Der 16-jährige Elio verbringt die Ferien zusammen mit seinen Eltern an italienischen Riviera, im dortigen Sommerhaus der Familie. Jedes Jahr befindet sich gemeinsam mit der Familie auch ein Student einige Wochen dort. Denn Elios Vater ist Professor und unterstützt die jungen Akademiker. Im Handlungsjahr des Buches ist es der 25-jährige Amerikaner Oliver, der an Übersetzungen arbeitet. Elio verguckt sich sofort in den Studenten. Es beginnt eine Art Spiel aus Annäherungen und Zurückweisungen, das letztlich das Leben beider Beteiligten ändern wird.

Wer plotlastige Erzählungen mit viel Geschehen mag, ist mit dieser vielleicht nicht gut beraten. Denn es geht sehr ruhig zu. Inmitten der italienischen Sommerstimmung ist es vor allem das Innenleben von Elio, welches genau seziert und beschrieben wird. Und dies passiert mit einer Intensität, die ich ganz wunderbar fand. Man ist so nah am Protagonisten wie selten. Elio denkt sich durch die langsame Handlung, der Leser bekommt jede noch so kleine Regung mit und zumindest ich rutschte so sehr massiv in die Sommerstimmung des Buches. Interessant dabei: Teilweise war mir nicht klar, ob man Elio in allem trauen kann, was er wiedergibt. Er ist schließlich ein verliebter, teilweise trotziger Teenager. Eine Version aus Sicht von Oliver wäre sehr spannend. 

Auf die Handlung bezogen kann und möchte ich nicht mehr verraten, es würde zu viel vorwegnehmen. Zum Lesegefühl dagegen lässt sich sehr viel sagen, zumindest zu meinem. Denn ich empfand es als sehr besonders aufgrund der Nähe zu Elio. Aciman schreibt das alles so kleinteilig und realistisch schön, dass ich mich kaum wehren konnte und schnell mittendrin war. Die von anderen Rezensenten beschriebene Sogwirkung war auch für mich definitiv vorhanden. 

Die leichten Längen werden durch die schöne Sprache ausgeglichen. Zudem mochte ich die leichte Unbestimmtheit über allem. Denn wann genau und wo genau sich alles abspielt, bleibt relativ offen (oder ich habe es überlesen). Alles dreht sich ausschließlich um Elio und Oliver, die Umgebung wird bewusst blass gehalten.

Wie es sich gehört, wird es gegen Ende immer trauriger. Die Stimmung verliert schleichend das Unbeschwerte. Es passt perfekt in meinen Augen und rundet die Geschichte gut ab. Kein aufgesetztes Happy End – oder kann man es doch so sehen? Das entscheidet jeder Leser für sich selbst. Für mich war es eines. 


  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (9. Februar 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423086564
  • ISBN-13: 978-3423086561
  • Originaltitel: Call Me by Your Name

gelesen vom 10.05. – 16.05.

Robert Menasse – Die Hauptstadt

Ein Mord ist geschehen in Brüssel, ein Schwein läuft frei herum. Und damit ist nicht der Täter gemeint, sondern ein wirkliches Schwein. Während es über die Straßen und Plätze der Stadt rennt, wird es von vielen Passanten gesehen. Unter anderem, nach und nach, auch von allen Protagonisten des Buches. So wirkt die Flucht des Tieres wie ein Startschuss der Geschichte: Hier beginnt er, der Gewinnerroman des Buchpreises 2017. „Robert Menasse – Die Hauptstadt“ weiterlesen

Ali Smith – Beides sein

Auf die Autorin wurde ich durch die – meiner Meinung nach – wunderschönen Cover ihrer beiden Bücher „Autumn“ und „Winter“ aufmerksam. Falls diese jemals hier veröffentlicht werden sollten, wollte ich vorbereitet sein und bereits etwas von ihr gelesen haben. „Beides sein“ erhielt ich als von mir angefragtes, kostenloses Leseexemplar über den Verlag – vielen Dank dafür. „Ali Smith – Beides sein“ weiterlesen